Ende des Lockdowns - und Anfang von was?

Unser Autor will kein Spielverderber sein. Einerseits. Andererseits will er sich heute und in den kommenden Wochen aber auch kein neues Auto kaufen oder eine Kettensäge oder neue Jeans. Nur, weil das jetzt wieder geht. Da bleibt er lieber noch daheim. Eine Kolumne von Hermann Weiß

Am Sonntag war schon wieder viel Fußvolk unterwegs - so wie hier in Berlin-L ...
Am Sonntag war schon wieder viel Fußvolk unterwegs - so wie hier in Berlin-LichterfeldeFoto-Quelle: imago images/A. Friedrichs

Heute ist ein anderer Tag!

Die Leute benehmen sich wieder wie normale Leute, das fällt mir als erstes auf.

Sie grüßen nicht mehr, einfach so, aus dieser Corona-bedingten Komplizenschaft heraus und weil man in diesen Zeiten für jeden Sozialkontakt dankbar sein muss.

Nein, solche Sentimentalitäten kosten Zeit. Die aber haben wir jetzt nicht mehr, also jedenfalls nicht mehr so viel, denn: Es gibt ja wieder was zu tun!

Der Konsum, Sie wissen schon.

Damit der Konsum nach Wochen des Lockdowns wieder anspringt, hat die Politik letzte Woche auf Druck der Branchenverbände erste Lockerungen beschlossen - und wenn ich die mir so anschaue, ist es wohl so, dass die meisten von uns jetzt zuallererst und auf der Stelle ein neues Auto, eine neue Kettensäge oder was zum Anziehen brauchen, neue Jeans vielleicht, die in diesem Frühjahr mehr high als low waist und am Bein ein bisschen weiter ausfallen dürfen, wenn ich die Trends da richtig deute.

Es kann, nein: es muss heute einen Ansturm auf Autohäuser, Baumärkte und Modegeschäfte geben, die an diesem Montag (je nach Bundesland) als erste wieder öffnen, damit es der Wirtschaft und uns allen wieder besser geht. Aber ob es auch so kommt?

Ich sag’ mal: Sicher bin ich mir da nicht!

Für ein neues Auto zum Beispiel, so sie überhaupt eins brauchen oder wollen, fehlt vielen Leuten in ihrer momentanen Lage das Geld.

Springt die Wirtschaft wieder an, müssen auch die wieder arbeiten, die sich bei Hornbach gerade nicht zwischen Tapetenkleister und Heckenschere entscheiden können.

Resteverwertung statt Konsumrausch

Und wenn ich meinem modischen Sachverstand halbwegs trauen kann, dann werden wir in der ersten Phase nach Corona oder nach dem Peak - jedenfalls bis weit in den Spätsommer hinein - weniger einen Konsumrausch als eine kreative Resteverwertung all dessen erleben, was uns in der Krise zur zweiten Haut geworden ist.

Mein verwegener Mundschutz etwa, den ich mir extra von einer Designerin hab’ machen lassen, wird mir auch dann noch an den Gummis von den Ohren baumeln, wenn kein Ministerpräsident mehr darauf besteht, dass ich in der U-Bahn oder in der Buchhandlung oder im Plattengeschäft oder im Café einen dabei haben muss.

Renaissance der Jogginghose

Und, ja, auch über die Jogginghose müssen wir reden. Schließlich hat sich Karl Lagerfelds unsterblicher Satz („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“) zuletzt auf wundersame Weise ins Gegenteil verkehrt.

Ich zum Beispiel habe in diesen aufregenden Tagen voller sich überstürzender Nachrichten die Kontrolle über mein Leben genau deshalb behalten, weil ich mich locker gemacht habe. Ich meine: Es soll ja Leute geben, die daheim, im Home Office, im Anzug vorm Laptop sitzen, nur um sich und anderen eine Normalität vorzuspielen, die es gerade nicht gibt.

Das stelle ich mir, ehrlich gesagt, ziemlich anstrengend vor.

Jogginghosen dagegen nehmen Dampf raus und das wird man ihnen nicht vergessen, darauf wette ich und deshalb prophezeie ich schon jetzt, dass die Jogginghose, in der sich bisher nur Anhänger von Nischenkulturen auf die Straße getraut haben, nicht nur noch fashionabler, sondern auch alltagskompatibler wird - und sei es nur als Zitat, im Rückgriff auf die Zeit jetzt, die wir dann, hoffentlich, überstanden haben werden.

All das schießt mir durch den Kopf, während ich mir vorm Haus die Beine vertrete, um ein bisschen die Luft und die Atmosphäre dieses in jeder Hinsicht besonderen Montags zu spüren.

