Ein Stück des Herzens Italiens
Blick von der Vecchia Fattoria in Orte
Blick von der Vecchia Fattoria in OrteFoto-Quelle: Copyright hhh

Italien ist angesagt in diesen trüben Corona-Tagen, denn in diesem Land Europas sind die Zahlen so verlässlich niedrig, dass man eine Reise dorthin wagen kann, bevorzugt mit dem Flieger, um dazwischenliegende Hotspots elegant zu um- bzw. zu überkurven. Und wer zu dem Sicherheitsgürtel noch Hosenträger hinzufügen will, der meidet die Großstädte und landet – wenn er Glück hat - in einem der zahlreichen Agriturismi.
Wir besuchten den Agriturismo La Vecchia Fattoria in Orte, 60 Kilometer nördlich von Rom, anlässlich eines dort stattfindenden Kongresses und können uns den zahlreichen positiven Bewertungen in den sozialen und kommerziellen Netzwerken bedenkenlos anschließen, auch wir waren „soddisfattissimi“, was sehr zufrieden heißt. Marco, der Eigentümer, hat das Anwesen von seinem Vater geschenkt bekommen. Und er hat das Beste daraus gemacht. Es bietet ein hervorragendes Restaurant, das auf lokale Produkte spezialisiert ist, Fisch bekamen wir keinen vorgesetzt, einen Garten mit Pool und Sonnenterrasse. Tadellose Zimmer, also das, was man erwarten kann. Das Schönste der Vecchia Fattoria ist der Blick, der sich von der breiten Terrasse eröffnet und der je nach Tageszeit unterschiedliche Ziele in den Fokus nimmt. Es ist ein Stück des Herzens Italiens, in einer Ecke Latiums, die sich als Pforte zu Umbrien, den Marken und der Toskana darstellt.
Mal fasziniert im Abendnebel eine Pinien-Baumgruppe, dann taucht plötzlich ein Gehöft auf. Ein Esel macht sich bemerkbar. Ansonsten herrscht Ruhe, und die Sonne zieht unbeirrt ihre Runde über die grünen Hügel Ameliens.
Ausflugsziele gibt es viele. Ein Blick auf die Landkarte zeigt Narni, Terni, Spoleto, Viterbo, die Seen Bolsena, di Vico, di Bracciano. Es ist ein Meer faszinierender Plätze. Aber gerade die Beschränkung und Konzentration auf die Nähe verschafft den intensiveren Zugang. Die Stadt Orte, zum Beispiel, 15 Minuten von der Vecchia Fattoria entfernt. Obwohl die Ansiedlung auf einer Bergkuppe etruskische Wurzeln hat, scheint sie in einen Dornröschenschlaf versunken zu sein. Touristen? Fehlanzeige. Orte Scalo ist nur als Bahnstation interessant. Denn von hier ist man in 40 Minuten in der Stazione Termini in Rom, und in der gleichen Zeit wieder zurück im Vergessen.
Ebenso nah wie Orte ist Amelia entfernt, ein Mitglied von Cittàslow, in der Provinz Terni in Umbrien. Diese Initiative setzt auf „Entschleunigung und Erhöhung der Lebensqualität in Städten durch Umweltpolitik, Infrastrukturpolitik, urbane Qualität, Aufwertung regionaler Erzeugnisse, Gastfreundschaft, Bewusstsein und landschaftliche Qualität.“ Das klingt wie die Zielsetzung aus dem EU-Hilfsprogramm für Italien, das „next generation“ heißt.“
Amelia ist auch ein aus der Zeit gefallener Ort mit frühmittelalterlichen Kathedralen, Santa Firmina, und Kirchen, San Pancrazio, San Francesco und die ländliche Kirche der „Madonna delle 5 Fonti“, die dem Heiligen Franziskus als Zufluchtsort diente. Assisi ist auch nicht weit. Amelia soll schon 1135 v. Chr., gegründet worden sein. Während wir durch die Stadt schlendern, durch das Stadttor und an dem hohen Torre vorbei, staunen wir über die Ankündigung des „Ameria Festival“ Ende Oktober, Ameria ist der alte Name der Stadt, das noch bis zum 7. November einen Reigen aus Tanz, Prosa, Theater bietet. Hätten wir es gewusst, hätten wir heute Abend um 20.30 Uhr im Teatro Sociale Arturo Tallini und seine Gitarre, la Chitarra virtuosa, hören können.
