Bentley Flying Spur in Zeiten des disruptiven Wandels des Automobils
Ikonisches Automobil oder Dinosaurier?
Ikonisches Automobil oder Dinosaurier?Foto-Quelle: W.Stegers

In den „Mythen des Alltags“ beschrieb in den fünfziger Jahren Roland Barthes die kathedralhafte Skulptur des Rolls Royce samt seines klassizistischen Kühlergrills. Er hatte in ihm den Tempel automobiler Leidenschaft gesehen. Diese „Hellenische Tempelfront“ mit dem Tympanon als Abschluss, auf dem die beflügelte Emily dem Fahrtwind trotzt, ist über all die Jahre hindurch bei Rolls Royce stilprägend durchgehalten worden. Der „Säulenkühler“ hatte beim Lincoln Continental (1978) eine Nachahmung gefunden und war aber bereits zwanzig Jahre zuvor als Gittergrill im ersten Bentley Flying Spur S1 aufgetaucht - interessanterweise als Symbol eines schottischen Clans, der darin sein Wappen verewigt sah.

Dieses ikonische Designmerkmal hat nun Chefdesigner Stefan Sielaff beim vollkommen neue konstruierten Flying Spur Jahrgang 2019 adaptiert. Der markentypische Bentley-Grill in Wabenform tritt hinter die Säulen zurück. Je nach Wunsch können sie in Chrom oder schwarzlackiert geordert werden. Das gilt übrigens auch für das „Flying B“, jenes geflügelte B auf dem Grill, das ebenfalls in Tiefschwarz erhältlich ist.

Das illuminierte Flying „B“


Wer will, kann es mit durchsichtigen Flügel bestellen und von innen in Weiß beleuchten lassen. Die beiden Flügel mit den elf beziehungsweise zwölf Federn, „sind aber leider nicht aus Laliqué-Glas gefertigt, sondern aus Gründen der Sicherheit aus Plastik“, merkt Sielaff mit dem leichtem Bedauern eines perfektionistischen Designers an.

Mit Stefan Sielaff, der die Designabteilung des britischen Herstellers in deutschen VW-Händen leitet und für die Erscheinung der Luxuskarossen Verantwortung zeichnet, lässt sich trefflich über den Auto-Mythos, dem „Bestiarium der Kraft“ (Barthes) im Allgemeinen und über Design und Style der Traditionsmarke Bentley im Besonderen parlieren. Sielaff, der schon bei Mercedes, Audi und Volkswagen seine Meriten erworben hat, ist bekannt dafür, höchste Ansprüche an Form und Funktion, Material und Erscheinung zu stellen. So gesehen ist die Tätigkeit bei Bentley bisherige Krönung seines praktischen Arbeitslebens.

Form follows function?


Dabei ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der Formgebung des Automobils eher spärlich geschehen. Die Diskussion über Design kontra Style offenbart die Unterschiede nordamerikanischer und europäischer Sichtweisen. Das „Form Follows Function“, 1892 durch Louis Sullivan aufs Schild gehoben, rückt mehr das Naturgesetz der Stromlinie ins Blickfeld als eine Theorie. Dieser Imperativ konzipiert die Formen der Natur, die keine Ecken und Kanten trägt.

Funktionalität contra L’art pour l‘art


Wenn Funktionalität als ein Merkmal einer guten Form gesehen wird, dann wird in Europa von Design gesprochen. Ja, gutes Design soll zudem eine Art gesellschaftlicher Aufgabe erhalten, in dem es den Zweck des Gegenstandes in eine gute Form hüllt – fern jeglicher Spielerei. Styling dagegen lässt den Zweck in den Hintergrund rücken. Es wird zum modischen Gewand, Formen wachsen zu eigenen Skulpturen, oft sinnfrei, L‘art pour l’art, bei denen zum Beispiel Heckflossen und Panoramascheiben, üppig ausladende Karosserien samt barock anmutendem Zierrat das Automobil wie eine auf vier Rädern rollende Inszenierung erscheinen lassen – als Streit- oder Festwagen.

