Kunst verstehen: Wolfgang Tillmans, Fotograf & “Schöpfer von Bildern“
Wolfgang Tillmans, "Lacanau (Self)“, 1986
Wolfgang Tillmans, "Lacanau (Self)“, 1986Foto-Quelle: © Galerie Buchholz, Köln

Wolfgang Tillmans, am 16. August 1968 geboren (er hat am Sonntag Geburtstag und wird 52 Jahre), ist ein deutscher Fotograf und Künstler, der in Berlin und London lebt und arbeitet. Er ist einer der aktuellsten deutschen Künstler und einer der einflussreichsten Fotografen der Jetztzeit und stammt
aus Remscheid im Bergischen Land. Sicherlich liebt er diese Stadt, denn bei jeglichem biografischen Hinweis findet sein Geburtsort auch Erwähnung. Übrigens: Rein zufällig ist Remscheid auch
meine Geburts- und Heimatstadt - und somit ist es für mich eine Ehre, heute diesen Beitrag zu verfassen.

Durch aufmerksame Beobachtung seiner Umwelt hat Wolfgang Tillmans zum einen und zum anderen durch die Erforschung der Grundlagen, die "Fotografie als Kunst" geprägt. Seine Portraits von Freunden machten ihn in den frühen neunziger Jahren bekannt. Internationale Pop-Kultur Magazine wie i-D, Interview oder Spex publizierten seine Fotos (sogar von der Love Parade in Berlin 1992). Ab da wird er als "Chronist seiner Generation - vor allem der Londoner Club- und Schwulenszene“ gesehen. Wolfgang Tillmans Werk umfasst Porträts, Stillleben, Abstraktionen, All-Over-Wandinstallationen, Tisch-Installationen sowie Fotografien auf "Basis von Fotokopien". Im Jahre 2000 wurde ihm als erstem Fotografen und Nichtengländer der renommierte „Turner Preis“ (benannt nach dem englischen Maler William Turner) verliehen! "Ich will, dass meine Bilder in beide Richtungen wirken“, sagt der Künstler + Fotograf. „Ich akzeptiere, dass sie über mich sprechen, aber gleichzeitig erwarte ich, dass sie für die Betrachter aus ihrer Erfahrung relevant sind.“ Wolfgang Tillmans Fotos zeugen von einem nahezu obsessiven Zwang, sich selbst zu dokumentieren.

Die Düsseldorfer Ausstellung

Er hat seine Entwicklungen immer als Evolution und nicht als Revolution verstanden. Vieles – sogar sein Schritt zu "abstrakten Arbeiten", mag vielleicht ein Bruch sein. In der Düsseldorfer Ausstellung (K21 - 2. März bis 8. September 2013) gibt es keine Phase, die er bewusst aussparen müsste. Es ist ein großes Privileg, seine Arbeiten in voller Breite zeigen zu können, und das auch noch in Düsseldorf in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Er ist ja in Remscheid groß geworden – in einer Stadt, die ca. 45 Autominuten von Düsseldorf entfernt ist und in Düsseldorf hat er einst erste Schritte in die Kunst und in das Nachtleben unternommen. Er erinnert sich noch recht gut an Ausstellungen, die er damals in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gesehen hat. In dieser Institution auszustellen, ist schon etwas ganz Besonderes. Denn die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigte eine Überblicksausstellung, die bisher nie zu sehende frühe zeichnerische und andere Arbeiten aus den späten 1980er Jahren einschloß.

Eine Kurzbiografie

Wolfgang Tillmans, wie ja schon erwähnt, wurde am 16. August 1968 in Remscheid geboren. Als Sprachschüler kam er 1983 nach England und lernte die britische Jugendkultur und die Style- und Musikzeitschriften kennen. Von 1987 bis 1990 lebte er dann in Hamburg, wo erste Einzelausstellungen stattfanden. Er lernte hier die lokale Rave-Szene kennen und begann diese "Subkultur" zu dokumentieren - Momentaufnahmen und Porträts junger Leute. Am Bournemouth & Poole College of Art and Design in Südengland studierte er von 1990 bis 1992. Nach seinem Studium zog er nach London und siedelte 1994 für ein Jahr nach New York. Hier lernte er 1995 den aus Deutschland stammenden Maler Jochen Klein kennen - beide zogen aber dann wieder nach London, wo sie zusammenlebten, bis Jochen Klein 1997 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb.

Nach einer Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg von 1998 bis 1999 sowie einem Honorary Fellowship am Arts Institute in Bournemouth (2001) war Wolfgang Tillmans von 2003 bis 2006 Professor für interdisziplinäre Kunst an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main.

Im Jahr 2000 erhielt er den "Turner-Preis" und gewann 2001 einen Wettbewerb der Stadt München zur Gestaltung eines AIDS-Memorials, das auch nach seinen Entwürfen am Sendlinger Tor errichtet wurde. 2009 bekam er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie. Seit 2012 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2013 Mitglied der Royal Academy of Arts, London. Am 30. November 2015 wurde Wolfgang Tillmans mit dem Hasselblad Foundation International Award in Photography ausgezeichnet. 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz und den Goslarer Kaiserring.

