Kunst verstehen: Jasper Johns ... einfach mal `ne Flagge malen
Jasper Johns, "Flagge auf orangefarbenem Feld", 1957
Jasper Johns, "Flagge auf orangefarbenem Feld", 1957Foto-Quelle: © Museum Ludwig Köln

Die bekannte und berühmte Kunstrichtung „Pop Art“ entstand in den Vereinigten Staaten von Amerika als bewußte Abkehr von der Malerei des „Abstrakten Expressionismuses". Ein sehr wichtiger Wegbereiter dafür ist Jasper Johns, der am Freitag, den 15. Mai seinen 90. Geburtstag feiert - herzlichen Glückwunsch!

Die Kunstrichtung „Pop Art" (Malerei nebst Skulpturen) ist in der Mitte der 1950er Jahre
entstanden. Während in den USA die New Realists und Freunde Jasper Johns und Robert Rauschenberg den Boden für die Entstehung der Pop Art vorbereiteten, spielten in England eine entscheidende Rolle für Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi die Massenmedien und -unterhaltungen (Comics, Film, Kitschromane, Regenbogenpresse, Sciencefiction, Werbung). Sie besaßen eine ganz wichtige Anregerfunktion. Die „Pop Art“ erzielte so eine universelle Verbindung von Kunst und Leben, wie sie auch der berühmte Künstler und Komponist John Cage postulierte. Unser Künstler Jasper Johns hat bis heute eine intensive künstlerische Arbeit hinter sich und wurde durch seine „Kunst“ sogar mehrfacher Millionär. Trotzdem war er sehr "fleißig" als Bahnbrecher der Pop Art, Schaufensterdekorateur, Maler, Plastiker, Bühnen- und Kostümbildner.

Allein in einer einzigen Auktion (November-Auktion Sotheby’s im Jahr 2004) brachten Jasper Johns “Green Target” von 1956 3.368.000 Millionen Dollar - die “Flag” von 1971 4.488.000 Millionen Dollar - und das Numeral “0 Through 9” von 1961 10.928.000 Millionen Dollar! So etwas schaffen ganz, ganz wenige Künstler.

Dazu eine oft diskutierte Frage: „Ist Jasper Johns eigentlich ein Pop-Art-Künstler?“, denn viele sehen sein Kunstwerk „Three Flags (1958)“ (Bildergalerie Bild 2) als einen Meilenstein und Wegbereiter zur „Pop Art“. Er selbst gibt dazu folgende Antwort: „Ich bin kein Pop-Künstler!. Ich wollte nur die Differenz von Realität und Kunst aufzeigen.“ Auf die weitere Frage, ob die Flagge ein Kunstwerk oder eine Flagge sei, antwortete er: „Beides, allein meine malerische Behandlung des Gegenstandes lässt die Differenz schon erkennen.“

Jasper Johns

 Biografie

Wie anfangs schon erwähnt, wurde er am 15. Mai 1930 in Augusta (US-Bundesstaat Georgia) geboren. Seine Eltern waren Jean Riley und William Jasper Johns. Der Vater gab seinem Sohn den Namen „Jasper“ (zu Ehren von William Jasper, einem Sergeant im Amerikanischen Unabhängigkeits-Krieg). Daher auch die Künstlerbezeichnung „Jasper Johns Jr.“.

Kurze Zeit später scheiterte die Ehe seiner Eltern und er wuchs bei seinen Großeltern in Allendale, South Carolina auf - anschließend lebte er bei seiner Mutter in Columbia, South Carolina, danach bei seiner Tante in Lake Murray, auch South Carolina - ein typisches Schicksal von Scheidungskindern. Im Jahre 1947 wohnte er wieder bei seiner Mutter und schloss die Edmunds High School in Sumter, South Carolina, ab.

Er soll als kleiner Junge (aus freien Stücken) mit dem Malen begonnen haben. Er erzählte selbst über diese Zeit: “An den Orten, an denen ich Kind war, gab es keine Künstler und keine Kunst, ich wusste überhaupt nicht, was Kunst bedeutete.” Also ohne „Vorbildung“ fand Jasper Johns zur Kunst (er hatte den richtigen Instinkt). Von Herbst 1947 bis Dezember 1948 studierte er an der University of South Carolina, Columbia. Im Jahre 1949 verbrachte er zwei Semester an der Parsons School of Design in New York und hatte diverse Gelegenheitsjobs. Danach leistete er seinen Militärdienst von Mai 1951 bis Ende 1952 in South Carolina und Japan(!).