Bis heute haben sich diese Gegensätze diesseits und jenseits des Atlantiks erhalten. „Hinzugekommen sind noch die Wünsche des asiatischen und arabischen Markts. Satte Farben, opulente Innenausstattung edelster Materialien und viel Bling Bling“, wie Sielaff aus den eingehenden Kundenbefragungen zu berichten weiß. Ja, er erinnert sich, wie die Schmuckmanufaktur Wellendorf den Maybach von Mercedes für exaltierte Kunden mit Brillanten verzierte. Da scheint die Pforte zur Dekadenz weit geöffnet.

My car is my castle


Sicherer Geschmackssinn und ein „Händchen“ für edle Materialien und Formen hat schon immer die besten Interior-Designer ausgezeichnet. Nach Sielaffs Auffassung ist die Innenausstattung eines Fahrzeuges auch so bedeutend, weil sie vom Fahrer und den Passagieren erlebt, gesehen, angefasst, bedient und benutzt wird. „My car ist my castle“, das Automobil als rollender Lebensbereich, Arbeitszimmer wie ein Ort zum Relaxen, abgeschirmt von der Außenwelt. So trifft auf den Flying Spur von Bentley der Slogan perfekt: „Drive and to be driven“.

In Marken spiegeln Lebensstile und Milieus wider. Umgekehrt bedeutet dies, dass Designer auch das Markenbild des neuen Modells zu akzentuieren haben. In Zeiten des revolutionären Einbruchs der digitalen Medien in das cosy-Interieur eines hochherrschaftlichen Bentleys nicht gerade ein leicht zu vollziehender Spagat. Er findet in der Rolling Bar zum Aufpreis von 5000 Euro seinen Meister. „Die Techniker waren nahezu verzweifelt“, berichtet Sielaff, „unsere Idee der umrollenden Anzeige vom LED-Bildschirm und den drei analogen Instrumenten zu verwirklichen.“ So kann nach Belieben per Knopfdruck entweder das „volle Kino“ von Navigationskarte, Radiostationen, sozialen Medien et cetera genutzt werden, oder es wird klassisch mit Rundinstrumenten im Dashboard gefahren. Dabei läuft das Navi im Hintergrund und kann mit Pfeilsymbolen ins Headup-Display an die Windschutzscheibe projiziert werden oder erscheint als Karte im Display des Fahrers.

Die feine Art zu fahren und gefahren zu werden


Natürlich wird höchst luxuriöse Wohlraumatmosphäre durch Illuminierung des Inneren, dicke Schafwollteppiche und weiche Nappaleder-Fauteuils erzeugt. Dabei müssen Passagiere wie Fahrer nicht befürchten auf den Ledersesseln hin und her zu rutschen. Sie sind so gepolstert, dass sich auch bei flotter Kurvenfahrt genügend Halt bieten. Auch wenn der Wagen regelmäßig benutzt werden sollte, so wird sich kaum das Besondere einer Fahrt mit ihm abschleifen lassen. Dafür ist das komplexe Zusammenspiel aller Funktionen und Ausstattungen zu perfekt, um es nicht immer aufs Neue genießen zu können.


Und wenn Sielaff bei der Design-Präsentation der hinteren Seitenwand des Flying Spur „vom größten in der Automobilindustrie verbauten Blechteil aus Aluminium“ spricht, dann werden die Worte von Roland Barthes vor über 60 Jahren wieder lebendig. Er schrieb anlässlich der Präsentation der „göttlichen“ Déesee, des Citroen ID 19: „Bekanntlich ist das Glatte immer ein Attribut der Perfektion, weil sein Gegenteil die technische und menschliche Operation der Bearbeitung verrät… In der D.S. steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinander gesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wundervollen Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur erwecken soll.“

Dinosaurer oder Hide-away?


Ist nun in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit und Massenfertigung auf dem laufenden Fließband das Design oder Styling des Flying Spur ein kathedralisches Kunstwerk oder ein gut geformter Gebrauchsgegenstand in Zeiten des disruptiven Wandels des Automobils - Dinosaurier oder Sehnsuchtsort als Hide-away? So stellt sich beim Flying Spur die Frage nach dem Gebrauchswert und dem Tauschwert. Denn der Mythos des Automobils im Allgemeinen ist in Zeiten von Umweltdiskussionen, Klimakrise, Verkehrsinfarkt und Ressourcenschonung mehr als angekratzt.

