P. Böttcher
P. BöttcherFoto-Quelle: pixabay.com
Nähe

Guten Morgen Mama
Guten Morgen Papa
Ich sehe, es war ewig niemand hier, etwas verwundert bin ich schon.
Mag sein, die Anderen haben keine Zeit. All die Anderen, um die ihr euch zu Lebzeiten gesorgt habt.
Heute ist ein milder und sonniger Herbsttag, Mama. Erinnerst du dich Mama?
Als ich klein war, hast du mich an die Hand genommen, bist mit mir durch den kleinen Wald gelaufen.
Du hast den Herbst geliebt Mama. Hast mir die Namen aller Bäume erklärt.
Ich werd mich gleichmal nach einer Gießkanne umschauen. Die hinter eurem Grabstein wurde geklaut.
Verzeiht, ich musste gerade lachen!
Besucher auf Friedhöfen haben Mitleid mit durstigen Pflanzen.
Habe ich euch erzählt, dass wir umgezogen sind? Wir leben jetzt in Niedersachsen, in einem beschaulichen kleinen Ort.
Hier an diesem, in eurem Ort konnten wir nicht bleiben. Zu viele Ressentiments, in einem unbeweglichen sozialen Gefüge.
So, jetzt sieht es besser aus, ich bin gleich wieder bei euch. Stell die Kanne zurück, ans Nachbargrab.
Von hier oben sieht es schön aus, euer Grab. Ihr könnt nicht mehr voreinander weglaufen, nicht mehr so wie früher.
Fein gebettet, so wie es sich gehört, für ein Ehepaar.
Schön, dass ihr die Diamantene gemeinsam erleben durftet.
Scheiße man, ich bin gerade unendlich traurig.
Ich weiß noch Papa, als ich wieder zu Hause war, bei euch, „Ganze Kerle weinen nicht.“
Wie oft hast du diesen einen Satz zu mir gesagt? Papa!
Mama! Papa hat nach deinem Tod unendlich geweint, jeden Tag, jede Nacht.
Übrigens Papa, ich habe ein Buch geschrieben über alles, was damals passiert ist, mit euch, mit mir.
Mehr als drei Jahre habe ich in den Nächten geschrieben.
In manchen Momenten traf mich das Geschehene mit derartiger Wucht, das ich vor meinen geschriebenen Worten eingeschlafen bin. Die Unerträglichkeit begleitete mich durch den Tag, auch heute noch.
Mama, deine Sorge dass ich an den vielen Tabletten irgendwann sterbe ist bis zum heutigen Tag unbegründet. „Schau mal in den Spiegel Junge, was ist mit deinen Pupillen?“ hast du damals gefragt.
Naja, manchmal eine Tilidin, versprechen kann ich dir nichts.
Ich werde mich gleich auf den Heimweg begeben. Im Dunkeln mag ich nicht fahren.
Im zeitigen Frühjahr werde ich hier wieder stehen, an eurem Doppelgrab.
Danke, dass ihr mir zugehört habt.
Tschüss Mama
Tschüss Papa

1 Kommentar

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wize.life-Nutzer
Nein, Vergessen dürfen wir sie nicht, unsere Eltern. Wir sollten auch daran denken, was sie uns mitgegeben haben, die Erben einer verwüsteten Welt.
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