Kein Garten, dafür schon ein Auto

Ich könnte jetzt in einen Baumarkt oder in ein Gartencenter gehen, aber in meiner (Miet-)Wohnung gibt es für mich nichts zu reparieren und einen Garten habe ich nicht.

Ich glaube auch nicht, dass ich nächste Woche in ein Autohaus gehe, wenn in Bayern die Autohäuser wieder öffnen, warum auch, ich hab’ ja schon ein Auto.

Okay, das mit den Buchhandlungen werde ich auf jeden Fall mal ausprobieren: 20 Quadratmeter, hat Markus Söder gesagt, hat man dort für sich allein, das wird ein Fest, ich allein vor dem Regal mit den Neuerscheinungen und ohne dass mich jemand von der Seite anrempelt oder sich gar zwischen mich und die Bücher drängt, was manche Leute gerne tun (und ich hasse).

Aber: Noch hab’ ich genug zu lesen.

Überhaupt, finde ich, gehört es mit zu den aufregendsten Erkenntnissen, die man in diesen Tagen machen kann: Was man alles nicht braucht, auch an Dingen, die man eigentlich für unverzichtbar gehalten hat.

Aber bevor ich mich jetzt hier um Kopf und Kragen schreibe und den Konsum wieder abwürge, bevor das Pflänzchen erste Blüten treibt, hör’ ich lieber auf.

Und bin dann erstmal - wieder weg.

Hermann Weiß schreibt in seiner Kolumne "Mittlere Reife" über seine Sicht au ...
Hermann Weiß schreibt in seiner Kolumne "Mittlere Reife" über seine Sicht aufs Leben

