Kunst verstehen: Der beidhändig malende Künstler Hann Trier …
Hann Trier, "Primavera", 1964
Hann Trier, "Primavera", 1964Foto-Quelle: © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Anfänglich war für mich der Künstler Hann Trier kein so kunstgeschichtlicher Begriff, aber schon seine Vorbilder Pierre Soulages, Hans Hartung und Georges Mathieu - dazu noch der inzwischen berühmte Weggefährte Wols (eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze) . . . Und so aktuelle Künstler wie Elvira Bach, Georg Baselitz und Banjamin Katz gehörten zu seinen Schülern. Er war ein deutscher Maler des „Informel", Aquarellist und Grafiker, auch war er der ältere Bruder des Kunsthistorikers Eduard Trier und verheiratet mit der Soziologin Renate Mayntz-Trier.

Stichwort: Wols (eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze) war ein deutsch-französischer Fotograf, Maler und Grafiker. Er gilt als wichtiger Künstler des Tachismuses und des Informel - er ist ein stiller Star, ein Kunstvagabund und längst ein Mythos. Im Paris der Existenzialisten traf er mit seiner Kunst ein verbreitetes Zeitgefühl.

Stichwort: Georges Mathieu war ein französischer Maler und galt als einer der Hauptvertreter des Tachismuses. Seine Bilder sind ungegenständliche und eine von der Schnelligkeit des Malvorgangs bestimmte Kompositionen. (Die Entstehungen seiner Bilder stammen von der japanischen Kalligrafie, die mit Meditation, Konzentration, Improvisation und Geschwindigkeit entstanden).

Und nun zu …



… dem Kunst-Begriff "Informel“, der keinen einheitlichen Stil bezeichnet, sondern fasst verschiedene abstrakte Strömungen der europäischen Nachkriegskunst zusammen. Er ist der Sammelbegriff für Kunstausprägungen, die sich „auf die nicht-geometrische Traditionslinie abstrakter Malerei“ gründen. Zu seinen Merkmalen zählen die Formlosigkeit und die Spontaneität bei der künstlerischen Produktion. Farbe und andere bildnerische Materialien werden autonom eingesetzt, der Arbeitsprozess unterliegt keinen starren Regeln.

Namensgeber war der Kunstkritiker Michel Tapie, der den Namen „art informel" 1951 auch für eine Pariser Ausstellung kreierte. In der Frühzeit war die Bezeichnung „Tachismus“ üblich, ein von dem Kunstkritiker Pierre Gueguen geprägter Begriff. Ein weiterer synonymer Begriff war „Lyrische Abstraktion“, der von Georges Mathieu in Verbindung mit der Ecole de Paris geprägt wurde. (Parallel zum „Informel" entwickelte sich in den USA der aus dem Surrealismus hervorgegangene "Abstrakte Expressionismus").

Als direkte Wegbereiter des "Informel" galten die damals in Paris lebenden Künstler Wols, Jean Fautrier und Hans Hartung, der seinerseits von Wassily Kandinsky und Paul Klee beeinflusst war.
Daneben werden als bedeutende Anreger des deutschen Informel auch Willi Baumeister, Ernst Wilhelm Nay, Hann Trier und Fritz Winter genannt.

Hann Trier Biografie

Er wurde am 1. August 1915 in Kaiserswerth, heute Düsseldorf, geboren. Aber er wuchs in Köln auf (seine Mutter entstammte einer Rheinschiffer-Familie und sein Vater war Telegrafen-Inspektor) und besuchte hier ein humanistisches Gymnasium - er beschäftigte sich aber schon mit täglichem Malen und mit Motiven von Chagall, Nolde und Ernst. Im Jahre 1933(!) kam er sogar als Austauschschüler nach Frankreich, er befasste sich mit viel Lyrik - es entstanden Aquarelle nach Paul Cezanne.

Im Jahre 1934 begann dann Hann Trier ein Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, das er vier Jahre später in Berlin mit dem Staatsexamen abschloß. Nach seiner Militärzeit arbeitet er als technischer Zeichner in Berlin, wird aber 1944 nochmals eingezogen. Dann kehrte er 1946 ins Rheinland zurück, wo er die "Donnerstagsgesellschaft" gründete und einen "Tag der abstrakten Kunst" veranstaltete. Hann Trier suchte eine eigene abstrakte Bildsprache und versuchte, das Prinzip von Tempo und Beschleunigung darzustellen. Die Linie wurde ein wichtiges Bildelement, die für ihn Energie und Bewegung darstellt (Vorbild: Hans Hartung). Die Jahre ab 1950 wurden geprägt von zahlreichen Reisen nach Frankreich, den USA und nach Kolumbien (Aufenthalt 1952-55). Hier erprobte Hann Trier das beidhändige Malen mit zwei Pinseln als simultan wiederholte Bewegung, das sich bald als sein Formprinzip entwickelte.

