Mein Fahrrad und ich: Als Flaneur unter Straßenkriegern

Unser Autor findet auf dem Speicher ein über 30 Jahre altes, völlig eingestaubtes, aber todschickes Vintage-Rennrad. Er lässt es vom Schrauber seines Vertrauens wieder instandsetzen, rollt los - und kann nicht glauben, was er von da an so alles erlebt. Eine Kolumne von Hermann Weiß

Radfahren in der Stadt - oder: Mobilität ist nur ein Spiegel unserer Lebensb ...
Radfahren in der Stadt - oder: Mobilität ist nur ein Spiegel unserer LebensbedingungenFoto-Quelle: imago/Westend61

Ja, ja, schon klar, dein zweiter Vorname ist Hipster, sagen Leute, die mich kennen, mal anerkennend, mal schwer genervt. Aber ich kann auch nichts dafür!

Bin schon auf Filterkaffee frisch gebrüht, schwarz, wenn die Anderen sich noch ihren Chai Latte oder Cappuccino mit Hafermilch zusammentüddeln lassen. Hab’ die Sängerin Billie Eilish und ihre Songs schon toll gefunden, als die meisten noch nicht mal ihren Namen kannten. Und die Kartoffeln aus Ägypten im Bioladen (!) habe ich schon links liegen lassen, als das Wort "Energiebilanz" im Zusammenhang mit Lebensmitteln nur den Wenigsten eingefallen wäre.

Ich weiß, was ich mir und Anderen schuldig bin.

Das Problem ist nur, dass das mein Leben nicht einfacher macht. Im Gegenteil.

Zum Beispiel habe ich neulich auf dem Speicher, unter einer Plastikplane mit dem Staub von 30 Jahren drauf, ein Fahrrad entdeckt: alt, ramponiert und vom technischen Aufbau her, naja, eher puristisch.

Es war, wie sich herausstellte, ein Ultra Rare Peugeot Tourmalet Rennrad aus den 80ern: Ein Rad von schlichter, schlanker, fast graziler Eleganz, gegen das sich moderne Rennräder so bullig ausnehmen wie ein Porsche Cayenne gegen einen alten 911er.

Ein Rad, viel zu schade, um es auf dem Dachboden verkommen zu lassen.

Eins, das gefahren werden will. Ach was: muss! Wie ich dachte.

Und zwar, natürlich, von mir.

Ich stellte mir vor, wie ich mich an schönen Tagen, in einem schönen Anzug mit angeklipsten Hosenbeinen und perfekt sitzender Umhängetasche auf so ein Vintage-Rennrad setzen würde. Ich würde dafür den einen oder anderen anerkennenden Blick bekommen - und das im Zweifel sogar eher von Frauen, die nicht nur mehr von Ästhetik verstehen als Männer, sondern solche Räder auch immer öfter selber fahren.

Aufwärmrunde durch die Altstadt

Um den Rest, also wie sich Fahrradfahren in der Großstadt heute so anfühlt, hab’ ich mir weniger Gedanken gemacht.

Ich meine: Ich fand’s einfach hinreißend, wie sich RadfahrerInnen heutzutage, in proppenvollen Innenstädten, scheinbar intuitiv um Hindernisse - egal, ob Menschen, Blumentröge, Kinderwägen, auf dem Radweg geparkte DHL-Lieferfahrzeuge usw. - herumwinden.

Das schaut schon echt geschmeidig aus!

Aber: Ob und wie ich das selber auf die Reihe kriege, wie sich das mit meiner Grundeinstellung als Flaneur verträgt und ob ich unter solchen Umständen überhaupt je in diesen Flow kommen würde, den ich mir vom Fahrradfahren versprach - die Fragen habe ich mir nicht gestellt.

Und dann schickte mich der Schrauber meines Vertrauens, von dem ich mein Velo wieder instandsetzen ließ, auf knallhart aufgepumpten Pneus, den Sattel in Extremposition, in eine Aufwärmrunde durch unsere schöne historische Altstadt. Hinein in enge Gassen. Und über Kopfsteinpflaster.

Wie Paris-Roubaix - nur ohne Applaus

Ich dachte noch: Das ist ja wie Paris-Roubaix! Nur dass die Leute nicht am Straßenrand stehen und applaudieren, sondern in erster Linie verärgert gucken, gelegentlich mal pöbeln oder den Ellbogen ausfahren, wenn man nur in ihre Nähe kommt. So etwas hätte mir vielleicht mit 20 gefallen. Aber wenn man die 50 hinter sich hat und 25 Jahre quasi gar nicht mehr Fahrrad gefahren ist, sollte man sich das, vielleicht, überlegen. Noch am Abend hatte ich mittelschweres Kopfweh von der anstrengenden Fahrt.