78 Kommentare

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Und wenn die zweite Welle kommt, wird gejammert..."Ohhh, ich dachte Corona ist vorbei!" "Scheiße!" Oma? Omaaaa?" https://www.ksta.de/koeln/stadt-koel...uTOwFYy4boo
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Ich hatte heute einen Arzttermin in der Innenstadt. In Bayern haben seit heute viele Geschäfte auf. ..... Es war überall leer. Hört auf. Die Leute für blöd zu halten !
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Ich kann es verstehen, dass die Menschen sich nach Lockerung sehnen, sehr gut verstehen. Nur - bei allem Verständnis. Ist es nicht viel wichtiger daran zu denken, das Menschenleben davon abhängen? Haben wir nicht alle eine Verantwortung uns UND dem anderen gegenüber? Dem Virus ist es völlig egal, das findet seine Opfer. Und je leichter man es ihm macht, umso besser für für ihn, denn er kann sich immer weiter verbreiten. Noch haben wir kein Gegenmittel, das wir flächendeckend nutzen können. Daran sollten wir alle denken und es beherzigen. Wir wissen nämlich nicht, für wen es tödlich ausgehen kann, aber es kann jeden treffen - egal, ob jung oder alt!!! Ich war selber Krankenschwester (später im Schuldienst) und habe unter anderem auch in der Infektionsklink der Unikliniken Bonn gearbeitet. Ich lese hier einige Berichte von Pflegekräften begonnen mit Annemarie Busch, die körperlich, aber vor allem auch seelisch Grenzen betreten. Ich habe schon vor über 30 Jahren mit Politikern gestritten, dass wir mehr Gehalt verdienen. Heute sind sie (nicht die Politiker) die Helden. Es bedarf also einer Pandemie und Opfer beim Pflegepersonal um festzustellen, was diese Menschen wert sind!???? Bitte entschuldigt es, aber mir steigt die Galle hoch. Allein aus Achtung gegenüber dieser Pflegekräfte finde ich es wichtig, das wir Disziplin wahren und unseren Konsum so gestalten, dass es nicht wieder zwangsläufig zum Anstieg der Infektionen kommt. Denn genau den befürchte ich! Die Pflegekräfte waren schon zu normalen Zeiten überbeansprucht. Immer mehr mussten, wegen Burn out oder anderen Erkrankungen aufgrund ihrer Tätigkeit, ihren Beruf aufgeben. Bitte entschuldigt, dass ich mich hier so ergiebig äußere. Ich bin auch gleich damit fertig. Nur eins liegt mir noch auf der Seele: Herr Erhard Thomas's Äußerung ärgert mich. Ich mache den Vorschlag. Alle "Möchtegernprofipolitiker" sollen KONSTRUKTIVE Vorschläge machen, die besser sind, als die von Frau Merkel. Dann könnte man doch auf einer sachlichen Ebene diskutieren und vielleicht sogar noch bessere Lösungen finden!???
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In Sinzig auch da kaufen die für den Garten weil sie nicht groß raus können und wenn 2 Abstand und Mund und Nase bedeckt .was bleibt ihnen anders übrig im Garten oder im Haus arbeiten.
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Also hier bei mir in und bei Fürstenfeldruck quillen die Baumärkte aus allen Nähten. Die Parkplätze voll voll voller...
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Ich wohne in Reutlingen und da ist es genauso voll, die waren auch nie geschlossen. Draußen vorm Eingang stehen zwar "Aufpasser" die ihr bestes geben damit nicht zu viel Menschen auf einmal reingehen - aber drinnen da wuselt es nur so von Menschen, in manchen Abteilungen. Von wegen Abstand halten, da passt nicht mal ein Buch dazwischen....
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Eben, das was Du beschreibst ist Anspruch und Wirklichkeit. Der Parkplatz war voll aber KEINE Schlange vor dem Eingang bedeutet das alle drin waren. Ich sehe das hier und da immer wieder das auch die Maskenpflicht nicht unbedingt eingehalten werden.
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Ich denke das Beste ist die ganze Geschichte vorsichtig anzugehen. kein Mensch weiß wie das weitergeht, das Virus ist jetzt nicht weg und hat sich auch nicht in Luft aufgelöst, sondern ist immer noch da. Wie die ganze Geschichte wirtschaftliche Folgen hat weiß kein Mensch tatsächlich. Also würde ich in jedweder Beziehung vorsichtig sein. Dieser moshammer das ist so ein schwuler Mode Mensch gewesen hatte den Wahl Spruch wenn du etwas kaufen möchtest musst du immer doppelt so viel auf dem Konto haben. eine sehr gute Idee und ein sehr guter Gedanke. Also Füße ruhig halten ist meine Devise.Liebe Zensur es kann natürlich sein dass ich etwas geschrieben habe was irgendjemanden missfällt deswegen entschuldige ich mich schon im voraus für jedwede Verfehlung danke schön
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Ich verstehe das ganze Gerede über Lockerrungen in dieser echt schweren Zeit nicht.Es ist noch NICHTS überwunden,ein Gegenmittel scheint es auch noch nicht zu geben,der Mundschutz soll zur Pflicht werden,Ärzte und Pflegekräfte vor denen ich mit ganzem Herzen den Hut ziehe,kämpfen um das Leben erkrankter !!! Selbstverständlich kann ich es verstehen das sehr viele Selbstständige um Ihre Existenz bangen,aber Leute,hier geht es um Menschenleben ! Eine hohe Prozentzahl ist der Meinung,so,nun ist die Grippe wieder weg und alles ist wieder gut.Oh nein,denn es ist KEINE Grippe sondern eine ernstzunehmende Lungenkrankheit.Durch erweiterte Lockerrungen gefährden wir uns erneut und einen Rückschlag der dann eventuell sehr viel höher sein könnte ziehe ich privat gedanklich in Betracht.Lasst uns weiterhin vorsichtig sein und uns gegenseitig schützen,nur so kommen wir voran.
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Ich war die ganze Zeit arbeiten, in der Pflege. Für mich wird sich nichts ändern. Konsumieren stand für mich nie an erster Stelle...
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Hätte die Pflege mich nicht kaputt gemacht, nach 36 Jahren, würde ich jetzt aus dem Ruhestand an deiner Seite stehen. Aber hab acht auch auf dich
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Dankeschön, ich muss noch bis September durchhalten, bin auch schon kaputt.
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Ich arbeite in der Betreuung.....bei uns diskutiert man gerade, ob wir es wert sind, den Pflegebonus zu bekommen......
dabei fangen wir gerade alles auf !
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Es ist eine Schande...
schon allein, dass man darüber diskutieren muss!
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ja, das stimmt... aber was erwartet man schon von dieser Politik ?
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In Krieg und Krise vertraut das Volk der Führung. Daher die Devise:
"Merkel süß!"
https://n0by.blogspot.com/2020/04/merkel-su.html
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Bei uns ist alles so ruhig wie vorher und ich denke die Leute haben vielleicht erkannt das es Dinge gibt die wichtiger sind als shoppen oder Party machen.
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Das denke ich weniger auch viele ältere Menschen stehen in Gruppen beim einkaufen mit Enkelkind oder die ganze Family, als wäre nie etwas gewesen. Viele haben eben noch nichts begriffen.
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Viele Ältere mussten den Krieg, Flucht, Hungersnot, Typhus überstehen - sie haben eine andere Einstellung durch das Leben, denn Jammern hat nie geholfen
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