Besuchsverbot bei Alten und Kranken: Die bitteren Folgen für Betroffene

Seit Mitte März gilt in Deutschland wegen der Ansteckungsgefahr von Covid-19 in fast allen Bundesländern ein Besuchsverbot in Senioren- und Pflegeheimen sowie vielfach auch in Krankenhäusern. Selbst die erlaubte Sterbebegleitung wird nicht immer ermöglicht. Für Bewohner wie Angehörige sind die Folgen extrem belastend. Zwei Beispiele.

Solch naher Kontakt zwischen Bewohner und Angehörigen ist in Heimen derzeit  ...
Solch naher Kontakt zwischen Bewohner und Angehörigen ist in Heimen derzeit nicht möglichFoto-Quelle: pixabay/Gundula Vogel

Der 30. März dieses Jahres war ein kalter Tag. Dabei war der Monat ungewöhnlich warm gewesen – und eine Woche später herrschten fast frühsommerliche Temperaturen. Doch an diesem Montag fegte ein eisiger Wind durch die Straßen, vereinzelt fielen Flocken vom Himmel. Werner B. wird das nicht vergessen, das Wetter ist für ihn sinnbildlich. An dem Tag starb sein Vater, und er konnte sich nicht mehr von ihm verabschieden – obwohl er nur wenige Meter von ihm entfernt in der Kälte wartete.

Klinik ruft Familie

Die Klinik im oberbayerischen Haag hatte zuvor bei seiner Schwester angerufen, dass es dem Vater schlecht gehe und die Familie kommen solle. Gemeinsam waren sie zum Krankenhaus gefahren: Werner, die Schwester und ihr Mann, der zum Schwiegervater ein enges Verhältnis hatte, sowie die Mutter.

Sie alle hatten den Vater schon seit fast drei Wochen nicht mehr gesehen. Am 9. März war Werner B. senior beim Arzt zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden, kurz danach kam es zum offiziellen Besuchsverbot wegen Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus.

Krebs-OP sollte nach Corona-Krise folgen

B. senior baute bereits seit Wochen körperlich ab und hatte geistige Aussetzer, der Grund war zunächst unklar. Kurz vor seinem Tod stellte sich heraus, dass er an einem Gehirntumor litt. Eine Operation sollte später stattfinden, wenn die Corona-Krise abgeflaut war.

Kein Kontakt im Krankenhaus

Während B. im Krankenhaus lag, konnte die Familie noch nicht einmal mit dem Vater sprechen. "Er hatte kein Telefon im Zimmer. Wir haben die Stationsschwester gefragt, ob man ihm nicht das Stationstelefon reichen könne, die waren dazu aber nicht bereit", erzählt B. junior. "Die waren selbst mit den Nerven am Ende."

"Das ist schon heftig"

Er will sich gar nicht genauer ausmalen, wie sich der Vater in den letzten Wochen seines Lebens fühlte. Ohne jeglichen Kontakt zu den Liebsten, abgeschottet im Einzelzimmer, bei schwindenden körperlichen und geistigen Kräften. Womöglich hatte der 76-Jährige gar nicht richtig verstanden, warum ihn niemand besucht, keiner anruft. "Das ist schon heftig", sagt B. junior.

Pflege daheim nicht zu realisieren

Wie es dem Vater geht, erfuhr die Familie aus Telefonaten mit den Ärzten. Gleichzeitig suchte sie nach Wegen, ihn nach Hause zu holen. Das gestaltete sich allerdings schwierig. B. hat einen landwirtschaftlichen Betrieb, im Frühling steht besonders viel Arbeit an. Seine Frau ist schwanger und darf nicht schwer tragen. Die Mutter wäre alleine mit der Pflege des Vaters überfordert gewesen. Eine osteuropäische Pflegekraft zu holen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Und auch Versuche, über einen Pflegedienst ausreichend Unterstützung zu bekommen, ließen sich am Ende nicht realisieren.

Schwierige Suche nach Pflegeheim

Schwierig gestaltete sich auch die Suche nach einem Pflegeheim, das den Vater im Anschluss an den Krankenhaus-Aufenthalt übernehmen könnte. Zu der Zeit gab es zwar noch keinen Aufnahmestopp, trotzdem winkten Einrichtungen ab. "Es ist eine ganz blöde Situation mit Corona", sagt B. junior. Die Familie fühlte sich im Stich gelassen. Am Ende wäre er zur Kurzzeitpflege in einer Einrichtung in Dorfen untergekommen – doch dazu kam es nicht mehr.

Einzelbesuch, zeitlich begrenzt

Zwei Tage vor dem Entlassungstermin erfolgte der Anruf aus dem Krankenhaus. Vor Ort musste die Familie feststellen, dass nur zwei Angehörigen der Besuch des Vaters gestattet wird - für jeweils eine halbe Stunde. "Da liegt ein Mensch im Sterben. Im Einzelzimmer. Wieso darf dann nicht die ganze Familie rein?", fragt Werner B.