Der Wandel vollzieht sich derzeit – in manchen Bereichen und Regionen stärker, in anderen heftiger. Das mag auch auf alternativlose Luxusgüter wie einen Bentley zutreffen.
Tauschwert und Gebrauchswert sind bei dem Flying Spur im Sinne von einem Nichthabendem Brauchen und Nichtbrauchendem Haben wohl ebenso klar umgrenzt wie die Swatchuhr zur Patek Philippe am Handgelenk. Aber wie passt dies zu der Aussage der Hochschule für Gestaltung in Ulm: Aufgabe des Designers sei es, „den Gebrauchswert zu erhöhen, dauerhafte Güter zu produzieren, die Verschwendung zu reduzieren“? Aber lebt nicht gerade der Luxus von opulenter Verschwendung und erhöht sich nicht gerade der Tauschwert eines Luxusguts durch die kalkulierte Beschränkung „1 Auto weniger zu bauen als die Nachfrage verlangt“?

Wenn Geld keine Rolle spielt


Ja, es kann so weit gehen, dass Geld, welches sich zwangläufig aus diesem Gegensatzpaar als dritte Ware offenbart, dann keine Rolle mehr spielt, wenn „on top“ bei ultimativen Luxusgütern noch strengst limitierte Sonderserien das Einzigartige eines industriell gefertigten Artikels durch erzwungene Beschränkung hervorheben.

Wenn auch jetzt schon davon auszugehen ist, dass kaum ein zweiter Flying Spur die modernen Fertigungsbänder in Crove verlassen wird, weil jedes Fahrzeug von seinem Besitzer unique konfiguriert wurde, ist die Anziehungskraft einer Kleinstserie ungeheuer. „Innerhalb weniger Tage waren die auf 100 Exemplare beschränkten Sondermodelle zum hundertsten Firmenjubiläum vergriffen“, berichtet Stefan Sielaff. Der Run auf solche limitierten Modelle ist bei allen Luxusmarken zu beobachten. Ob Porsches 991 Speedster Vintage, AMG-GT one of five, Ferrari 488 Pista oder noch rarer, Piloti, der wird nur an jene Kunden verkauft, die für Ferrari Rennen gefahren sind.

Die Wiederbelebung des Bentley Blowers


Das scheinbare Paradoxon der uniformen Sonderserien, bei der Farbe und Ausstattung vorgegeben und nicht veränderbar sind, löst sich wieder auf, da ihre Eigner zu dem elitären Zirkel gehören, die dieses Auto auch kaufen durften. Kein Wunder, dass nahezu alle streng limitierten Sonderserien von Luxusobjekten im Laufe der Jahre enorme Wertsteigerungen erfahren. Womit bewiesen wäre, je rarer umso luxuriöser – so exclusiv, dass Geld keine Rolle mehr spielt.

Dieser Strategie ist auch Bentley schon erfolgreich gefolgt. Ganz aktuell mit der Ankündigung eine Kleinstserie von 12 der legendären Vorkriegs-Blower zum Preis von 1,2 Millionen Euro aufzulegen. Was heute mit 3d-Druckern schnell möglich wäre, haben sich die Bentleyingenieure erspart. Sie gehen in die Vollen und lassen alle notwendigen Teile nachschmieden und herstellen. Dieses Mal nicht auf Lager, um die für den Renneinsatz geforderte Homologationszahl von 50 zu erreichen.

Wie zu hören ist, sind unter den Kunden auch Besitzer der 4,5 Liter-Kompressormotoren, von denen in den Jahren 1929 – 31 insgesamt 55 Chassis produziert wurden. Bis vom Flying Spur Sondereditionen auf den Markt kommen, werden jetzt die W12-Motoren mit Doppelturbolader zum Einstiegspreis von 214.000 Euro und später dann die preisgünstigeren V8-Motoren in den Verkaufsräumen stehen. Wie sich der Fliegende Sporn fährt, wird eine Testfahrt beantworten müssen.
Autor: Wolfgang Stegers

Der Fahrbericht Bentley Flying Spur in den Seealpen folgt

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