Nach seiner Deutschland-Rückkehr 1955, ging er als Gastdozent an die Hochschule für Bildende Künste nach Hamburg. Zwei Jahre später erfolgte eine Berufung an die Berliner Hochschule für Bildende Künste, wo er bis 1980 lehrte. Ab 1961 entstanden bei Hann Trier symmetrisch angelegte Kompositionen mit breiten Pinselzügen.

Ganz besondere Werke: 1972 kam es zur Ausführung des großen Deckenbildes im Schloß Charlottenburg. Ein weiteres Deckengemälde in der Rathaushalle in Köln entstand 1977/80 (Bildergalerie Bild 8), ein drittes wurde 1984 in der Deutschen Botschaft in Rom fertiggestellt. Hann Trier erhielt zahlreiche Preise und wurde 1989 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen geehrt. Er ist regelmäßig auf Ausstellungen vertreten (Deutsche Künstlerbund 1950, Erste Ausstellung 1. Aug. – 1. Okt. 1951, Hochschule für Bildende Künste, Berlin) und nimmt an der documenta I (1955), documenta II (1959) und documenta III (1964) in Kassel teil. Am 14. Juni 1999 starb Hann Trier in seinem Haus in Castiglione della Pescaia in der Toskana und wurde dann aber im Familiengrab auf dem Kölner Nordfriedhof beigesetzt.

Hann Trier und sein Wirken

Am Ende der 1940er Jahre etablierte sich in der deutschen Kunst eine Richtung, die „den Malvorgang an sich thematisierte“. Die Geste des Malens, die Bewegung der Pinsel, der freie Umgang mit Form und Farbe wurden zum Gegenstand einer neuen, abstrakten Bildkomposition. Innerhalb dieser Richtung, die als „deutsches Informel" bezeichnet wird, nimmt Hann Trier eine Sonderstellung ein. Seine Werke präsentieren einen dynamischen Gestaltungsprozess.

Die allgemeine malerische Orientierung und Zeitströmung begann in den USA am Ende der 1930er Jahre, in Frankreich seit der Befreiung von Paris 1944 und in Deutschland seit etwa 1947.
 Diese Form der Malerei trat spätestens seit den 1950er Jahren mit großer Geste in Erscheinung, die mit einer Bildsprache, die "informell“, "abstrakt expressionistisch“, "lyrisch abstrakt“ oder "tachistisch“ betitelt wurde.

Seit Anfang der 1950er Jahre schuf er einen gestischen Bildtypus, der sich nicht prägnanter als mit seinen eigenen Worten beschreiben läßt: "Malen heißt im zusammenhängenden Ablauf auf überschaubarer Fläche tanzen: Im Fließen, im Staccato, im Anhalten, in der Wiederkehr der Pinselschläge tanzt der Rhythmus. Ich springe in ihn hinein, indem ich mit den Pinseln so tanze, dass Tanz sichtbar wird. Die simultane Sichtbarkeit enthält die reversible, im Malprozeß durchlebte Zeit." Das Werk dieses experimentierfreudigen und erfindungsreichen Künstlers stellt sich als ein stetiger, konsequenter Bildprozeß dar. Das Thema seiner Bilder ist die Bewegung im Farbigen, Bewegungen, die er in der Vorstellung aber über die Bildgrenzen fortgesetzt sehen möchte.

Und dann entdeckte der experimentierfreudige und erfindungsreiche Künstler für sich das beidhändige, simultane Malen mit zwei Pinseln. Als zum Rechtshänder umerzogener Linkshänder erfreute er sich beider Möglichkeiten und nutzte diese seit Mitte der 1950er Jahre bildnerisch (in dem er den Handlungsraum des Bildes immer wieder im Atemrhythmus öffnend und schließend durchzog). Es begann die systematische, mit beiden Händen vorgetragene Arbeit mit ihren Symmetrien und simultanen Wiederholungen. Das beidhändige Malen und "die Schreibbewegung der Hände" wird zum Charakteristikum seiner Arbeit. Die aus rhythmischen Pinselschwüngen, Farbbahnen, vielteiligen Schichtungen und Durchdringungen sich bildende malerische Textur ist grafisch orientiert. Hann Triers Affinität zur Linie und zur Schrift als Bewegung aus der Linie zeigt sich in seinen frühen Wortbildern. Es entstanden abstrakte Farblandschaften, die jener Stimmung der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entsprachen, als jeder neu beginnen musste und wollte.