Viele Einzelausstellungen

Seit den 2000er Jahren wurden seine Arbeiten in großen Museums-Einzelausstellungen gezeigt. So z.B.: Biennale Venedig (2009), Kunsthalle Zürich und das Moderna Museet in Stockholm (2012), K21 (2013) der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Anlässlich der Verleihung des Hasselblad Awards (2015) wurde eine große Einzelausstellung in Göteborg gezeigt, ebenso (2017) in der Tate Modern London und in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Seit 2018 bespielt Wolfgang Tillmans mit der ifa-Tourneeausstellung „FRAGILE“ zahlreiche Ausstellungshäuser afrikanischer Hauptstädte (Kinshasa, Nairobi, Johannesburg, Addis Ababa und Yaounde).

Wolfgang Tillmans’ Werk befindet sich im Besitz internationaler Museen und privater Sammlungen. In einem Zeit-Interview äußerte er 2000: „Obwohl ich weiß, dass die Kamera lügt, halte ich doch fest an der Idee von einer fotografischen Wahrheit(!)". Als Antwort auf Fragen nach Künstlern, die ihn inspiriert hätten, nannte Wolfgang Tillmans wiederholt den spanischen Maler Francisco de Zurbaran (1598–1664).

Seit 1997 lebt Wolfgang Tillmans mit HIV, machte seine Infektion aber vorerst nicht öffentlich, um „weder Opfer [zu] sein, noch es zu meiner Causa machen“. Für ihn sei der Umgang mit HIV normal und er habe seine „Kunst schützen“ wollen.

Die Bildergalerie:

Wolfgang Tillmans, "Lacanau (Self)“, 1986
Wolfgang Tillmans, "Lacanau (Self)“, 1986Foto-Quelle: © Galerie Buchholz, Köln

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Wolfgang Tillmans, "Lacanau (Self)“, 1986 - © Galerie Buchholz, Berlin, Köln - Ein Selbst­por­trät, das aktu­ell in der Ausstel­lung "ICH“ in der SCHIRN zu sehen war. Ein Foto wie das eines zufäl­li­gen Schnappschus­ses, aufge­nom­men in der titel­ge­ben­den fran­zö­si­schen Gemeinde (Nähe von Bordeaux). Wolfgang Tillmans insze­niert sein Selbst­bild als Detail­auf­nahme: Sand zu seinen Füßen, ein Ausschnitt der schwar­zen Shorts, die gerade so den Herstel­ler preis­ge­ben, ein rosa verwa­sche­nes Stück Stoff deutet das T-Shirt an. Das "Ich" trifft Laca­nau. Das "Ich" in Laca­nau. So gibt es jedenfalls der Titel vor. Es ist die Perspek­tive, die des Foto­gra­fen, durch dessen Augen der Betrach­ter hier blickt, die dem "self“ seine Daseins­be­rech­ti­gung im Titel gibt.

Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex sitzen in den Bäumen", 1992
Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex sitzen in den Bäumen", 1992Foto-Quelle: © 2020 Wolfgang Tillmans

Bildergalerie Bild 2 - Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex sitting in the trees“, 1992 - © 2020 Wolfgang Tillmans - Diese Arbeit gehört zu der Serie "Porträts von Freunden" (28 Motive) und war in der MoMA Installation Floor 2 - 208. The David Geffen Wing - Format: 61 mal 50,8 Zentimeter. Eines von Wolfgang Tillmans bekanntesten Fotos(!) - Laut "The Guardian“ wurde das abgelichtete Paar hier als "naiv, aber wissend“ und als eine Art "Adam und Eva der Ecstasy-Generation“ porträtiert.

Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Schwanzgriff“, 1992
Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Schwanzgriff“, 1992Foto-Quelle: © Auktionshaus PHILLIPS, New York

Bildergalerie Bild 3 - Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Schwanzgriff“, 1992 - Auktionshaus PHILLIPS, New York - Diese Arbeit gehört auch zu der Serie "Porträts von Freunden".

Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Kletterbaum“, 1992
Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Kletterbaum“, 1992Foto-Quelle: © www.stedelijk.nl



Bildergalerie Bild 4 - Wolfgang Tillmans, "Lutz & Alex Kletterbaum“, 1992 - © www.stedelijk.nl - Diese Arbeit gehört ebenfalls zu der Serie "Porträts von Freunden".

Wolfgang Tillmans, "Freischwimmer 54", 2004
Wolfgang Tillmans, "Freischwimmer 54", 2004Foto-Quelle: © Digital Städel

Bildergalerie Bild 5 - Wolfgang Tillmans, "Freischwimmer 54", 2004 Digital Städel - Ein "Foto" mit Farbspuren und abstrakte Strukturen. Ohne Verwendung einer Kamera ist diese Arbeit in der Dunkelkammer entstanden, sie ist das Resultat eines fotochemischen Verfahrens ohne Fotoapparat und Negativ. Rein technisch ist dieses Bild zwar eine Fotografie, tatsächlich stellt es aber nichts Konkretes dar. Das Ergebnis ist eine eigene Form von "nicht-gegenständlicher" Fotografie, mit der Wolfgang Tillmans zu einem neuen Sehen auffordert - Die Fortsetzung der Malerei mit fotografischen Mitteln (!).