Im Jahre 1952 erfolgte die Rückkehr nach New York und er schrieb sich am Hunter College ein, arbeitete aber als Buchverkäufer. In der Folge entstanden Freundschaften mit Robert Rauschenberg, Rachel Rosenthal, dem Tänzer Merce Cunningham und dem John-Cage-Kreis, wobei er dessen Ideen in seiner Kunst umsetzte. Auch assistierte er Robert Rauschenberg bei seinen Schaufenster-Dekorationen (z.B.: für Tiffany) und widmete sich dann aber voll der Malerei.

Jasper Johns malte zunächst im Stil des „Abstrakten Expressionismuses" und wandte sich Mitte der 1950er Jahre ab. Er schuf dann „banale“ Alltagsdinge (Konservendosen oder Zielscheiben) und machte sie so zu seinen Kunstmotiven. So entstand entstand z.B.: die "Flagge auf orangefarbenem Grund“ 1959 (Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild).

Jasper Johns und "seine" Enkaustik

Häufig führte Jasper Johns seine Bilder in "Enkaustik (auch Wachsmalerei)" aus. Es ist eine künstlerische Maltechnik, die eine deutlich längere Tradition als die Ölmalerei hat. Hier werden Wachsfarben mit einem Maleisen erhitzt und auf den Malgrund aufgebracht. Ihre Blütezeit in der Kunst erlebte sie in der griechisch-römischen Antike. In der Vorstellung des jeweiligen Künstlers wurden die eigenen materialisierten Gedanken mit Feuer unvergänglich auf der Malfläche eingebrannt. Das Bienenwachs wurde zumeist mit eingeführten Pigmenten aus Ägypten oder dem Sudan gemischt. Das Wort "Enkaustik" leitet sich von dem griechischen Wort "enkauston - eingebrannt" ab.

Ab 1954 "fand“ Jasper Johns zu seinen typischen Motiven (wie Targets -Zielscheiben-, die amerikanische Flagge, die Landkarten der Vereinigten Staaten, die Buchstaben und die Zahlen).

 Im Jahre 1957 begann seine Bekanntschaft mit dem "legendären" Leo Castelli, der 1958 die erste Jasper Johns Ausstellung organisierte. Alfred Hamilton Barr, US-amerikanischer Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Museum of Modern Art (MoMA) in New York kaufte erste Jasper Johns Werke an.

Im gleichen Jahr entstanden dreidimensionale Arbeiten als Assemblagen, die aus der Kombination verschiedener Objekte zusammengestellt wurden. Er fertigte ab 1960 Glühbirnen oder Konservendosen zu "Sculpmetals" an, die er in Bronze goss und bemalte. Im Jahr darauf wurde ihm auf der Biennale in Pittsburgh der Carnegie-Preis verliehen. Gleichfalls begann er mit der Technik der Lithographie. Jasper Johns unternahm im Jahr 1964 eine Reise nach Hawaii und nach Japan.

Gezielte Präsenz

Jasper Johns war auf der Biennale von Venedig und der Documenta 3 (1964), Documenta 4 (1968), Documenta 5 (1972) und Documenta 6 (1977) in Kassel mit Werken vertreten. Es folgten weitere bedeutende Auszeichnungen. 1973 wurde er in die American Academy of Arts and Letters berufen, 1984 in die American Academy of Arts and Sciences und 2007 in die American Philosophical Society aufgenommen. Im Jahre 2011 erhielt er mit der Presidential Medal of Freedom die höchste zivile Auszeichnung der USA(!). Jasper Johns lebt seit 1988 in New York und Saint-Martin und feierte am 15. Mai seinen 90. Geburtstag!

Zum Schluß eine Bilanz (oder der Künstler schweigt)

Indem Jasper Johns ein vorgefundenes Bild aus seinem Zusammenhang löst und dafür einen neuen schafft, macht er es sich zu eigen. Man sieht die Reichhaltigkeit des Materials und die Sorgfalt, mit der er das Sujet darstellt. So wird etwas ganz Eigenständiges daraus. Der Gegensatz zwischen Form und Inhalt ist wie immer bei Jasper Johns verblüffend. Das eine scheint mit dem anderen nichts zu tun zu haben. In solche Sujets lässt sich Bedeutung hineinlesen, aber auch nicht! Jasper Johns‘ Verschwiegenheit ist legendär, besonders was den Symbolgehalt seiner Werke betrifft. Es fällt nur allzu leicht, vor diesen „manikürten“ Mysterien in Ehrfurcht zu erstarren. Er genießt in den Vereinigten Staaten den Status eines „Nationalheiligen!“.