Nächster Besuch wäre erst am Folgetag erlaubt gewesen

Die Mutter durfte am Ende doch ein bisschen länger bleiben beim Vater bleiben als die ursprünglich veranschlagten 30 Minuten. Währenddessen drehten die übrigen Angehörigen eine Runde durch den Ort. Eine Aufwärmmöglichkeit an dem kalten Tag gab es nicht. In der Klinik durften sie nicht warten, auch nicht im Eingangsbereich - und die Wirtshäuser hatten zu. Als die Schwester den Vater besuchte, fuhren sie deshalb zeitweise im Auto herum, um sich aufzuwärmen. "Zur inneren Kälte kam auch noch die Kälte draußen", schildert Werner B., was er empfand.

Die Bitte der Mutter, den Vater später am Tag nochmal sehen zu dürfen, wurde abgelehnt. Am nächsten Tag sei nochmal Besuch erlaubt, hieß es. Da war Werner B. senior allerdings schon tot.

Sterbebegleitung wird von Klinik geregelt

Eigentlich soll dem engem Familienangehörigen ermöglicht werden, sich von Sterbenden zu verabschieden. Die Einrichtungen entscheiden in Eigenregie, wie genau sie die Besuche regeln, um zu verhindern, dass möglicherweise infizierte Angehörige das Coronavirus in die Klinik tragen. Von Seiten des InnKlinikums Mühldorf und Haag hieß es, man versuche im Rahmen der Möglichkeiten, Besuche in zu ermöglichen, wobei die Ausgestaltung auch von der Abteilung abhänge, auf der der Patient liege.

Bewohner vereinsamen

Doch es muss gar nicht so weit kommen, dass das Abschiednehmen nicht mehr möglich ist – auch das Besuchsverbot belastet Bewohner von Pflege- und Altenheimen wie Angehörige schwer. Seit Beginn der Verbote im März wenden sich viele Angehörige mit ihren Sorgen an den Pflegeschutzbund BIVA. Zudem hat BIVA eine Online-Umfrage unter Mitgliedern gemacht mit 947 Teilnehmern. 90 Prozent gaben an, die Verwandten und Vertrauten nicht mehr besuchen zu dürfen, dazu schilderten sie ihre Erfahrungen.

"Die Bewohner vereinsamen zusehends. Nicht nur, dass die Familien sie nicht mehr besuchen – auch innerhalb der Heime sind die sozialen Kontakte beschränkt. Viele Einrichtungen isolieren die Bewohner in ihren Zimmern", sagt Markus Sutorius, Rechtsreferent des Pflegeschutzbunds.

Demenzkranke bauen rapide ab

Besonders gravierende Auswirkungen habe das für ältere Menschen mit Demenz. Wenn keine Anregung mehr von außen kommt, verkümmerten Seele und Gehirn. "Die Bewohner bauen ohne Besuch sehr stark ab." Dazu komme, dass Verwandte oft Aufgaben übernehmen, zu denen das Pflegepersonal keine Zeit hat. So könne es im Zuge von Demenz zu Schluckbeschwerden kommen, erklärt Sutorius. "Vor dem Besuchsverbot haben viele Angehörige bei der Nahrungsaufnahme assistiert und darauf geachtet, dass die Verwandten zu trinken bekommt. Das fällt jetzt weg."

Seniorin stirbt nach Dehydrierung

Das kann dramatische Folgen haben: In einem Fall, der dem Verband vorliegt, war die Heimbewohnerin nach Schilderung ihrer Tochter vor wenigen Wochen noch relativ fit war. Drei Wochen später wurde sie mit Dehydrierung ins Krankenhaus gebracht, wo sie zwei Tage später starb. Nun fragt sich die Tochter natürlich, ob dies auch passiert wäre, wenn sie sich weiter um ihre Mutter hätte kümmern können.

Manche Menschen äußern Todeswunsch

Demenzkranke verstehen auch nicht immer, warum die Angehörigen plötzlich nicht mehr kommen – und beschimpfen sie deswegen am Telefon. Oder sie äußern am Telefon den Wunsch zu sterben, wenn sie sich nicht mehr sehen können.

Letzter Kontakt vor der Notaufnahme

In ihrer Not können Betroffene auch aggressiv werden – wie der Großvater von Tobias O. aus dem Landkreis Erding nahe München. Er war immer fit und selbstständig, bis er vor drei Wochen plötzlich zu Hause zusammenbrach. Zwar erkannte er noch seine Frau, an den Namen des Enkels konnte er sich allerdings nicht mehr erinnern, und auch sonst wusste er nicht, was passiert war. Der 81-Jährige kam ins Krankenhaus Erding in die Notaufnahme – seitdem hat die Familie ihn nicht mehr gesehen.

