Neue Studie: Börsentief führt zu mehr Toten im Straßenverkehr

Dass fallende Aktienkurse für Anleger meist kein Grund zum Jubeln sind und etwa ihr Konsumverhalten negativ beeinflussen, liegt in der Natur der Sache. Dass aber ein Börsentief zu mehr Toten im Straßenverkehr führt, ist überraschend. Wirtschaftswissenschaftler der Freien Universität Bozen haben entsprechende Daten aus den USA ausgewertet. Wer besonders gefährdet ist.

Was haben fallende Börsenkurse mit Unfalltoten zu tun? Forscher der Freien U ...
Was haben fallende Börsenkurse mit Unfalltoten zu tun? Forscher der Freien Uni Bozen haben es herausgefundenFoto-Quelle: Adobe Stock

Wenn sich die Indizes an der Wall Street im Abwärtstrend befinden, birgt dies nicht nur Risiken für das Vermögen, sondern auch für die Gesundheit vieler Anleger: Zu diesem Schluss kommt Mirco Tonin, Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Bozen, der seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie forscht. Gemeinsam mit Corrado Giulietti und Michael Vlassopoulos von der University of Southampton hat Tonin im Journal of Health Economics die Studie "When the market drives you crazy: Stock market returns and fatal car accidents" veröffentlicht.

Die USA, wo jede zweite Familie direkt oder indirekt, etwa über Pensionsfonds, an der Börse investiert ist, waren für die Wissenschaftler ein ideales Forschungsgebiet. Sie verglichen einen Datensatz zu Unfalltoten im Straßenverkehr mit Finanzindizes wie dem S&P500. Für den Zeitraum von 1990 bis 2015 zeigte sich tatsächlich ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Börsenschwankungen und der Zahl der Unfallopfer: Schloss die Wall Street zwei Tage in Folge mit einem Minus, wurde im Schnitt ein Verkehrstoter mehr pro Tag verzeichnet, bei einem Durchschnitt von täglich 37.

Vor allem unerfahrene Anleger in Unfälle verwickelt

Das Phänomen war besonders gegen Ende der 90er-Jahre stark ausgeprägt. Eine Tatsache, die kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass viele amerikanische Familien im damaligen New-Economy-Boom erstmals an der Börse investierten. "Das zeigt einmal mehr, dass sich Anleger mit wenig Erfahrung und Know-how besonders stark von den täglichen Schwankungen an den Wertpapiermärkten verunsichern lassen", unterstreicht Tonin. Erfahrenere Investoren würden die Volatilität der Märkte dagegen als Teil des Spiels ansehen.

Eine ähnliche Korrelation konnte Tonin in einer weiteren Studie über das Griechenland der Jahre 2010 und 2011 ausmachen, das damals am Rande des Bankrotts und unter den strengen Austeritätsauflagen der Troika stand. Auch dort zeigte sich, dass Sorgen über negative wirtschaftliche Entwicklungen zu einem unaufmerksameren Verhalten im Autoverkehr führen können.

So gingen die Forscher vor

Um falsche Korrelationen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu vermeiden, führte das Forschungsteam verschiedene Tests durch. Allen voran sahen sie sich den Zeitpunkt der Unfälle genauer an und überprüften, ob ein Zusammenhang zwischen Unfällen und Kursentwicklung an der Börse erst nach Eröffnung der Börse oder auch schon davor bestand. In einem zweiten Schritt wurden die Fahrer, die in tödliche Unfälle verwickelt waren, nach Alter, Wohnviertel (das in der Regel Hinweise auf ökonomische Verhältnisse gibt) und Fahrzeugmodellen klassifiziert.

Mirco Tonin, Professor für Finanzwissenschaft und Verhaltensökonomie der Fre ...
Mirco Tonin, Professor für Finanzwissenschaft und Verhaltensökonomie der Freien Universität BozenFoto-Quelle: Curzio Castellan/Unibz

"Klarerweise haben wir keinen Zugang zum Vermögen und Wertpapier-Portfolio der einzelnen Opfer, doch wir wissen, wie alt sie waren und kennen ihre Postleitzahl und das Automodell. Auf Basis dieser Daten ist es möglich, sich ein recht vollständiges Bild der betroffenen Menschen zu machen", erklärt Tonin. Das Ergebnis dieser Analyse habe gezeigt, dass bei Unfallfahrern mit geringen finanziellen Ressourcen keine Korrelation mit der Börsenentwicklung vorliege – "beispielsweise bei jungen Menschen oder Personen, die in ärmlicheren Wohnvierteln leben oder billige Autos fuhren", so Tonin.

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