Warum ein Sieg des SC Freiburg gegen Bayern keine Überraschung wäre

Der SC Freiburg ist das Überraschungsteam der Hinrunde in der Fußball--Bundesliga und könnte am Mittwoch bei einem Sieg den FC Bayern in der Tabelle erneut hinter sich lassen. Hinter dem Erfolg steht Trainer Christian Streich, dessen langjährige Arbeit sich nun auszahlt. Er selbst sieht das allerdings etwas anders.

Christian Streich will gegen die Bayern heute gewinnen
Christian Streich will gegen die Bayern heute gewinnenFoto-Quelle: imago/Sportnah

Über diese Saison, ist sich Christian Streich sicher, werden die Menschen noch in 100 Jahren reden. Nach 14 Spieltagen lag der FC Freiburg, den Experten zu diesem Zeitpunkt eher am Tabellenende vermutet hatten, auf Platz fünf und vor dem Rekordmeister FC Bayern München. "Das ist eine Meldung im Jahrhundertbuch", sagte Trainer Streich über die ungewöhnliche Tabellenkonstellation.

Diese hatte sich nach dem 15. Spieltag allerdings schon wieder "normalisiert". Die Bayern stehen zwei Punkte vor Freiburg, nachdem der SC am Wochenende gegen Hertha verloren und Bayern gegen Bremen gewonnen hat. Doch schon am Mittwoch, wenn die Freiburger daheim den FC Bayern empfangen, könnten die Schwarzwälder mit einem Sieg für einen weiteren Eintrag ins Freiburger Jahrhundertbuch sorgen. Dann lägen sie in der Tabelle schon wieder vor dem Rekordmeister.

Statt um den Klassenerhalt geht es in Freiburg um die Europa League

Ganz so abwegig ist ein Erfolg des Sportclubs nicht, und das liegt nicht nur an den Bayern, die bisher in der Hinrunde bei weitem nicht die Dominanz an den Tag legen, die man von ihnen gewohnt ist. Es sind die Freiburger selbst, die in den vergangenen Partien mehr als einmal gezeigt haben, dass mit ihnen zu rechnen ist.

Die Mannschaft von Trainer Christian Streich spielt die Saison ihres Lebens. Von 15 Spielen haben sie in der Hinrunde bisher sieben gewonnen und mittlerweile 25 Punkte gesammelt. Das ist bereits mehr als in der gesamten Hinrunde der vergangenen Saison. Der Klassenerhalt dürfte in dieser Spielzeit schneller gesichert sein als sie das im Schwarzwald gewohnt sind. Statt nach unten in der Tabelle zu schauen, richtet die Mannschaft ihren Blick jetzt nach oben – Richtung Europa League, auch wenn sich die Spieler daran noch gewöhnen müssen. "Dass wir so weit vorn stehen, ist schon verrückt, damit haben wir natürlich nicht gerechnet", sagt Verteidiger Philipp Lienhart.

Es heißt, Streich könne sich nur selbst entlassen

Freiburg gilt als das "Überraschungs-Team" der Saison. Tatsächlich aber ist der Erfolg der Mannschaft so überraschend nicht, sondern die Konsequenz der Arbeit Christian Streichs. Seit 2012 ist er der Trainer der Profimannschaft und damit der Bundesliga-Trainer mit der längsten Verweildauer bei einem Verein. Anfang dieses Jahres hat er seinen Vertrag ein weiteres Mal verlängert. "Purer Luxus" nennt Streich den Job in seiner Heimat, und dass er sich bedanken müsste, in Freiburg Trainer sein zu dürfen. "Das ist eine Struktur in diesem Verein und in dieser Stadt, in die ich gut passe."