Großvater wird fixiert und ruhig gestellt

Es stellte sich heraus, dass er eine Gehirnblutung hatte, die nicht gestoppt werden konnte, weshalb er nach ein paar Tagen nach München gebracht werden musste. Nicht wissend, wie ihm geschieht, wurde der Großvater den Schilderungen des Klinikpersonals zufolge so aggressiv, dass er für den Transport fixiert und sediert werden musste. Ob der Großvater so ausgetickt wäre, wenn er eine vertraute Person um sich gehabt hätte?

Telefonate möglich

Vor eineinhalb Wochen wurde der Großvater zurück nach Erding verlegt. Gesehen hat ihn noch niemand in der Familie, aber immerhin können die Angehörigen mit ihm telefonieren – er hat ein Telefon im Zimmer. "Er wird immer ansprechbarer", sagt Tobias. Bis zu seinem Wiedersehen kann es noch dauern – im Anschluss muss der 81-Jährige in die Reha.

Bundesländer stellen Lockerungen in Aussicht

Ein wenig Hoffnung gibt den Angehörigen, dass die Kritik an den Besuchsverboten größer wird und die Bundesländer - sicher auch wegen sinkender Ansteckungszahlen - allmählich ein Einsehen haben. In Baden-Württemberg beispielsweise sollen Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser Anfang Mai wieder Besuche von zumindest einem Angehörigen erlauben – unter strengen Hygienemaßnahmen mit Schutzkleidung. In Bayern hatte die Regierung für kommende Woche ein entsprechendes Konzept angekündigt. Nordrhein-Westfalen hatte schon Anfang April über Lockerungen nachgedacht – bisher allerdings noch nicht umgesetzt.

Berlin erlaubt schon jetzt Besuche - mit Einschränkungen

In Berlin war die ganze Zeit über der Besuch einer vertrauten Person nicht nur im Krankenhaus, sondern auch im Seniorenheim erlaubt – zumindest auf dem Papier. Denn in der Praxis bleibt es im Ermessen der Einrichtungen, die Begegnung zu erlauben. Es gibt Einrichtungen wie die bundesweit agierende Gruppe Domicil Seniorenresidenzen, die Besuche verbietet. "Die Einrichtungen müssen nur mitteilen, sie hätten eine entsprechende Risikoabschätzung vorgenommen", sagt Sutorius. "Sie müssen diese noch nicht einmal vorlegen." In Berlin läuft wegen des erteilten Besuchverbots eine Klage gegen eine Einrichtung von Domicil.

Pflegeverband dringt auf andere Lösungen

Der BIVA-Pflegeschutzbund hat eine Petition initiiert mit der Forderung, Besuche umgehend zu ermöglichen – natürlich unter Einhaltung strengen Hygienemaßnahmen. "Wir verstehen nicht, dass Einrichtungen nicht von Anfang an in die Pflicht genommen worden sind, Lösungen zu finden", sagt Sutorius. So hätten etwa abgetrennt vom Wohnbereich Besuchsräumlichkeiten eingerichtet werden können, in denen sich Bewohner und Angehörige zumindest durch eine durchsichtige Scheibe sprechen können. Notfalls in einem Container auf dem Gelände.

Heime in Mönchengladbach ermöglichen Besuche

Genau diese Möglichkeit hat diese Woche die Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach umgesetzt, die insgesamt sieben Altenheime in der Stadt betreibt: Seit Montag können sich Bewohner der Heime und Angehörige jeweils einem Stahlcontainer vor den Einrichtungen treffen - getrennt von einer Plexiglasscheibe. Ein Modell, das die Niederlande schon länger praktizieren.

Würdevolle Sterbebegleitung im Caritasheim

Wie eine würdevolle Verabschiedung ohne große Beschränkungen ermöglicht werden kann, zeigt das Caritasheim St. Elisabeth im fränkischen Wallenfels. Dort steht ein Raum im Erdgeschoss bereit, der separat vom Wohnbereich auch von außen zu betreten ist. Naht der Tod eines Heimbewohners, wird er dorthin verlegt. In Absprache mit der Lebenswegbegleiterin der Einrichtung dürfen die Angehörigen hier Abschied nehmen. Sie dürfen zu mehreren kommen und über Stunden bleiben, Verpflegung mit Kaffee und Kuchen inklusive, wie Einrichtungsleiter Bernd Robitschko sagt. Notfalls werde ein Klappbett zur Verfügung gestellt, damit Verwandte übernachten können, ohne finanziellen Mehraufwand.

Ausschlaggebend ist die Abtrennung vom restlichen Wohnbereich: Dadurch kann sich die Familie Robitschko zufolge fast so verhalten, als sei ein abgetrennter Haushalt - wobei Mundschutz Pflicht ist und Desinfektionsmittel bereitstehen. Das Pflegepersonal trägt zudem Schutzkleidung, wenn es den Sterbenden oder die Sterbende versorgt, damit etwaige Erreger nicht in den übrigen Heimbereich getragen werden.

Auch für die geplante Lockerung steht bereits das Konzept: Sobald die Staatsregierung grünes Licht gibt - wahrscheinlich am 11. Mai, werden Besuchsbereiche im Foyer des Heimes eingerichtet.

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