Ich wartete, bis das Kopfweh verging und das Wetter wieder schöner wurde. Ich mied die Gassen und das Kopfsteinpflaster, was in der Stadt, die ich vorhin beschrieben habe, dazu führt, dass man auf verkehrsreiche Ringstraßen ausweichen muss, auf denen die Leute garantiert nicht nur zu ihrem Vergnügen unterwegs sind - und sich auch so verhalten.

Straßenkrieger in Funktionskleidung

Rechts überholen oder den anderen schneiden, die Vorfahrt nehmen oder Geisterfahren, dazu noch diese Silent Running-Typen auf ihren gefährlich lautlosen E-Bikes: Glauben Sie mir, die Denke und das Verhalten von Radfahrern unterscheidet sich in nichts von der Denke und dem Verhalten von Autofahrern!

Mobilität ist nur ein Spiegel unserer Lebensbedingungen.

Das dämmerte mir so langsam.

Und plötzlich sah ich überall nur noch Gehetzte: Leute mit Schutzhelmen auf dem Kopf und in Funktionskleidung, die wie Straßenkrieger aussehen - und leider auch noch schlecht riechen, wenn man beim Bäcker hinter ihnen in der Schlange steht.

Aber, klar, Stilfragen werden natürlich zum Luxusproblem, wenn’s ums Leben und Überleben geht.

Ich stellte mein Velo in der Garage vor meinen Alfa - zwei Betagtere, mit mir drei, die auf bessere Zeiten warten.

Mal gucken, dachte ich, was der Frühling bringt …

Hermann Weiß ist freier Autor. Er hat (u.a.) für die "Abendzeitung" geschrieben, war Kulturredakteur im Münchner "Welt"-Büro. In "Mittlere Reife", seiner wöchentlichen Kolumne auf wize.life, nimmt er sich Alltags- und Zeitgeistphänomene vor und macht sich darauf seinen ganz persönlichen Reim.

7 Kommentare

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wize.life-Nutzer
was mich ansteckt und ich an diesem artikel schön finde, ist die begeisterung für alte rennräder, mein erstes, auch franzose, auch 35, stahl, simplex rahmenschaltung, übt auf mich nach wie vor eine enorme faszination aus, auch als (mittlerweile) deko an der wand. als langjähriger vielradler teile ich ebenfalls die verwunderung über so manche kampfradler, die gerne im morgendlichen berufsverkehr noch in achter reihe überholen zu müssen glauben. was ich allerdings kaum nachvollziehen kann, ist - auch generell trotz aller begeisterung für das rennrad an sich - was daran toll sein soll, mit 23 Millimeter Reifen, rahmenschaltung, lookpedalen und rennlenker in der stadt zu fahren - das - sorry - erschliesst sich mir trotz (oder gerade wegen ?) der erfahrung bis heute nicht.
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wize.life-Nutzer
Schöner Artikel!
Aus meiner Erfahrung kann ich dir nur sagen: Im Frühjahr wird es noch härter für dich. Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen holen sich auch die Leute ihr Rad aus dem Keller, die den Winter über U- und Straßen-Bahn fuhren...
Die bevölkern dann schlagartig die Straßen und leider auch die Bürgersteige.
Das lässt aber leicht nach, weil alle Gelegenheitsradfahrer eben nur bei Sonnenschein und Windstille fahren.
Ein wenig Nebel, ein bisschen Nieselregen, ein Windchen von vorn oder von der Seite --- und schon wandert das Rad wieder in die hinterste Ecke und wir Dauerradler bleiben unter uns....bis zum "richtigen" Sommer...
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wize.life-Nutzer
Ich trinke auch noch oder schon wieder "Filterkaffee frisch gebrüht, schwarz".
wize.life-Nutzer
Ihr armen Radfahrer, ich bin früher mit so einem alten Drahtesel 2 mal an die Normandie und zurück gefahren und einmal ans Mittelmeer nach marseile. Hat noch jemand Fragen?
wize.life-Nutzer
warum ?
wize.life-Nutzer
..weil der Fritz ein toller Typ ist, noch Fragen?
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wize.life-Nutzer
...finde deinen bericht super ...ich bin extrem der andere Fahrradtyp...fahre seit 30 Jahren täglich und das mit Freude an der Bewegung .
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