Haben schon 7 Siege auf dem Hinrunden-Konto - der Sportclub Freiburg
Haben schon 7 Siege auf dem Hinrunden-Konto - der Sportclub FreiburgFoto-Quelle: imago images/Jan Huebner

An keinem anderen Standort kann ein Trainer so in Ruhe arbeiten wie in Freiburg. Der Verein weiß, was er an ihm hat, man kennt und schätzt sich. Daran änderte sich auch nichts, als die Mannschaft 2015 in die zweite Bundesliga abstieg. In anderen Clubs hätte spätestens jetzt der Trainer gehen müssen. Nicht so in Freiburg. Bereits in der darauffolgenden Saison gelang Streich und der Mannschaft der Wiederaufstieg. Es gilt nicht erst seitdem das geflügelte Wort in Freiburg, dass sich Streich nur selbst entlassen könne.

Entwicklung junger Spieler ist Streichs Stärke

Wirtschaftlich ist der Verein kerngesund und verfügt mit 76 Millionen über das sechsthöchste Eigenkapital aller Bundesliga-Vereine. Die Badener verstehen es zu haushalten, was auch bedeutet, dass megateure Spielertransfers für sie nicht in die Tüte kommen. Vielmehr setzt man beim Verein auf den eigenen Nachwuchs und auf günstige Spieler von anderen Vereinen, so wie bei Philipp Lienhart, der 2017 zunächst auf Leihbasis von Real Madrid zum SC wechselte, bei Robin Koch, der aus Kaiserslautern kam, oder wie bei dem ehemaligen HSV-Stürmer Luca Waldschmidt, der seit 2018 in Freiburg spielt.

Heute ist Lienhart eines der größten Verteidigertalente der Liga, Koch und Waldschmidt reiften in Freiburg zu Nationalspielern. Die Entwicklung junger Spieler gehört unbestritten zu den Stärken Christian Streichs. Er wisse immer genau, wie er den einzelnen Spieler erreichen könne, sagen die Spieler selbst. Dabei könne es auch mal laut werden. Streich ist keiner, der mit seinen Gefühlen und Gedanken hinterm Berg hält.

Auch vor politischen Themen macht der Trainer nicht halt

So bodenständig er mit seinem badischen Dialekt daherkommen mag, so aufbrausend kann er werden, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Wie ein Donnergott tobt er an der Seitenlinie, wenn seine Spieler nicht so wollen wie er oder er seine Mannschaft vom Schiedsrichter ungerecht behandelt fühlt. Dass er daneben einer der wenigen im Fußballgeschäft ist, der sich zu aktuellen politischen Themen äußert, passt ins Bild. Zur Flüchtlingskrise sagte er 2015 vor dem Spiel gegen Arminia Bielefeld: "Jetzt geht es darum, dass man sich den Menschen öffnet, dass man sie empfängt, dass man Ängste abbaut.“"

Immer wieder wird der 54-Jährige nach seinem Erfolgsrezept gefragt und genauso regelmäßig tut Streich so, als habe er mit all dem, was da gerade in Freiburg passiert, nur am Rande zu tun. "Der Verein ist größer als alles", sagt er. Was aber nicht heißt, dass es für ihn nichts anderes als den SC Freiburg gibt. Aus der Sicht des Sportvorstandes Jochen Saier ist ein Erfolgsgeheimnis von Streich, dass sich dieser in der fußballfreien Zeit auch völlig vom Fußball abkapselt. "Bei uns ist es immer so, dass der wichtigste Neuzugang ein erholter Trainer ist. Streich will in der Pause von Fußball nichts hören", sagt Saier.

Für das Spiel gegen die Bayern haben sich die Freiburger viel vorgenommen. "Wir haben diese Runde gezeigt, dass wir gegen jeden Gegner mithalten können", sagte Verteidiger Christian Günter. "Das wird auch am Mittwoch so sein."

Die Gesamtbilanz mag eindeutig gegen sie sprechen, da stehen 27 Bayern-Siege vier Freiburg-Siegen gegenüber. In der vergangenen Saison aber gingen beide Begegnungen zwischen Freiburg und Bayern unentschieden aus.

1 Kommentar

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wize.life-Nutzer
Solche Trainer, wie Christian Streich, sollte es in der Bundesliga mehr geben.
Einer, der auf dem Boden geblieben ist und nie abheben wird !!
Das wäre gegen sein Naturell
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