Lohnt die Altersvorsorge? Nicht für alle, sagen US-Ökonomen

Reichen die Rentenbezüge im Alter? Ohne private Altersvorsorge in vielen Fällen wohl kaum. Deshalb gilt es, früh anzufangen mit dem Sparen für den Ruhestand. Doch lohnt sich das wirklich für alle? Dieser Frage sind US-Forscher nachgegangen – sie kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

Geringverdiener tun sich schwer damit, Geld für die Altersvorsorge zurückzul ...
Geringverdiener tun sich schwer damit, Geld für die Altersvorsorge zurückzulegenFoto-Quelle: pixabay/Philippe Ramakers

Um den Lebensstandard im Ruhestand halten zu können, benötigen Rentner etwa 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Die wenigsten erreichen diesen Wert über die gesetzliche Rentenversicherung. Deshalb ist in Deutschland die private Vorsorge zu einer gängigen Säule geworden.

Studie: Altersvorsorge für Geringverdiener mit geringem Nutzen

Doch lohnt die Altersvorsorge immer? Wirtschaftswissenschaftler aus den USA stellen dies für Menschen mit niedrigem Verdienst in Frage. In ihrer Studie "Can Low Retirement Savings Be Rationalized?" verweisen die Autoren unter anderem darauf, dass die Einschnitte bei dem ohnehin schmalen Einkommen während des aktiven Arbeitslebens erheblich seien - und die Belohnung dafür am Ende dürftig aussieht.

Basis sind die individuellen Erwartungen

Die Studie, über die das "Handelsblatt" und "Der Versicherungsbote" berichten, ist auf das US-System zugeschnitten. Allerdings zeigen Berechnungen, dass auch hierzulande Erwerbstätige hohe Summen in die Altersvorsorge stecken müssen, wenn sie ihren Lebensstandard beibehalten wollen.

Deutsche müssen ein Viertel des Einkommens in Altersvorsorge stecken

Für die "Wirtschaftswoche" haben die Verbraucherzentralen Bayern und Baden-Württemberg ausgerechnet, dass jemand, der 30 Jahre lang Mindestlohn erhalten, mehr als ein Viertel seines Nettoeinkommens zurücklegen musste, um in etwa den Status quo bis zum Alter von 90 Jahren beibehalten zu können. Ob Mindestlohnbezieher sich das überhaupt leisten können? Menschen mit einem Durchschnittseinkommen müssen den Angaben zufolge etwas weniger als ein Viertel zurücklegen.

Wie viel für 55 Prozent des Nettoeinkommens zu sparen ist

Nach Berechnungen des Prognos-Instituts müssen Arbeitnehmer des Geburtsjahrgangs 1990 zusätzlich zur gesetzlichen Rente 8,3 Prozent des Einkommens für private Vorsorge aufwenden, um zumindest auf 55 Prozent des alten Nettoeinkommens im Ruhestand zu kommen.

Menschen konsumieren lieber im Jetzt

Die US-Studie basiert auf den individuellen Einstellungen und Erwartungen der Menschen. Sie untersucht nicht einen möglichen objektiven Nutzen der Altersvorsorge. Die Autoren argumentieren, dass sich die meisten Menschen angesichts ihrer unsicheren Zukunft lieber im Jetzt als später konsumieren. Sie haben somit eine positive Zeitpräferenzrate, wie es im Fachjargon heißt.

Zusätzliche Erschwernis durch Niedrigzinsphase

Die Altersvorsorge lohnt sich den Autoren zufolge für den Sparenden nur, wenn der erwartbare Zinsertrag diese Präferenz, das Geld im Jetzt auszugeben, ausgleiche. Bedingung hierfür sei, dass es auch unter Berücksichtigung der Inflation zu keinem Wertverlust bei den Ersparnissen kommen dürfe. Das gestalte sich angesichts der Niedrigzinsphase bei konservativen Anlageformen, von denen die Studie ausgeht, schwierig.

"Der Markt belohnt einfach keine Menschen, die den Konsum verschieben, um in sichere Anlagen zu investieren", sagte John B. Shoven, Co-Autor und Ökonom an der Stanford University, dem Portal "barrons.com". Ihm zufolge gelten die Studienergebnisse nicht für Rentner mit einer hohen Risikotoleranz oder genügend Ersparnissen. Hier seien mögliche Gewinne aus langfristigen Aktienanlagen deutlich lukrativer.

Gründe für Geringverdiener, nicht fürs Alter zu sparen

Insbesondere Geringverdiener ohne andere Einkünfte oder Ersparnisse haben nach Darlegung der Forscher allerdings gute Gründe, ihr Geld nicht für spätere Zeiten aufzusparen:

Ungewisse Zukunft: Geringverdiener haben statistisch eine niedrigere Lebenserwartung als Gutverdiener. Was bringt lebenslange, hart vom Alltag abgesparte Altersvorsorge, wenn man kurz nach Renteneintritt überraschend beispielsweise an einem Herzinfarkt stirbt? Und auch wenn es nicht so weit kommen sollte: Mit dem Alter steigt das Risiko, krank oder pflegebedürftig zu werden – hier müsste gegebenenfalls ohnehin der Staat einspringen, da die Rente von Geringverdienern niemals für eine Pflegeeinrichtung genügen würde.

Bedürfnis nach Konsum lässt nach: Umfragen zufolge messen Menschen ihrer Lebensqualität im Jetzt einen höheren Stellenwert bei als möglichem höheren Konsum im Alter. Entsprechend nehmen sie lieber später Einschränkungen als in der aktuellen Situation. Während die Grundkosten, etwa für Miete und Essen, blieben, erwarteten Menschen, dass sie im Alter weniger Ausgaben für individuelle Bedürfnisse benötigen werden, sagte John B. Shoven, Co-Autor und Ökonom an der Stanford University, dem Portal "barrons.com". Modellrechnungen zufolge liegt das optimale Konsumniveau im Alter von 67 Jahren immerhin ein Drittel unter dem, das sie mit 55 Jahren hatten.

Geringes Gehalt: Das Einkommen von Geringverdienern ist ohnehin schon niedrig. Es stellt sich die Frage, inwiefern sie sich überhaupt Altersvorsorge leisten können, ohne unter Sozialhilfeniveau zu rutschen. Und es stellt sich die Frage, ob sie trotz privater Altersvorsorge im Ruhestand überhaupt über den Satz von Sozialhilfeempfängern kommen.

Fazit der Autoren

Die Autoren schlussfolgern, dass es für "viele oder gar die meisten Menschen" in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung optimal sei, das Vermögen lange vor dem (erwarteten) Tod aufzubrauchen und danach von Sozialhilfe zu leben. Absolute Geringverdiener sollten am besten gar nichts ansparen.

Auf Deutschland übertragbar?

Inwiefern sind die Studienergebnisse für das deutsche System zu übertragen? Der "Versicherungsbote" macht darauf aufmerksam, dass spezielle Altersvorsorge-Angebote für Geringverdiener die Thesen der Analyse anfechten könnten. Es führt als Beispiel die - zuletzt stark kritisierte - Riesterrente dazu an: Aktuell müssten vier Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens in einen Riester-Vertrag eingezahlt werden, um die Höchstförderung zu erhalten. Seit Inkrafttreten des Betriebsrentenstärkungsgesetzes blieben zudem bis zu 200 Euro pro Monat anrechnungsfrei, wenn die Vorsorgenden auf staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden.

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