Meine wachsende Corona-Angst - Am schlimmsten finde ich die Ungewissheit

Ganz ehrlich. Ich würde lügen, wenn ich hier behauptete, das Coronavirus würde mir gar keine Angst machen. Habe ich es zunächst noch als weit weg verortet (China), dann als eher harmlos (im Vergleich zur Grippe) abgetan, so bin ich nun doch verunsichert.

Wahrscheinlich geht's vielen Menschen gerade so wie mir. Die Ungewissheit nagt an mir. Mein persönlicher Lagebericht.

Coronavirus: Christian Böhm erzählt von seiner diffusen Angst
Coronavirus: Christian Böhm erzählt von seiner diffusen AngstFoto-Quelle: Adobe/ Stevanovic Igor [**] Bits&Splits / wize.life

Als Journalist bin ich natürlich den Fakten und nicht Gefühlen verpflichtet. Fakt ist, dass nach einem ersten bestätigten Sars-CoV-2-Fall in Sachsen-Anhalt nun ganz Deutschland betroffen ist. Insgesamt zählt das Robert-Koch-Institut (RK) 1300 Infizierte im Bundesgebiet, zwei Menschen sind an Covid-19 in Nordrhein-Westfalen gestorben, in Frankreich über 40, in Italien mehr als 600. Und der Chefvirologe der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten, warnt: "Vor allem die Rentner muss man jetzt wirklich schützen."

Bin ich jetzt mit meinen 43 Jahren aus dem Schneider? Aber was ist mit meinen Eltern, meinen Schwiegereltern, Tanten und Onkeln und meiner 91-jährigen Oma? Drosten empfiehlt, dass Enkel ihre Großeltern in den nächsten Monaten besser nicht besuchen - wegen der hohen Ansteckungsgefahr. Mache ich mich im Zweifel also mitschuldig, wenn ich meinen Sohn auf seine Omas und Opas loslasse?

Sie sehen schon: Fragen über Fragen.

Und ich habe keine Antwort. Also frage ich bei einem nach, der sicher mehr weiß als ich: Prof. Dr. Matthias Klein ist Leiter der Nothilfe einer großen Münchner Klinik und mein bester Freund. Ihm vertraue ich blind.

Wie schlimm wird's?

Coronavirus: Für verlässliche Prognose fehlen Daten

"Noch ist völlig unklar, wie sich das Virus weiter verhalten wird", beginnt Matthias. Aufgrund der mittlerweile weltweiten Verbreitung sei es aber eher unwahrscheinlich, dass es einfach wieder so verschwindet, wie's gekommen ist. "Die Frage ist nur, wo fühlt es sich wann gerade am wohlsten?" Doch das könne man mit den derzeitigen Daten noch nicht beantworten.

Er skizziert zwei mögliche Szenarien:

  • a) das Coronavirus nistet sich ein und bleibt uns dauerhaft über das Jahr erhalten (danach sieht es aktuell nicht aus, da die Infektionsraten in China schon wieder deutlich fallen)
  • b) es wandert von der aktuell winterlichen Nordhalbkugel auf die Südhalbkugel, um dann im Herbst wieder zurückzukommen

Von Prof. Drosten ist mir in Erinnerung, dass er in einem Interview am Wochenende in der "NOZ" vor einer dramatischen Coronavirus-Welle im Herbst mit vielen Toten warnte.

"Ob es erst im Herbst so richtig los geht, kann man aktuell auch nicht wirklich sagen, schließlich wissen wir ja noch nicht, was uns in den nächsten Wochen entgegen kommt", erklärt mir Matthias. "Ich würde erstmal annehmen, dass es uns schon in Kürze mehr Probleme macht als uns lieb ist."

Ist unser Gesundheitsapparat vorbereitet?

Wenn tatsächlich eine Coronavirus-Welle auf uns zurollen sollte mit schweren Krankheitsverlaufen, ist dann unser Gesundheitssystem überhaupt ausreichend vorbereitet, frage ich mich und gebe die Frage weiter. Habt ihr genug Intensivbetten?