Die Bildergalerie:

Hann Trier, "Primavera", 1964
Hann Trier, "Primavera", 1964Foto-Quelle: © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Hann Trier, "Primavera (Frühling)", 1964 - 146 mal 130 Zentimeter - Eitempera auf Leinwand - © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Hann Trier, "Zwiebeltanz I", 1949
Hann Trier, "Zwiebeltanz I", 1949Foto-Quelle: © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Bildergalerie Bild 2 - Hann Trier, "Zwiebeltanz I", 1949 - 40 mal 78 Zentimeter - Gouache - © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Hann Trier, "Radfahren", 1951
Hann Trier, "Radfahren", 1951Foto-Quelle: © Foto David Ertl

Bildergalerie Bild 3 - Hann Trier, "Radfahren", 1951 - Eitempera auf ungrundierter Leinwand - © Foto David Ertl

Hann Trier, "Stricken", 1955
Hann Trier, "Stricken", 1955Foto-Quelle: © 2020 Städel Museum, Digitale Sammlung

Bildergalerie Bild 4 - Hann Trier, "Stricken", 1955 - 43 mal 61 Zentimeter - Pinsel in Schwarz auf Papier - © 2020 Städel Museum, Digitale Sammlung

Hann Trier, "Ohne Titel", 1956
Hann Trier, "Ohne Titel", 1956Foto-Quelle: © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Bildergalerie Bild 5 - Hann Trier, "Ohne Titel", 1956 - 54 mal 80 Zentimeter - Tusche, Aquarell, Gouache - © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Hann Trier, "Fledermaus", 1961
Hann Trier, "Fledermaus", 1961Foto-Quelle: © 2020 Städel Museum, Digitale Sammlung

Bildergalerie Bild 6 - Hann Trier, "Fledermaus", 1961 - 73 mal 116,5 Zentimeter - Öl auf Leinwand - © 2020 Städel Museum, Digitale Sammlung

Hann Trier, „Reich der Mitte II“, 1965
Hann Trier, „Reich der Mitte II“, 1965Foto-Quelle: © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Bildergalerie Bild 7 - Hann Trier, "Reich der Mitte II“, 1965 - 162 mal 130 Zentimeter - Tempera auf textilem Bildträger - © Kunststiftung Hann Trier, Landesmuseum Bonn

Hann Trier, Baldachin (1980), gen. „Wolke“, Piazzetta der Kölner Rathaushal ...
Hann Trier, Baldachin (1980), gen. „Wolke“, Piazzetta der Kölner RathaushalleFoto-Quelle: © Eigenfoto

Bildergalerie Bild 8 - Hann Trier, Baldachin (1980), gen. „Wolke“, Piazzetta der Kölner Rathaushalle - © Eigenfoto des Künstlers

Hann Trier (aus Dokumentation über Leben und Schaffen), 2005
Hann Trier (aus Dokumentation über Leben und Schaffen), 2005Foto-Quelle: Eine Filmproduktion des Landschafts-Verbands Rheinland

Bildergalerie Bild 9 - Hann Trier (aus Dokumentation über Leben und Schaffen), 2005 - © Filmproduktion des Landschaftsverbands Rheinland


Links:

(Hann Trier - Biografie)
https://www.treffpunkt-kunst.net/k%C...hann-trier/

(Ecole de Paris)
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89...aris_(Kunst)

(Lyrische Abstraktion)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lyrische_Abstraktion

(Informel)
https://www.kettererkunst.de/lexikon/informel.php

(Sammlung Würth)
https://kunst.wuerth.com/de/sammlung...ammlung.php


Map-Data:
Kunststiftung Hann Trier, Bachstraße 5–9, 53115 Bonn -
Zur Pflege und kunstwissenschaftlichen Bearbeitung seines Werkes vom Künstler 1995 selbst gegründet.

Nun noch mein spezieller Video-Tipp:
(Niederländische Malerin Rajacenna van Dam)

7 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Wir nutzen ja alle beide Hirnhälften, allerdings unterschiedlich intensiv.
Aber diese Frau ist ein einziges Wunder!

Dem Maler kann ich nichts abgewinnen.
Dein Beitrag ist natürlich wie immer ausgezeichnet.
wize.life-Nutzer
. . . Du beschäftigst Dich aber (trotzdem) immer sehr intensiv mit meinen Beiträgen . . . Danke & viele Grüße von Volker
wize.life-Nutzer
Danke
Ja, Kunst in jeder Ausprägung fasziniert mich.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Wahnsinn, wie diese holländische Künstlerin malen kann ... 🎨

Danke, Volker - für Deinen, wieder sehr interessanten, Beitrag ... 👍😉
wize.life-Nutzer
Gut, dass ich dieses Video noch gefunden habe - oder ???
wize.life-Nutzer
Ja, ich hätte es mir sonst nicht vorstellen können ... 😊
wize.life-Nutzer
Ja, wirklich unglaublich wie diese Frau malen kann!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.