Die Bildergalerie:

Jasper Johns, "Flagge auf orangefarbenem Feld", 1957
Jasper Johns, "Flagge auf orangefarbenem Feld", 1957Foto-Quelle: © Museum Ludwig Köln

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Jasper Johns, "Flagge auf orangefarbenem Feld", 1957 - © Museum Ludwig Köln - Die US Flagge wird auch „Sternenbanner“ oder „Stars and Stripes“ genannt. Die Anzahl der Sterne ist deutlich gewachsen. Da, wo früher 13 waren, sind heute 50, bei Jasper Johns 48 (acht mal sechs Sterne).

Als der „Abstrakte Expressionismus“ in den USA auf dem Höhepunkt war, stellt Jasper Johns 1954 diesem Malstil etwas sehr Gegenständliches und Plakatives entgegen: Ein Bild(?) einer amerikanischen Flagge!. Dieses „einfache“ Bild fällt auf! Und es stellt sich die Frage: Was sieht man dort eigentlich – eine amerikanische Flagge? Oder ein Gemälde? Möglicherweise auch einfach verschiedene Formen und Farben?

Und was macht Jasper Johns mit diesem Symbol? - Er umrahmt es 1957 mit einem orangenen Feld! Er nutzt weder Öl- noch Acrylfarben, sondern bedient sich der antiken Maltechnik der Enkaustik. Aus dem klaren Motiv „Flagge“ wird so ein vielschichtiges Bild - nichts Hoheitliches ist mehr im Symbol zu erkennen.

Jasper Johns, "Three Flags (Drei Flaggen)", 1958
Jasper Johns, "Three Flags (Drei Flaggen)", 1958Foto-Quelle: © © Whitney Museum of American Art, New York

Bildergalerie Bild 2 - Jasper Johns, “Three Flags (Drei Flaggen)“, 1958 - © Whitney Museum of American Art, New York - Es ist ein Gemälde, dass aus drei mit heißem Wachs bemalten Leinwänden (Enkaustik) besteht und eine abgestufte Anordnung über die Mitte besitzt (jede etwa 25% kleiner). Es entstand ein dreidimensionales Werk.

Jasper Johns, "White Flag (Weiße Flagge)", 1955
Jasper Johns, "White Flag (Weiße Flagge)", 1955Foto-Quelle: © Metropolitan Museum New York

Bildergalerie Bild 3 - Jasper Johns, “White Flag (Weiße Flagge)“, 1955 - © Metropolitan Museum New York - „Weiße Flagge“ ist das größte von Johns' Flaggengemälden und das erste, in dem die Flagge monochrom dargestellt wird. Das schnelltrocknende Medium der Enkaustik ermöglichte Jasper Johns, jeden Pinselstrich hervorzuheben, während die Flagge mit ihren 48 Sternen eine Struktur für die gefächerte Oberfläche bietet. Jasper Johns erzählte, dass die Flagge (eines seiner häufigsten Motive) von einem Traum inspiriert worden ist, in dem er selbst die amerikanische Flagge malte. Ihm gefiel an dem Flaggen-Motiv, dass sie bereits existierte, denn er musste sie nicht erst erfinden. Seit 1955 hat Jasper Johns Dutzende Flaggenkompositionen in einer großen Bandbreite an Größen, Farbpaletten und Medien erstellt.

Jasper Johns, "Target (Zielscheibe)", 1974
Jasper Johns, "Target (Zielscheibe)", 1974Foto-Quelle: © MoMA New York

Bildergalerie Bild 4 - Jasper Johns, "Target (Zielscheibe)", 1974 - © MoMA New York.

Jasper Johns, "Alphabet", 1959
Jasper Johns, "Alphabet", 1959Foto-Quelle: © WahooArt.com

Bildergalerie Bild 5 - Jasper Johns, “Alphabet“, 1959 - © WahooArt.com.

Jasper Johns, "Zahlenbild Null bis Neun", 1959
Jasper Johns, "Zahlenbild Null bis Neun", 1959Foto-Quelle: © Museum Ludwig Köln

Bildergalerie Bild 6 - Jasper Johns, "Zahlenbild Null bis Neun“, 1959 - © Museum Ludwig Köln.

