Unbekannte Corona-Hotspots - So könnte Google bei der Suche helfen

Bei der Ausbreitung des Coronavirus gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus. Dass es also weit mehr Infizierte gibt als bekannt. Das gelte vermutlich auch für Corona-Epizentren, glaubt ein US-Ökonom. Um bisher unbekannte Hotspots von Covid-19 aufzuspüren, könne die Suchmaschine Google helfen.

Bevor sie zum Arzt gehen, werfen viele Kranke erstmal ihren Computer an - un ...
Bevor sie zum Arzt gehen, werfen viele Kranke erstmal ihren Computer an - und suchen mithilfe von Google nach einer Erklärung für ihre SymptomeFoto-Quelle: Pixabay

Das Coronavirus grassiert seit einigen Monaten, doch ein Ausbruch von Sars-CoV-2 trifft viele Orte und Gegenden der Welt völlig unvorbereitet. Jüngstes Beispiel: New York.

Andernorts gibt es nicht genügend Kapazitäten, um in großer Menge Tests durchzuführen, die Auskunft über die Zahl der Infizierten geben könnte.

Mithilfe von Google "unbekannte Covid-19-Ausbrüche aufspüren"

Eine weitere Möglichkeit, um herauszufinden, wo sich möglicherweise ein Coronavirus-Ausbruch ankündigt, bringt jetzt der US-amerikanische Ökonom Seth Stephens-Davidowitz ins Spiel: Google.

Die Anfragen an die Suchmaschine könnten dafür genutzt werden, um bislang "unbekannte Covid-19-Ausbrüche aufzuspüren", schreibt er in einem Beitrag für die "New York Times".

Der Datenwissenschaftler sieht in einer Auswertung der Google-Suchanfragen Potenzial im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus: Zum einen, um Epizentren ausfindig zu machen, die Gesundheitsbehörden bislang nicht auf dem Radar haben.

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Doch das ist Stephens-Davidowitz zufolge nicht alles: Durch die Auswertung von Daten sei es Analysten möglich, auch Symptome einer Corona-Erkrankung aufzudecken, von denen Mediziner bisher gar nicht wussten, dass sie mit Covid-19 in Verbindung stehen.

Mithilfe von Big Data, riesigen Datenmengen.

Anfragen an Dr. Google

Bei seinen Überlegungen geht der Ökonom von einem Phänomen aus, das viele von uns kennen.

Ärzte haben dafür sogar einen Namen - augenzwinkernd sprechen sie von: Dr. Google.

Die Sprechstunde bei Dr. Google läuft so ab: Jemand fühlt sich unwohl und wird von einem Zipperlein geplagt, das ihm merkwürdig erscheint und für das er keine Erklärung hat. Sagen wir: Er kann plötzlich nichts mehr riechen.

Noch bevor er zum Arzt geht, wirft er den Computer an und steuert im Internet die Suchmaschine Google an. In die Suchmaske schreibt der Geplagte: "Ich kann nicht mehr riechen".

Prompt liefert Dr. Google ein paar Vorschläge, die mit dem Verlust des Geruchssinns zu tun haben.

Wie die Ergebnisse aussehen, spielt keine Rolle für die Überlegungen des Datenanalysten.

Millionen Menschen geben Symptome bei Google ein

Entscheidend ist, dass jemand die Anfrage bei Google gestellt hat. Und ziemlich sicher nicht als einziger. "Jeden Tag geben Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihre Gesundheitssymptome bei Google ein", schreibt Stephens-Davidowitz in der "New York Times". Wenn viele Menschen aus einer Gegend ein und dasselbe Symptom eingeben, könne man annehmen: Da ist etwas im Busch.

Suchanfrage: "Ich kann nicht riechen"

Mit Blick auf die Ausbreitung des Coronavirus in den USA macht der Datenwissenschaftler die Probe aufs Exempel: Die Suchanfrage "Ich kann nicht riechen" sei in der vergangenen Wochen am häufigsten in New York, New Jersey, Louisiana und Michigan gestellt worden.

Genau in vier US-Bundesstaaten, die aktuell die höchsten Covid-19-Erkrankungen zählen, so Stephens-Davidowitz.

"Tatsächlich stimmten die Suchvorgänge im Zusammenhang mit dem Verlust des Geruchs in diesem Zeitraum fast perfekt mit den Krankheitsprävalenzraten auf Bundesstaatsebene überein."

Der Verlust des Geruchssinns gilt inzwischen als ein häufiges Symptom für eine Corona-Erkrankung.

In Deutschland bestätigte dies kürzlich der Bonner Virologieprofessor Hendrick Streeck, der die Gesundheitsdaten von Erkrankten im nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg analysiert hat. Er konnte zeigen, dass viele Patienten an einem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn leiden.

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Auch andere Forscher - wie etwa der Informatiker Vasileios Lampos vom University College London - haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem weltweiten Ausbruch des Coronavirus und der Suche bei Google nach Symptomen wie Fieber oder Kurzatmigkeit.

