In Zeiten von Corona: Meine Erinnerung an eine glückliche Fußball-Jugend

Das Spiel ist aus: Corona legt den Fußball lahm. Das ist schade, findet unser Autor, denn er war gerade dabei, die Poesie des "Geisterspiels" neu für sich zu entdecken. Jetzt folgt auch er dem Kanzlerinnen-Aufruf zur Besonnenheit und Solidarität. Eine Kolumne von Hermann Weiß

Bolzplatz rauf und runter getigert - So lief meine Jugend
Bolzplatz rauf und runter getigert - So lief meine JugendFoto-Quelle: Eduard Warkentin - stock.adobe.com

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht.

Aber Corona beschäftigt mich schon sehr.

Die Dinge fühlen sich grade ein bisschen spooky an, finde ich.

Und ich entdecke ganz neue Seiten an mir.

Wenn sich zum Beispiel die Bundeskanzlerin wie schon in Zeiten der Finanzkrise oder der Flüchtlingskrise zu Wort meldet und "Besonnenheit" und "Solidarität" anmahnt, dann höre ich nicht nur zu. Es macht auch was mit mir.

"Besonnenheit und Solidarität", sage ich zu meiner Frau, "das ist doch eine Ansage!" Aber sie lächelt nur, weil sie mich kennt: "Du und dein quasi erotisches Verhältnis zur Sprache!"

"Ja, aber ist doch wahr", sag’ ich: "Ist dir nicht schon aufgefallen, wie sensibel Sprache auf Krisen reagieren kann, wenn man sie nur lässt?"

Lyriker am Werk

Fußball-Reportagen zum Beispiel wurden zuletzt nicht mehr, wie gewohnt, aus den vorgefertigten Versatzstücken über hoch und tief stehende Teams, Pressing und Gegenpressing etc. zusammengeschraubt - sie hörten sich mehr so an, als wären statt der etatmäßigen, auf Technik und Taktik fixierten Redakteure (oder einer flinken KI) immer melancholischer werdende Lyriker am Werk.

"Die Bierbuden sind zu, die Grills sind aus. Ein paar Ordner huschen umher. Gladbach hat an die Fans appelliert, nicht zum Stadion zu kommen. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es heute nichts zu sehen", beschrieb "Bild" im Stil des frühen Peter Handke die Atmosphäre rund ums Rhein-Derby Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln vergangene Woche. Kurz bevor die Bundesliga in die Corona-Pause geschickt wurde.

Gladbach gegen Köln - oder wie andere sagen: Geisterspiel
Gladbach gegen Köln - oder wie andere sagen: GeisterspielFoto-Quelle: imago images/Norbert Schmidt

Es war die erste Begegnung überhaupt in der Geschichte der Fußball-Bundesliga, die aus Sicherheitsgründen vor einer "Geisterkulisse" ohne Zuschauer ausgetragen wurde. Und ich sag’ mal so: Dieser neue Ton der Berichterstattung, der brachte in mir was zum Klingen.

Ich sah mich wieder kicken: Wir sind zu Viert, Jungs im Alter zwischen acht und zehn.

Erinnerung an damals

Wir sind klein, der Platz ist groß: Ein richtiges Fußballfeld mit einem Geläuf von rauf und runter um die hundert Meter, so dass wir vom Anstoß aus die Tore kaum sehen können - richtige Tore, mit richtigen Netzen dran, was wir fantastisch finden, weil es einfach ein komplett anderes Gefühl ist, den Ball im Netz zu versenken als wenn er zwischen Latte und Pfosten ins Leere rauscht.

Wir spielen Zwei gegen Zwei. Jeweils einer im Tor und einer auf dem Feld. Wir laufen, bis wir nicht mehr können. Zwischendurch halten wir den Kopf unter die Wasserleitung, um wenigstens ein bisschen abzukühlen. Wenn einer von uns trifft, sehen wir, wie der eigene Torwart hinten am eigenen Strafraum jubelt - ein winziges Männlein, das die Arme hochreißt und etwas ruft, was wir nicht verstehen, "Tor", wahrscheinlich. Das ist lustig. So geht das einen Sommer lang.

Wir kommen am frühen Nachmittag und gehen am Abend. Zuschauer? Sind keine da. Der Platz gehört zu einem Jugendheim, die Jugendlichen sind über die Ferien nach Hause gefahren. Die Welt gehört uns.

Schöner war Fußball nie.

Ich hab’ dann später auch ein paar Mal vor Publikum gespielt. Beim ersten Spiel ging mir der Trainer auf die Nerven, der lautstark am Seitenrand tobte und mir das Dribbeln verbieten wollte. Mein letztes verloren wir 0:10 und jeder, der das gesehen hat oder mit anschauen musste, war aus meiner Sicht einer zu viel.

Ich sag’ mal so: Ich, für mich, hab’ beim Kicken nie Zuschauer gebraucht.

Traurige Realität: kein Fußball

Aber mir ist natürlich auch klar, dass das kein Maßstab ist - und wenn ich ehrlich bin, habe ich Ihnen die Geschichte meines legendären Fußballsommers auch nur deshalb erzählt, um von der traurigen Realität, dass wir von jetzt an und auf unbestimmte Zeit auf Fußball verzichten müssen, abzulenken.

Die Bundesliga-Begegnungen des vergangenen 26. Spieltags wurden abgesagt. Die Lyriker in den Redaktionen können wieder einpacken, weil es bis auf Weiteres auch keine "Geisterspiele" mehr geben wird. DFL und UEFA haben den Spielbetrieb wegen Corona ausgesetzt. Niemand weiß momentan, ob Bundesliga oder Champions League in dieser Saison überhaupt zu Ende gespielt werden können. Meine Dauerkarte für den FC Bayern schaut mich traurig an.

Besonnenheit ist jetzt gefragt und Solidarität, denke ich mir.

Wir wollen schließlich alle miteinander nicht krank werden. Sondern gesund bleiben!

Und, ach ja: Meine Frau, die es im Fußball mehr mit den Kleinen hält, weist noch darauf hin, dass sie in Berlin, bei Union, jetzt online eine virtuelle Stadionwurst und virtuelles Bier verkaufen. Damit sollen der finanzielle GAU, der dem Verein aufgrund fehlender Ticketeinnahmen und Fernsehgelder droht, vermieden werden. "Apropos Solidarität", ruft sie. Und winkt mit meinem rot-weißen Schal.

Hermann Weiß: Besonnenheit und Solidarität sind jetzt gefragt
Hermann Weiß: Besonnenheit und Solidarität sind jetzt gefragt

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