Die Geschichte vom Straßenkehrer
Filigran
FiligranFoto-Quelle: Eigene

In unserer Stadt gab es zu meiner Schulzeit einen Straßenkehrer namens Otto Stramschak. Von Statur aus war er eher klein und unscheinbar, aber das kompensierte sein grauer Backenbart nach Art des letzten Kaisers. Ein Mann mit Charisma. Ein Original. Die Leute mochten ihn.

Wir Schulbuben konnten das nicht verstehen, denn uns wurde immer gesagt, dass Straßenkehrer als Beruf so ziemlich das Letzte sei. Wenn meine schulischen Leistungen nachließen, kam verlässlich die Androhung: „Mit diesen Noten kannst du bestenfalls Straßenkehrer werden.”
Diese herablassende Einschätzung eines Berufes ließ uns glauben, dass man einen Straßenkehrer von oben herab behandeln könne und auch frech sein dürfe. Otto Stramschak überhörte unsere Schmähungen. Es schien, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Er sah weise darüber hinweg. Die frechen Angriffe blieben ohne Widerhall. Das ärgerte uns. Wir hatten wenigstens einen Ausruf wie: „Rotzbuben, depperte!”, erwartet, aber da kam nichts. Daraufhin verloren meine Kameraden das Interesse an weiteren Lausbübereien und verzogen sich.
Ich nicht, ich blieb neugierig und folgte dem „Stramschak” bei seiner Stadttour. Er schob den Zweiradler mit den Blecheimern an den Abstellstützen langsam in Richtung Braugasthof. Zu dieser Zeit gab es in unserer Stadt noch viele Pferdefuhrwerke, allen voran die gescheckten Schimmel der Gösser-Brauerei. Am Boden unter den Rössern lagen jede Menge Rossäpfel. Neben dem üblichen Straßenmist wurden diese Rossäpfel die Beute des Straßenkehrers und verschwanden in den Blecheimern.

Ich wollte wissen, warum er diesen Mist so sorgsam mit Besen und Schaufel vom anderen Abfall trennte und folgte ihm heimlich bis zu seiner Behausung am Stadtrand. Ich hatte eine alte Hütte erwartet und staunte, als ich sein kleines Haus sah. Heckenrosen und Spalierbäume bedeckten die steinerne Hausmauer. Hinter dem Haus türmte sich besagter Pferdemist neben Komposthaufen in verschiedenen Entwicklungsstadien. Ein blühender Zaun aus Weißdorn umrandete Stramschaks Haus und einen prächtigen Rosengarten, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte.
In den folgenden Tagen beobachtete ich den anfangs so geheimnisvollen Straßenkehrer und bekam immer mehr Einsicht in das Leben dieses tüchtigen Mannes. Stramschak war viel mehr, als nur Straßenkehrer. Nebenbei unterhielt er einen regen Tauschhandel mit seiner Nachbarin, der Gersbach Berta, ihrerseits Kleingärtnerin mit vielen duftenden Lavendelbüschen. Sie düngte, genau wie Stramschak seine Rosen – ihren Lavendel mit den Rossäpfeln. So liebevoll, wie die beiden ihren Garten hegten und pflegten, wuchsen und blühten die Pflanzen höher und schöner als in vergleichbaren Gärten der Stadt.

Am Abend bildeten Berta und Otto ein sehenswertes Duo – sie als singende Lavendelfrau – er als Rosenkavalier mit taubengrauem Frack und Zylinderhut. Auf dieser Tour verkauften sie in Restaurants und Nachtlokalen mit großem Erfolg ihre duftenden Produkte.
Tagsüber war er wieder der staubige Straßenkehrer und sie die gebückte, unscheinbare Lavendelfrau. Von diesen zwei Persönlichkeiten hab ich viel gelernt, sie haben mein jugendliches Denken stark beeinflusst. Sie haben mich Respekt gelehrt!

10 Kommentare

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Sehr schön geschrieben!
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Ich habe es auch gerne gelesen.
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Das war schön zu lesen.
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Danke. Grüße aus der Salzburger Quarantäne.
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Grüsse zurück vom Genfer See, franz. Seite, strenge Quarantäne.
Wir bleiben trotzdem gut gelaunt.
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Wir auch!
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Danke! Schöne, mal wieder nachdenklich machende Geschichte.
Ist es möglich, dass ich von dir schon einige Geschichten im Netz gelesen habe? Die Schreibe und die Thematik kommen mir sehr bekannt vor!
* Ich werde nicht verraten, wo es war.
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Danke fürs lesen. Und ja, ich schreibe z.B. bei Story.one. Ist kein Geheimnis
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Ja, bezaubernd geschrieben. Ich kenne auch noch diese Kareen und meine Großmutter hatte an ihrer Notbehauung (Gartenlaube) einen solchen Garten. Kinderseligkeit! Danke wize.life-Nutzer
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Vielen Dank!
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