Der letzte Muttertag
Der letzte Muttertag
Der letzte Muttertag

Als kleines Mädchen hatte ich eine gleichaltrige Freundin, Svenja, die direkt gegenüber wohnte.
Ich hatte sie sehr gerne und wir verbrachten viel Zeit miteinander. Wir spielten draußen oder in meinem Zimmer. Nie bei ihr.
Ihre Mutter war eine grobschlächtige und laute Frau, die viel schimpfte.
Ich fürchtete sie.
Meine Freundin fürchtete sie noch viel mehr.
Wie oft wurde sie panisch und wollte nicht nach Hause, wenn wir bemerkten, dass wir beim Spielen die Zeit vergessen hatten und sie zu spät kommen würde?
Wie oft hatte ich sie bis zur Tür gebracht und bang mit ihr geklingelt und schon vor dem Öffnen das wutentbrannte Gebrüll ihrer Mutter gehört, mit der ich sie nun alleine lassen musste?
Wie oft sah ich ihre von blauen Flecken übersähte Haut und konnte ihr doch nicht helfen?
Die Erwachsenen sahen weg. Das arme Kind war zu bedauern ja, aber dennoch, es geht uns nichts an.
Meine Freundin und ihre große Schwester stammten aus erster Ehe und bekamen Prügel. Mit dem Kleiderbügel, mit dem Kochlöffel, mit dem Teppichklopfer und was sonst gerade greifbar war.
Mit dem Stiefvater hatte die Mutter noch einen kleinen Jungen und ein kleines Mädchen bekommen, die sie verhätschelte und verwöhnte.
Eines Nachmittags gab uns die Mutter eine Mark, um beim Krämer um die Ecke eine Flasche Limonade für die jüngeren Geschwister zu kaufen. 
Auf dem Rückweg hüpften wir ausgelassen herum, ich weiß noch, dass Svenja Clogs trug, die so schön auf dem Bürgersteig klapperten und mich vor Neid erblassen ließen. Doch plötzlich stolperte sie. Die Flasche zerplatzte mit einem lauten Knall auf dem Boden und Svenja fiel mittenhinein in die Scherben. Ihre aufgeschnittenen Arme und Beine bluteten wie verrückt. Sie weinte laut auf vor Schmerz. Aber noch lauter weinte sie aus Angst. Als wir 5 Minuten später vor ihrer Mutter standen und sie sah, wie Svenja zugerichtet war, packte sie sie am Arm und schlug ihr heftig ins Gesicht, weil ihre Geschwister nun keine Limonade trinken konnten. Sie riss ihr die blutigen Kleider vom Leib, griff nach einem Holzkleiderbügel, schubste mich aus der Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu. 
Das grauenhafte, klatschende Geräusch des Bügels auf der nackten Kinderhaut, übertönte das von rasender Wut geschürte Geschrei der Mutter, das Flehen und Wimmern meiner Freundin klingt in meinem Ohr, wie ein betäubendes Echo, während ich dies aufschreibe. 
Als ich ungefähr 12 war, zogen wir in eine andere Stadt und ich verlor Svenja aus den Augen.

Vor ein paar Jahren traf ich sie zufällig wieder und ich erinnerte mich sofort an die entsetzlichen Qualen ihrer Kindheit. 
An diesem Nachmittag erzählte sie mir etwas, das mich immer noch tief berührt, wenn ich es mir ins Gedächtnis rufe:
Ihre Mutter, zu der sie als Erwachsene den Kontakt abgebrochen hatte, lag schwer erkrankt in einer Spezialklinik.
Svenja hatte sich vorgenommen, ihr bei einem einzigen Besuch, all die unterdrückte Abscheu und Verachtung, die sie in sich trug, entgegenzuschleudern. Sie sollte einsam sterben, ängstlich, sich selbst überlassen und dann zur Hölle fahren. Das sollte ihre Rache werden, ein triumphales, finales Aufbegehren gegen diese furchtbare Mutter, das sie nie gewagt hatte.

Als sie das Krankenzimmer betrat und ihre Mutter hilflos und ausgezehrt daliegen sah, inmitten der vielen Schläuche, das Surren der medizinischen Geräte in der Luft, war die Wut plötzlich weg und etwas anderes trat an ihre Stelle und erschütterte sie.
Sie fühlte Mitleid. Fühlte Bedauern um all die vertanen Chancen eines Neubeginns. Fühlte Schmerz. 
Und ja, sie fühlte noch etwas: Liebe.
Sie schaute ihrer Mutter in die Augen und erkannte staunend, dass sich ihre eigenen ungewohnten Empfindungen in ihnen widerspiegelten.
Da nahm sie spontan ihre Hand und begann sie zu streicheln. 
Nie dagewesene Zärtlichkeit.
Zwei Wochen lang streichelte sie die immer kraftloser werdende Hand. Geredet haben sie nicht, die Mutter war schon zu schwach. Verstanden haben sie beide. Ganz ohne ein Wort.

Dann starb ihre Mutter. 
Friedvoll. Ohne Angst. 
Am Muttertag 2011.

Svenjas große Schwester hat sich mit 28 das Leben genommen, weil sie die Schreckgespenster der Kindheit nie losgeworden war.
Die Schreckgespenster meiner Freundin sind im Moment des Verzeihens verschwunden und nie wiedergekehrt. 

"Verzeihen ist der wichtigste Schritt weg von Schmerz", sagte sie.
"Hadern mit dem, was war, nährt ihn. 
Ihn zu verleugnen, ist zwecklos. Er ist wohnt in uns und richtet viel Unheil an.
Nur Menschen, die wir lieben, können uns so sehr verletzen, dass es für ein ganzes Leben reicht.
Diese Liebe zu verleugnen, ein Akt der Ohnmacht. Sie ist trotzdem da. 
Sei mutig, fühl sie. Sie heilt."

Du hattest Recht, Svenja.
Danke.  

7 Kommentare

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Verzeihen ist wichtig, ... nur so kann man das Böse hinter sich lassen und glücklich und mutig leben.
Zu meinem Geburtstag 2014 hat meine Mutter zu mir gesagt "Ich habe dich lieb". Ich habe lange auf diese Worte warten müssen ...
Im November 2014 ist meine Mutter (unerwartet) gestorben. Inzwischen habe ich auch erfahren, was für eine schlimme Kindheit meine Mutter durchlitten hat.
Ich bin mit meiner Mutter im Reinen.
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Wenn man verzeihen kann, können die alten Wunden heilen.
Danke für diese Erzählung.
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so eine Stärke habe ich nie gekannt . Ich bin nicht der Typ , der so Sachen einfach verzeiht . Auch nicht wenn die Augen noch so trübe . Ich habe meiner Mutter nie verziehen , auch wenn ich nicht so schlimme Prügel bezogen hatte . Mir hat die Mutterliebe ganz gefehlt . Es gab nur einen Menschen , der mich über alles geliebt hat , das war mein Opa . Die Liebe war gegenseitig .
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ich hatte aber die Stärke , mir Ersatz für die entgangene Mutterliebe zu suchen , ich habe diesen Menschen sehr gemocht , der mir ein Stück Liebe entgegen gebracht hat .
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Das ist war Stärke
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Ich kenne die Angst.
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Ohne weitere Worte...
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