13. dOCUMENTA: Das Publikum erleidet dankbar die Kultur
13. dOCUMENTA: Das Publikum erleidet dankbar die Kultur
13. dOCUMENTA: Das Publikum erleidet dankbar die Kultur

Die 13. Documenta ist einfach schlecht. Mein Gott, darf man das sagen, auch wenn es nur eine persönliche Meinung ist? Ja, man muss es sogar. Ausgestellt wird das breite Spektrum von Nichts, konkretisiert in leeren Leinwänden und leeren Räumen, bis zu Lara Favarettos gigantischem Schrotthaufen („skulpturale Geste im öffentlichen Raum"), der gar nicht anders als durch eine Räumfirma zu entsorgen ist. Dazwischen vieles, was nicht als künstlerisch bezeichnet werden kann, was aufgeladen durch zugewiesene politische und ideologische Bedeutung seine Berechtigung erhalten hat, Exponat zu sein. Aber nur deswegen. Es gibt Ausnahmen, wie Arbeiten von Ida Applebroog, aber nicht genug, um die langen Wartezeiten und die klimatischen Zumutungen zu rechtfertigen. Von der Anreise ganz zu schweigen.

"Ja, da will ich auch noch hin"

Aber, interessante Erfahrung, als wir sagten, wir fahren zur 13. dOCUMENTA, so schreibt sie sich, aussprechen kann man sie so nicht, löst das regelmäßig folgenden Reflex aus: „Ja, da will ich auch noch hin. Vielleicht übernächstes Wochenende." Die Documenta ist der Hadsch, die vorgeschriebene Pilgerfahrt der Intellektuellen, und das alle fünf Jahre. Und weil man selbst dabei ist, ist Kassel zur Zeit der Documenta der Ort des Heiligen Gral. Jeder Kritik entzogen. So haben Haris Epaminonda und Daniel Gustav Cramer im nördlichen Bahnhofsbereich ein ganzes Haus zugewiesen bekommen, dessen Eingang verengt wurde, damit man das Gefühl bekommt, etwas Besonderes, etwas Geweihtes zu betreten. Dafür warteten wir 40 Minuten und dann: weitgehend nichts. Ein leerer Flur „beschreibt den Abstand zwischen den Dingen und formuliert Distanz als eine für die Überwindung von Blindheit nötige Kraft." Aha.

Diese Ausstellung ist künstlerisch nackt

Diese Documenta erinnert an den König ohne Kleider, es ruft nur keiner, dass die Ausstellung künstlerisch nackt ist. Das Publikum erleidet die Kultur und duldet stumm, dankbar, dabei, glücklich auserwählt zu sein. Die halbe Stunde Wartezeit, um von oben in Michael Portnoy´s, (Experimentalkomiker) braunen Haufen zu blicken und uns dazu seine Beschwörung vom Band anzuhören, haben wir uns nicht angetan.

Wer anreist, und für die Bildung des eigenen Urteils ist das unverzichtbar, reist nicht über den Hauptbahnhof an, er hat kein Haupt mehr, sondern über Kassels-Wilhelmshöhe und von dort mit der Straßenbahn. Der alte Bahnhof ist jetzt Kulturbahnhof (und Industriebrache), so wie sich Kassel jetzt als „Documenta-Stadt" auf ihren Ortsschildern bezeichnet. Als Beginn ist der Bahnhof gut gewählt, dann ins Fridericianum, das Ottoneum, die Documenta-Halle und man nähert sich dem, was Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin, vorhatte:

Die nichtlogozentrische Vision

„Die 13. dOCUMENTA wird von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision angetrieben, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenübersteht. Diese Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen." Sie „vollzieht daher eine räumliche oder genauer gesagt, standortbezogene Wende, indem sie die Bedeutung eines physischen Ortes betont, gleichzeitig jedoch auf die Verlagerung und Schaffung anderer und partieller Perspektiven abzielt – eine Erforschung von Mikrogeschichten in wechselnden Maßstäben, die die lokale Geschichte und Wirklichkeit eines Ortes mit der Welt verbinden."

Wer Sinn in diesen Wortgeschwulsten sucht, dem seien die Kritiken von Spiegel Online, „Zeit" oder „Bild" zum Nachlesen empfohlen. Es gehe um „Sinnsuche", um „unsere Traumata." Aus Kabul, Partner der Ausstellung, war in der Tat Erschreckendes zu sehen. Natürlich auch aus Deutschlands dunkler Vergangenheit. Aber unsere Traumata sind heute andere. Welche Visionen hat die Jugend neben Hartzer-, Praktikanten-, Drogen- oder Chiller-Biografien? Und die Skepsis gegenüber „wirtschaftlichem Wachstum" ist wohlfeil. Welchen Beitrag leisten dazu das Lebewesen Erdbeere und ein Wahlrecht für Hunde? Carolyn Christov-Bakargiev riss diese Themen an, Antworten gab sie nicht. Und so bleibt die 13. Documenta, die noch bis zum 16. September geht, stecken in einem Muff aus Esoterik, latenten Vorwürfen und verschwiemelter Bedeutungsschwere.

Lustig, künstlerisch und voller Hinweise, wie Kultur aussehen könnte, ist sie nicht. Naja, von einem Hadsch verlangt man das ja auch nicht.

Information: d13.documenta.de

Fotos: Mogamma (A Painting In Four Parts)/Presse03; Michael Portnoy´s brauner Haufen/Copyright: hhh

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