Prof. Dr. Matthias Klein rät trotz allem, nicht in Panik zu verfallen
Prof. Dr. Matthias Klein rät trotz allem, nicht in Panik zu verfallen

Mehr Kapazitäten seien natürlich wünschenswert, antwortet Matthias professionell. Doch das Problem sei, dass Pflegekräfte fehlten, um sie zu betreiben. "Es hilft auch nichts, mehr Pflegestellen zu schaffen, da ja die vorhandenen Stellen ja nicht besetzt sind – Ziel muss erstmal sein, die jetzigen offenen Stellen besetzt zu bekommen."

Es gibt auch noch andere Notfälle

Zum Schluss kann mich mein Freund aber doch noch etwas beruhigen. "Wir verfallen nicht in Panik", sagt er. Vielmehr gelte es, mit Bedacht das Klinikum jeweils an die aktuelle Situation anzupassen. Abgesehen davon: "Wir wollen ja auch noch viele andere Patienten neben solchen mit Covid-19 sehr gut behandeln."

Natürlich. Das hatte ich in der Hitze des Gefechts vergessen: Corona ist das eine, Herzinfarkt, Schlaganfall, Verkehrsunfälle das andere.

Bereitschaftsdienst: Zwei Stunden in der Warteschleife

Während ich diese Zeilen schreibe, bekomme ich eine Nachricht von einer Bekannten: "Mein Bruder war mit seiner Familie innerhalb der vergangenen zwei Wochen in Norditalien, hatte zunächst das Gesundheitsamt angerufen, weil er sich und seine Familie testen lassen wollte. Dort wurde er abgewiesen mit dem Hinweis, es würden nur Menschen getestet, die Kontakt hatten zu einem Verdachtsfall."

Nachdem sein Sohn aber jetzt erkältet sei, habe er den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 angerufen. "Nach zwei Stunden Warteschleife kam die Ansage, dass sich der Arzt in den kommenden drei Tagen meldet."

Ich will mit meiner Familie eigentlich auch in den Osterferien nach Südtirol reisen. Das Hotel haben wir schon lange im Voraus gebucht. Doch aktuell sieht es nicht danach aus, dass wir fahren können. Aber das ist in diesem Zusammenhang ein Luxusproblem.

Quellen:
wize.life, Neue Osnabrücker Zeitung

9 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Diese - wie ich finde - wertvollen Tipps sollte man beachten:
https://www.pgdiakonie.de/coronaviru...zum-schutz/
Sie gelten für alle Menschen, nicht nur für Ältere!
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wize.life-Nutzer
Inzwischen lässt es mich nicht mehr kalt und man muss sich auch Gedanken machen. Da ich Rentnerin bin, kann ich zu Hause bleiben, aber für viele Betriebe wird es immer schwieriger und unsere Wirtschaft wird darunter leiden.
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wize.life-Nutzer
https://www.faz.net/aktuell/gesellsc...672571.html

Wenn ich die Berichte aus Italien lese, dann sehe ich Schwarz für die nächsten Wochen und Monate hier bei uns in Deutschland...
wize.life-Nutzer
Die Angst ist durchaus berechtigt, zumindest bei der älteren Bevölkerung.
Und natürlich bei allen, die immungeschwächt sind. Ich selbst habe etliche ArbeitskollegInnen, die KrebspatientInnen sind... oder zumindest eine Chemo gerade hinter sich haben...
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wize.life-Nutzer
Angst habe ich keine.
Da meine Frau aber zu einer Risikogruppe gehört verhalte ich mich in der Öffentlichkeit zur Zeit anders als sonst.
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wize.life-Nutzer
Können wir aktiv etwas unternehmen? Ich glaube nicht. Entweder wir entschliessen uns , uns abzuschotten oder wir müssen mit der Gefahr leben. Und ausserdem hat unsere Regierung viel zu spät reagiert. Wir haben nichtmal genug Schutzausrüstungen für medizinisches Personal, dabei stehen wir erst am Anfang der Epidemie. Angst nützt keinem. Ich habe sie trotzdem.
wize.life-Nutzer
Natürlich müssen wir mit der Gefahr leben, bleibt nichts anderes übrig.
Aber zu sagen, die Regierung hätte zu spät reagiert, finde ich so nicht in Ordnung.
Hätte man sofort so reagiert wie jetzt, dann bin ich mir sicher, hätten alle geschrien das die Regierung panisch reagiert. Also, man kann es niemanden recht machen.
wize.life-Nutzer
Nicht mal das.
wize.life-Nutzer
Natürlich kann man das.
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