Nach Osten in die Heide, nach Westen ins Moor
Zu Fuß, mit dem Rad, mit der Kutsche. Einzigartige Lüneburger Heide
Zu Fuß, mit dem Rad, mit der Kutsche. Einzigartige Lüneburger HeideFoto-Quelle: Copyright hhh

Der Parkplatz Osterheide erscheint der ideale Ausgangspunkt zu sein, mit der Lüneburger Heide Bekanntschaft zu schließen. Denn von hier, so sagt es ein Feldstein am Weg, geht es in die eine Richtung ins Moor, in der anderen Richtung in die Heide. Konkret und einfach, und beides fußläufig. Andere Hinweise zum Einstieg in dieses Naturschutzgebiet sind schwierig zu verstehen für einen Neuankömmling, der zudem weiß, dass zwei Truppenübungsplätze dazu gehören. Wer will dorthin, wo Granaten knallen, wenn er die Ruhe sucht?
Die Hinweise beschreiben die Lümbörger Heid, so heißt sie auf Platt, als ist eine „große, geografisch überwiegend flachwellige Heide-, Geest- und Waldlandschaft im Nordosten Niedersachsens in den Einzugsbereichen der Städte Hamburg, Bremen und Hannover.“ Die Heidelandschaften seien seit der Jungsteinzeit „durch Überweidung der ehemals weit verbreiteten Wälder auf unfruchtbaren Sandböden im Bereich der Geest entstanden.“ Die Lüneburger Heide besteht allerdings nicht aus einem einzigen, geschlossenen Gebiet, sondern es sind verschiedene Flächen unterschiedlicher Größe über die ganze Region verteilt. Das heißt, man muss sich schon genau ein Ziel heraussuchen, das man erkunden will. Nordheide, Südheide, Dröge Heide und viele mehr stehen zur Auswahl. So einfach, wie die Hinweise tun, ist es nicht.
Wegen ihrer Entstehungsgeschichte hatten wir neben dem Parkplatz, den wir angesteuert haben, Sandflächen erwartet, auf denen Heidschnucken, so heißen die Schafe hier, meist vergebens nach Gräsern suchen. Aber die beiden Touren vom Parkplatz Osterheide, die wir unternahmen, belehrten uns eines Besseren. Diesen Startpunkt findet man an der Schneverdinger Straße kurz vor der Ostseite des gleichnamigen Ortes, auf der Höhe des evangelischen Feriendorfes Pietzmoor.
Die eine Strecke führt ins Naturschutzgebiet Osterheide und überrascht uns mit ausgedehnten Heideflächen, in denen einzelne Baumgruppen aus Birken und Wacholdern die Motive für Fotografien liefern. Sandig sind allenfalls die Wege. Sie sind zahlreich, nicht immer ausreichend beschildert, zu benutzen für Fahrradfahrer und Fußgänger, ein Weg für Kutschfahrten ist davon getrennt. Das Betreten der Heide ist tunlichst zu vermeiden, um den vielen Besuchern, die noch nach uns kommen werden, die größten zusammenhängenden Heideflächen Europas zu erhalten. Dabei sind diese keine Natur-, sondern eine erst durch das Eingreifen des Menschen geschaffene Kulturlandschaft. Über ihr Entstehen streiten sich die Gelehrten, die einen sagen, die Wälder, die hier einst wuchsen, seien dem Holzbedarf der Lüneburger Salzindustrie zum Opfer gefallen, die anderen sagen, es habe ein stetes Wechselspiel von Rodung und landwirtschaftlicher Bewirtschaftung gegeben, bis auf dem erschöpfen Boden nur noch die Sandheiden überleben konnten.
Und auch diese dienten dem Bauern. Mit den sogenannten Plaggenhieben entriss er dem Boden das Heidekraut, um Streu für die Schafe zu haben. Das Plaggen hat das Wort „Plackerei“ hervorgebracht, das ein allgemeines Synonym für körperlich harte Arbeit ist. Die Heidschnucke lieferte Wolle und Fleisch, die Biene Honig und Bienenwachs. Und ewig tobte der Kampf, ob sich die Plackerei lohnte, viele Bauern verkauften ihr Land, der Wald kehrte zurück. Um aktuell ein Zuwachsen der Landschaft zu verhindern, lässt man jetzt im öffentlichen Auftrag die einheimischen Heidschnucken ran. Denn sie verbeißen junge Bäume und pflegen die Heide, in dem sie verhindern, dass sie verholzt. Und sie zerstören die kleinen Spinnweben zwischen den Heidepflanzen und ermöglichen somit den Bienen einen freien Flug.
Auf den Wegen, die wir entlang laufen, herrscht himmlische Ruhe. Schafe sind nur vereinzelt zu sehen. Vielleicht hätten wir uns ja über die Besenheide aus der Pflanzengattung Calluna, der Familie der Heidekrautgewächse (Ericacecae) und der Ordnung der Heidekrautartigen (Ericales) und ihre Untergesellschaften schlau machen sollen, aber Genisto-Callunetum, Calluna vulgaris, Deschampsia flexuosa und den Gemeinen Wacholder voneinander zu unterscheiden, ist doch wohl eher etwas für den Spezialisten. Und die Freude an dem Marsch durch die Natur beeinträchtigt diese gewaltige Wissenslücke nicht.
Wer etwa die Lehmheide sucht, der wandere über den Spitzbubenweg bis zum Nordhang des Wilseder Berges, das kann man auch vom Parkplatz Osterheide aus. Wir laufen nur bis zum Silvestersee, der mit seinem Aquamarin-Blau eine neue Farbe neben dem Rostbraun der Heide und dem Grün der Bäume in die Landschaft bringt. Er ist nach einem britischen Offizier benannt und entstand durch die Verdichtung des Untergrunds, als die schweren Panzer durch das Gebiet walzten. Seine martialische Entstehung ist kaum zu glauben, so malerisch fügt der See sich heute in die Osterheide ein, und er ist, obwohl er sich nur mit Regenwasser speist, bis auf den heutigen Tag nie ausgetrocknet.
Der zweite Ausflug vom Parkplatz Osterheide führt uns auf der anderen Straßenseite ins Pietzmoor. Vom Hotel Schäferhof läuft man einen 5 Kilometer langen Rundweg gegen den Uhrzeigersinn. Die Entstehung des Hochmoores ist einer wasserundurchlässigen Tonschicht im Untergrund zu verdanken. Geht man von einem jährlichen Wachstum der torfbildenden Torfmoose von etwa 1 Millimeter aus, dann beträgt das Alter des Pietzmoores 8000 Jahre. Das Moor hat andere, sanfter Farben als die Heide, als hätte die Natur nur Schleier für seine Pflanzen, das Wollgras, die Glockenheide, das Torfmoos oder den Sonnentau, übrig. Auch Heidschnucken sucht man hier vergebens, Libellen beherrschen die Luft, Frösche und Birkhühner den Boden.
Beide Touren lohnten sich, und das nicht nur, weil jetzt bewiesen ist, dass die Lümbörger Heid, Moor und Heide ist, aber kein Sand.

Die 16-teilige Serie findet Eingang in eine Foto-Text-Ausstellung „Gesichter Deutschlands“ im öffentlichen Raum in Gräfelfing und in einen Katalog mit gleichem Namen. Der Katalog „Gesichter Europas- eine Reiseliebe“ ist mit der ISBN 978-3-942138-67-3 über die Buchhandlungen oder direkt beim GRÄV-Verlag zum Preis von 15 Euro zu beziehen.
Nächste Folge: Buxtehude, Altes Land

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