Wolfgang Tillmans ,"Paper Drop", 2008 London
Wolfgang Tillmans ,"Paper Drop", 2008 LondonFoto-Quelle: © Galerie Buchholz, Köln

Bildergalerie Bild 6 - Wolfgang Tillmans, "Paper Drop“, Galerie Daniel Buchholz, Köln und 2008 London - Diese "Papiertropfen" kann nur die Kamera sehen: Papier klappt sich manchmal mit einer weichen Kante zusammen und seitlich wirkt der Durchblick wie ein "umgekippter" Riesentropfen. Wenn Wolfgang Tillmans ihn fokussiert, dann verschwimmt der Abglanz des Fotopapiers zum "leuchtend ausgebeulten Farbfeld". Es sind aber auch Wolfgang Tillmans eigene monochrome Abstraktionen, die er dann in "paper drops“ verwandelt.

Wolfgang Tillmans, "Mistral", 2017
Wolfgang Tillmans, "Mistral", 2017Foto-Quelle: © Galerie Buchholz, Köln

Bildergalerie Bild 7 - Wolfgang Tillmans, “Mistral”, 2018 - © Galerie Buchholz, Köln - Die Kölner Galerie Buchholz veranstaltete ein üppiges Wolfgang Tillmann "Fest" vom 2. Februar bis 7. April 2018 in der Neven-DuMont-Straße 17 (www.galeriebuchholz.de + Urheberrecht: Lothar Schnepf, Köln). Dabei wurde optisch sehr markant das Foto "Mistral" präsentiert - ein gewollter Hinweis auch auf eine reichhaltige (flämische) Stillleben-Kultur?

Wolfgang Tillmans, "Faltenwurf“, 2017
Wolfgang Tillmans, "Faltenwurf“, 2017Foto-Quelle: © Galerie Buchholz, Köln

Bildergalerie Bild 8 - Wolfgang Tillmans, “Faltenwurf (stairwell)“, 2017 - © Galerie Buchholz, Köln - Zum Titel - Das Pierer's Universal-Lexikon erklärt: "Faltenwurf", die Kunst der Anordnung und Formgebung des Gewandes, eine der schwierigsten Aufgaben in der Kunst und darum ein vorzügliches Zeugnis für Talent und Geschmack, weil der Künstler dabei von Natur und Wirklichkeit nur wenig unterstützt wird. (In der Malerei hatte man noch auf die richtige Verteilung von Licht und Schatten zu achten). Seine Gewandstudien machte der Maler nach einer lebenden Gestalt oder nach einer hölzernen Figur, dem so genannten Gliedermann, die er mit dem Gewandstück bekleidete und in die beabsichtigte Stellung brachte.

Wolfgang Tillmans, Foto von 2013
Wolfgang Tillmans, Foto von 2013Foto-Quelle: © Wikipedia

Bildergalerie Bild 9 - Farbfoto von 2013: Wolfgang Tillmans - © Wikipedia


Links:



(Wolfgang Tillmanns - Biografie)
https://www.art-in.de/biografie.php?id=574

(Turner Prize)
https://de.wikipedia.org/wiki/Turner_Prize

(Turner-Preis 2020)
https://www.dw.com/de/turner-preis-2.../a-54030984

(Goslarer Kaiserring)
https://de.wikipedia.org/wiki/Goslarer_Kaiserring)

(Hasselblad Foundation Award)
https://de.wikipedia.org/wiki/Hassel...ation_Award


Map-Data:
AIDS-Memorial, Sendlinger-Tor-Platz, 80331 München - seit 2001

Das AIDS-Memorial in München ist eine blaue Säule, die 2001 am Sendlinger Tor errichtet und am 17. Juli 2002 enthüllt wurde. Wolfgang Tillmans ist der Gestalter dieser Säule(!), der mit seinem Entwurf den Wettbewerb der Stadt zur Gestaltung eines Aids-Denkmals gewann.

4 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Hallo Volker,
ich denke, ich müßte die Originale sehen, dann könnte ich die Bilder besser beurteilen. Bei Fotokunst geht bei Reproduktionen - noch dazu im Netz - viel verloren. Ich mag die "Alten" lieber, Stieglitz zur Beispiel, Edward Steichen...Habe mir auch Newtons "Big Nudes" in München in der HyopKunsthalle angesehen. Die sind ja furchterregend, aber beeindruckend!
Dir Alles Gute!
Valentin
wize.life-Nutzer
Originale zu sehen wird aktuell etwas schwer ... liebe Grüße von volker
wize.life-Nutzer
Stimmt wohl, Volker! Bleib gesund, ja?
Valentin
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wize.life-Nutzer
Finde ich sehr interesant,sein Leben und auch sein Werk spricht zu uns mit lauter und deutlicher Sprache.
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