Der Ökonom Seth Stephens-Davidowitz nennt als aktuelles Beispiel Ecuador. Offiziellen Zahlen zufolge gibt es dort weniger Covid-19-Patienten als etwa in den USA, Kanada, Australien, Iran und weiten Teilen Europas.

Licht in Dunkelziffer bringen

In der Auflistung der Corona-Fälle der Johns Hopkins Universität rangiert das Land mit aktuell (7. April 2020) 3747 Infizierten eher im Bereich der weniger betroffenen Länder.

Doch die Suche bei Google zeigt ein anderes Bild: Tatsächlich geben demnach mehr Ecuadorianer in die Suchmaschine ein: "Ich kann nicht riechen" als in jedem anderen Land der Welt.

"Mit anderen Worten: Die Suchdaten lassen vermuten, dass Ecuador vielleicht doch mehr ein Covid-19-Epizentrum ist, als die offiziellen Daten hergeben", schreibt Seth Stephens-Davidowitz.

So gesehen könne Google dabei helfen Orte zu finden, "an denen viele positive Fälle wahrscheinlich übersehen wurden". Also Licht in eine hohe Dunkelziffer bringen.

Beispiel: Grippe

Dass eine Analyse der Google-Suchanfragen dabei helfen kann, eine Krankheitswelle vorherzusehen, bevor die Patienten in den Arztpraxen und Krankenhäusern auftauchen, dafür gibt es ein berühmtes Beispiel: die Grippe.

Vor über 10 Jahren zeigten Forscher in einem Beitrag im Fachmagazin "Nature" , dass es einen Zusammenhang gab zwischen Suchbegriffen bei Google - und Grippewellen in den USA. Durch die Analyse der Suchanfragen konnten sie vorhersagen, wo die Grippe als nächstes auftauchen wird.

Das klappte zunächst auch. Doch dann gab es Pannen, das Modell funktionierte nicht mehr.

"Das Problem war, dass die Grippe so oft in den Nachrichten war, dass viele Menschen nicht nach einer Grippe suchten, weil sie Symptome verspürten, sondern weil sie neugierig oder ängstlich waren", so der US-Datenanalyst Stephens-Davidowitz in der New York Times.

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Doch genau dieses Problem könnte es auch im Fall der Corona-Pandemie geben - und müsse bei der Erstellung von Modellen berücksichtigt werden, so der Wissenschaftler.

Denn das allgemeine Interesse an Corona und Covid-19 ist enorm. Kaum ein anderes Thema interessiert derzeit die Menschen weltweit mehr. Das spiegelt sich natürlich auch in den Anfragen bei Google.

Viele Corona-Infizierte haben keine Symptome

Viele suchen hier nach Neuigkeiten, Symptomen und Krankheitsverläufen. Um mehr über die Krankheit zu erfahren. Vielleicht auch aus Sorge. Was aber in beiden Fällen nicht bedeuten muss, dass sie persönlich betroffen sind.

Und noch eine ganz spezielle Eigenschaft des Coronavirus könnte eine Vorhersage von Ausbrüchen mithilfe von Google erschweren: Es gibt eine hohe Zahl von Infizierten, die keine Symptome haben.

Sie ahnen also nicht, dass sie das Virus aufgeschnappt haben könnten - haben also auch keinen Grund, sich testen zu lassen, oder via Google nach bestimmten Symptomen zu suchen.

Dennoch glaubt Stephens-Davidowitz, dass Datenanalysten dabei helfen könnten, einen Corona-Ausbruch aufzuspüren. Wenn sich sich bei der Google-Auswertung auf Suchanfragen konzentrieren, die "darauf hindeuten, dass jemand an der Krankheit leiden könnte". Das sei etwa bei: "Ich kann nicht riechen" der Fall.

Dies gelte auch für bislang eher unbekannte Symptome von Covid-19-Patienten, argumentiert er.

Der Verlust des Geruchssinns sei dafür das beste Beispiel: Erst um den 20. März herum habe es in den Medien erste Berichte darüber gegeben, dass Corona-Patienten neben Fieber und Husten auch daran leiden könnten.

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Doch bereits Tage oder gar Wochen vorher hatten Menschen aus Italien und dem Iran bei Google eingegeben: "Ich kann nicht riechen", wie eine Studie aus Kanada gezeigt habe.

Und der Datenanalyst Stephens-Davidowitz hat nach eigenen Aussagen per Google-Analyse ein mögliches Symptom für gefunden, das noch eher unbekannt ist für eine Corona-Erkrankung: Augenschmerzen.

Unbekanntes Symptom: Augenschmerzen

Suchanfragen in den USA nach: "meine Augen schmerzen" häuften sich demnach in der vergangenen Woche in New York, New Jersey, Connecticut, Louisiana und Michigan.

"Solche Suchen scheinen in den letzten zwei Wochen fast ausschließlich in den Teilen des Landes zugenommen zu haben", so Stephens-Davidowitz, "die sehr hohe Covid-19-Raten erreicht haben".

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