Geht's heim!
Sankt Peter
Sankt PeterFoto-Quelle: Eigene

Ich war einmal ein Penner.
Wie meinen …? Der Ausdruck ist zu hart? Okay – ich korrigiere – ich war lange Zeit obdachlos, nichtsesshaft oder behördlich: Unstet. Das war nicht wirklich schön, aber es gab ja den Alkohol, damit konnte ich nicht nur meine Umwelt schön saufen, sondern praktischerweise auch die andere Misere namens Leben. Das gilt übrigens immer noch – auch für gesellschaftlich anerkannte Alkoholiker im Nadelzwirn.

Warum ich das schreibe? Nein – das ist kein Fischen nach Komplimenten. Ich habe es für mich getan und entkam diesem Teufelskreis. Außerdem ist es zu lange her, um damit Eindruck zu schinden. Nein, das ist es nicht. Es sind vielmehr meine Gedanken, die in Tagen des Innehaltens in meinem Kopf herumgeistern. Zunächst sind da die, von der Tagesaktualität überrollten und vergessenen Flüchtlinge, die mit dem Rücken zur Wand im Dreck zwischen den Fronten stehen. Eine Situation, die mit dem Wort „schlimm” nur unzureichend beschrieben ist und von neoliberalen Gemütern hierzulande gerne übergangen wird. Denn – wir haben jetzt selber Probleme – und beileibe genug zu tun, um das heimtückische Corona-Virus in den Griff zu kriegen.
… aber ich schweife ab, wollte eigentlich von den Entwurzelten schreiben, die nirgendwo zuhause sind.
Wir haben im Moment ja ein de facto Ausgangsverbot. Allein spazieren, mit dem gebotenen Abstand zu anderen Personen, ist erlaubt. Also gehe ich los. Frische Luft kann nicht schaden, denke ich. Von meinem tatsächlichen Ziel erzähle ich niemand, auch nicht meiner Frau. Sie würde mich auf der Stelle für verrückt erklären, wüsste sie von meinem Plan, mich in die Aura von Verlierern begeben zu wollen; noch dazu als Teil der Risikogruppe, immerhin bin ich über Siebzig. In dieser sensiblen Zeit droht von allen möglichen Menschen eine Infizierung. Unverantwortlich - würde sie sagen. Darum erzähle ich nichts davon und begebe mich vorsichtig in die Stadt.
Ich umkreise die ehemaligen Hotspots der Szene, in der vagen Hoffnung, alten Kumpanen zu begegnen – Fehlanzeige.
Hinter der Kollegienkirche treffe ich auf ein paar junge Giftler, die mir frech grinsend den Tipp geben, bei den alten Marktbuden nachzuschauen, da würden sich der alte Bobby und andere Obdachlose gerne aufhalten.
Bobby ist der letzte Übergebliebene aus meiner Zeit vor vielen Jahren, seine Kollegen kenne ich nicht.
„Hey Bobby, altes Haus“, begrüße ich ihn. Er hebt ein Augenlid, schenkt mir einen trüben Blick – erst skeptisch, aber dann entdecke ich hinter seinem verfilzten Vollbart ein breites Lächeln. Er hat mich erkannt.
„Franz … Du? Was willst du hier?”
„Schauen, wie es euch geht”, sage ich und grinse: „Keine Angst vorm Virus?”
Bobby reagiert nicht wie erwartet. Ohne ein Wort der Sorge lädt er mich auf einen Schluck Rotwein aus dem Tetrapack ein – ich lehne höflich ab. Plötzlich lacht er sarkastisch: „Bist jetzt auch einer von den Guten, die Angst haben müssen, gell. Wir Penner haben es jetzt besser als du mit deinen neuen Freunden. Diese Menschen reden ohne zu denken und rufen uns zu: Geht’s heim! – Und machen einen weiten Bogen um uns. Wir haben jetzt noch weniger Kontakte. Gut für uns!”
©Franz

2 Kommentare

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Ja, dein Artikel sollte uns alle zum Nachdenken bringen. Es ist so - wie es ist - jeder denkt zuerst - zuzweit und sowieso immer nur an sich.
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