Der Duft der Lebensbäume
Peter Böttcher
Peter BöttcherFoto-Quelle: pixabay

In meiner geschlossenen Hand ein kleiner Zettel, milchige Buchstaben schweißgetränkt.
Parzelle IV Grabstätte 27/28, in der Nacht flüchtig drauf geschrieben.
Ich öffne die schwere Eisenpforte, das Ziffernblatt meiner Armbanduhr zeigt zwanzig nach fünf.
Mein Blick gerichtet nach Osten. In wenigen Minuten wird sie sich erheben, als glutroter Feuerball.
Leise schließe ich die schwere Eisenpforte, betrete den Park der Toten.

Stille die mich umhüllt, furchtlose Stille. Ich atme, lebe, erlebe den Tagesanbruch im Park der Toten.
Aus den Gipfeln der hohen Kiefern über mir erklingt rhythmisches Klopfen.
Ein Konzertsaal.
Guten Morgen Baumklopfer, zeigt ihr mir den Weg?
Immer wieder verharre ich, überall zwischen den Gräbern gepflanzte Lebensbäume.
Ich mag ihn nicht, den Duft der Lebensbäume, ein Duft, der mich an den mit Menschen überfüllten Stadtbus der Linie 189 erinnert. Verschwitzte Menschen eng nebeneinander, schweigend.
Menschen die sich nichts zu sagen hatten.

Guten Morgen Mama
Guten Morgen Papa
Innerlich zerreißt es mich, ich sage es nicht laut, in mich hinein frage ich, warum war hier Niemand in den letzten Jahren.
Den Strauß Kornblumen Mama, habe ich aus deinem wilden Beet, der Neue hat es so belassen, eigentlich hat er alles so belassen in eurem zu Hause.

Ich hoffe ihr friert nicht, dort unter mir. Du Mama, du hast immer gefroren in allen Jahreszeiten, hast du gefroren.
Mama, ich erinnere mich an die Zeit als ich ganz klein war, viele Jahre vor dem Heimaufenthalt.
In den kalten Wintermonaten, an jedem Morgen das Selbe Ritual, wenn du mit dem Feuerhaken die verbrannte Kohle aus dem Ofen geschabt hast. Jeden Morgen gegen sieben Uhr, hast du das Mansardenzimmer betreten, in dem ich zusammen mit Hans geschlafen habe.
Bleibt noch ein Weilchen liegen, meine Engel, bald ist es mollig warm.
Es dauerte nicht lange bis die Eisblumen am Mansardenfenster, als Wassertropfen zu Boden vielen.

Du Papa, du warst nie da, warst auf deinem Schiff oder mit Freunden unterwegs. Stolz anzuschauen warst du Papa in deiner Ausgehuniform.

Im Heim war alles anders, kein behüteter Engel, Mama.
Viermal musste ich ins Loch, bis zum Hals, habe ich im Eiswasser gestanden, jedes Mal mehr als sieben Stunden.
Beim Ersten Mal hatte ich nach euch gerufen, beim Zweiten Mal habe ich gebetet, danach war nichts mehr, ich habe es schweigend überlebt.

Irgendwann, irgendwann sind sie in mich eingedrungen, immer und immer wieder. Mit elf wurde ich in ein Krankenhaus verbracht. Der Darmriss ist verheilt.

Einen Moment bitte, mein Stoma ist verrutscht, ich bin gleich wieder bei euch.

Ich erinnere mich an die Tage kurz vor deinem Tod, Papa, als ich dich fragte, wo denn meine Tagebuchaufzeichnungen liegen. Du wirst sie finden mein Sohn, hast du gesagt.
Einige Wochen später habe ich sie gefunden in deinem Schreibtisch, sortiert nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren.
Ich weiß, du hast alles gelesen. Ich weiß, du hast verstanden.

Wie schön, dass ihr nicht mehr voreinander weglaufen könnt, hier in dem Park der Toten zwischen den Lebensbäumen.

Ich werde euch wieder besuchen, in diesem, im nächsten oder im übernächsten Jahr.
Die zwei Lebensbäume an eurer Ruhestätte lasse ich entfernen, sie sind nicht gut für euch, nicht gut für mich.

© Peter Böttcher
Foto: pixabay

16 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Der Mensch scheint zu vielem fähig zu sein und manchmal tuen sich Abgründe auf.
Gott sei Dank hat er aber auch die Fähigkeit zu heilen. Ich wünsche Ihnen vie Erfolg.
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wize.life-Nutzer
Deine Geschichte erschüttert mich sehr.
wize.life-Nutzer
Danke, das Du meine Geschichte gelesen hast.
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wize.life-Nutzer
Ganz erschütternd; danke für diesen emotionalen Rückblick auf ein schwieriges Leben.
wize.life-Nutzer
Ich glaube, im Rueckblick angesichts der Toten, werden Schwierigkeiten besser ertragen.
wize.life-Nutzer
Vielen Dank!
wize.life-Nutzer
Du bist sehr begabt zu schreiben.
Es hilft - auch anderen, die Ähnliches erlebt haben - mitzuerleben und zu verarbeiten.
wize.life-Nutzer
Dem kann ich nur zustimmen, liebe Edith.
So ein Beitrag oder Bericht, hat ja auch eine Aussage und regt zum Nachdenken an.
wize.life-Nutzer
Danke für Dein Lob, liebe Edith!
Schreiben ist für mich auch Therapie und das Vergangene zu verarbeiten. Der text ist eine komprimierte Geschichte, aus meinem Roman, der im Spätherbst erscheint.
wize.life-Nutzer
Ich ahnte es,
Ich glaube auch, dass du eine große Begabung für solche kurzen Geschichten hast.
Ich maße mir solche Urteile an, weil ich selber Philologin und Schriftstellerin bin.

Ich habe mir auch allen Schmerz von der Seele geschrieben in zwei Autobiographien.
wize.life-Nutzer
Jetzt freue ich mich sehr, auf diesem Portal eine Philologin und Schriftstellerin kennenlernen zu dürfen.
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wize.life-Nutzer
Ein Beitrag der Gefühle, in der Welt der stillen Parks des Ruhestatten. So offen die Gedanken. Das ist Liebe im Rueckblick. Das ist schoen.
Einfach ein Gespräch, das zu Herzen geht.
wize.life-Nutzer
Herzlichen Dank, Rabeah!
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wize.life-Nutzer
Liebe Rabeah,
Du hast schreckliches durchleben müssen, der Tod Deiner Tochter, tut mir unendlich leid.
Friedhöfe sind ein Ort der Erinnerung, wenn ich dort bin, erzähle ich meinen Eltern und meinem verstorbenem Bruder alles, was mich bewegt, und ich weiß, sie hören zu.
Liebe ist unendlich! Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute.
wize.life-Nutzer
Meinen Beitrag habe ich gelöscht, der letzte Abschnitt war fehl am Platz. Passte nicht zum Thema.
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