Jasper Johns, "Painted Bronze (Zwei Bierdosen)“, 1960
Jasper Johns, "Painted Bronze (Zwei Bierdosen)“, 1960Foto-Quelle: © Museum Ludwig Köln

Bildergalerie Bild 7 - Jasper Johns "Painted Bronze (Zwei Bierdosen)“, 1960, Ölfarbe auf Bronze - © Museum Ludwig Köln - Die zwei bemalte Bierdosen aus Bronze und in Originalgröße stammen von 1960 - übrigens sind sie „älter“ als Warhols Suppendosen!

Jasper Johns, "Racing Thoughts ( Rasende Gedanken)", 1983
Jasper Johns, "Racing Thoughts ( Rasende Gedanken)", 1983Foto-Quelle: © Whitney Museum of American Art, New York

Bildergalerie Bild 8 - Jasper Johns, “Racing Thoughts (Rasende Gedanken)“, 1983 - © Whitney Museum of American Art, New York. - Gedanken von Personen "rasen" oftmals unkontrolliert von einem Thema zum anderen - manchmal sogar so schnell, dass eine Verbindung nicht umgesetzt werden kann. Jasper Johns neigt dazu persönliche Vorlieben und materielle Notwendigkeiten, aktive und passive Ursachen, miteinander zu verbinden. Das Gemälde zeigt eine Reihe von Objekten und Kunstwerken, die in seinem Atelier oder der häuslichen Umgebung zu finden sind (z.B.: ein Lawinenwarnschild als Reproduktion einer Schweizer Zeitung und eine Mona Lisa von Leonardo da Vinci)."Es müssen Dinge sein, an die ich gedacht habe“, kommentierte „trocken“ Jasper Johns.

Farbfoto: Jasper Johns 1990 vor Gemälde  "Flag", 1954
Farbfoto: Jasper Johns 1990 vor Gemälde "Flag", 1954Foto-Quelle: © Yousuf Karsh

Bildergalerie Bild 9 - Farbfoto: Jasper Johns 1990 vor Gemälde „Flag (1954)“- © Yousuf Karsh


Links:


(Biografie - Jasper Johns)
https://de.wikipedia.org/wiki/Jasper_Johns

(Enkaustik)

https://de.wikipedia.org/wiki/Enkaustik

(Pop Art)
http://www.designlexikon.net/Fachbeg...popart.html


(Amerikanische Nationalflagge)
https://de.wikipedia.org/wiki/Flagge...ten_Staaten

(Sammlung Ludwig Köln)
https://www.museum-ludwig.de/de/muse...ludwig.html


Map-Data:

Museum Ludwig - Jasper Johns - Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln

Das Museum Ludwig ist ein Museum der Stadt Köln für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und zählt heute zu den bedeutendsten Kunstmuseen Europas.

3 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Ich sag mal: Naaaajaaaa! Vorgefundenes und Zu-Fälliges neu zu arrangieren, das gibts schon seit DaDa. Und da hatte es Berechtigung als Protest gegen das Establishment. Und war überzeugend, weil sie arm wie die Kirchenmäuse waren, die Balls und die Henning-Balls usw. Aber mit der Provokation Millionen zu machen ist so eine Sache, es muss der Pop-Art Artist sich ja noch jeden Tag beim Rasieren in die Augen blicken können... Und es lebe halt immer der Markt und die Vermarktung!
Künstler wie Johns sind typisch für die USA. Meiner Meinung nach gab es Bedeutendere, weil die unser Sehen neu beflügelt haben. Roy Lichtenstein ist so einer. Wer einmal vor einem seiner riesigen Bilder als aufgeblasene Comics gestanden hat, der verspürt einen Sog in der Wahrnehmung. Da wird man echt erschlagen! Aber -gerechterweise muss es gesagt sein- ich müßte die Bilder im Original sehen, ob Johns, Lichtenstein, Klapheck, Altdorfer oder Dürer wirken nur im Original. Ein Pollock als Postkarte ist einfach gar nix, da muss man schon davorstehen, dass es überhaupt wirken kann...
Aber die Kunst ist frei, der Stil ist frei und es ist nicht verboten, reich zu werden damit. Ich wärs hin und wieder auch gerne!
Danke, Volker, für den Beitrag und Alles Gute!
wize.life-Nutzer
Danke für Deine meinungsstarken Zeilen und Dein Lob für den Züricher DADA. In diesem Sinne liebe Grüsse von Volker
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wize.life-Nutzer
Fantastisch - ein typischer Stier eben ... 👍
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