Die Lehre daraus kann nur sein, rechtzeitig in den Ankündigungen der im Umkreis liegenden Gemeinden nach ihrem kulturellen Angebot zu forschen. Natürlich, es gibt viele Städtchen, etwas Mühe muss sein, aber es lohnt.
Dabei wollen wir natürlich nicht die unterschiedlichen Agriturismi aus den Augen verlieren. Und das bringt uns notwendigerweise zur Tenuta Pizzogallo, die Zimmer, Restaurant, Pool und sogar einen eigenen Winzer bietet. Entworfen wurde es von Dario Tomellini, einem römischen Architekten, der jetzt in einer ehemaligen Mühle bei Montefalco wohnt. Im Vergleich zur Vecchia Fattoria ist die Landschaft hier bergiger, viele Hügel bis zum Apennin, den Monti Martani, zeichnen die Landschaft. Es gibt hier in der Gegend eine Reihe von Agriturismi, Poderi, Tenute, aber sie aufzuzählen, ohne sie besucht zu haben, macht wenig Sinn. Die Orientierung fällt ohnehin schwer, denn Städte, Berge, Seen und einfach Landschaften, die nicht sehenswert sind, gibt es hier nicht. Nicht die Gegend zu erkunden ist daher eine größere Herausforderung, als sich der Stille und zwischendurch den servierten Köstlichkeiten hinzugeben.
Es sage also keiner, Ihr hättet aber noch das und das besuchen sollen. Gut, stimmt. Aber wer war schon einmal in Bevagna? Das liegt unweit von Montefalco. Und Montefalco mit seinem alten Marktplatz ist schon einen Besuch wert. Aber Bevagna! Es ist eine ebenfalls uralte Stadt, die wir über den gestauten Fluss Clitunno betreten. Es ist Antike pur, zu Recht Mitglied der Vereinigung „I borghi più belli d’Italia“, die schönsten Orte Italiens. Innerhalb der Stadtmauern besuchen wir die Reste eines römischen Tempels, des Theaters und unter der Piazza F. Silvestri die Thermen mit einem Mosaik, das Tiere des Meeres zeigt.
Der Harmonie dieser romanischen Altstadt kann man sich nicht entziehen, zumal auch zu später Stunde viele Läden noch geöffnet sind. Wer kann, gehe hier unbeeindruckt und ohne plötzliches Hungergefühl an einer Pasticceria oder an den Dolci Delizie im Corso Amendola vorbei! Es ist ruhig in den Straßen, einen knurrenden Magen würde man hören. Wo seid ihr hin, ihr Erbauer dieser schönen Stadt? Was wurde aus Rodolfus und Binellus, den Baumeistern mehrerer Kirchen?
Ja, ich weiß, wir sollten noch weiter nach Perugia, nach Spello, nach Assisi. Ist ja alles in der Nähe und von imponierender Schönheit und kulturhistorischer Bedeutung. Ja, und Vitellius ist zu erwähnen, der in Bevagna im Vierkaiserjahr 69 den Vormarsch der Truppen Vespasians erwartete, ihn allerdings nicht stoppen konnte. Vielleicht auch der erste Bischof und heutige Stadtpatron, der Heilige Vinzenz von Bevagna, der hierher kam, als die Via Flaminia noch durch den Ort führte.
Geschichte beginnt aber hier nicht im Mittelalter, wie man vielleicht meinen sollte. Ein Besuch am Grab von Aldo Moros auf dem Dorffriedhof von Torrita Tiberina, eine halbe Stunde von Orte entfernt, führt direkt in die dunkle jüngste Vergangenheit und vor Augen, wie seine Witwe, die Religionslehrerin Eleonora Moro, danach auch alle in ihr Gebet einschloss, „die aus Eifersucht, Feigheit, Angst oder Dummheit das Todesurteil über einen Unschuldigen befohlen hatten.“ Das war 1978, an dem Tag seiner Entführung sollte im Parlament die erste von den Kommunisten gestützte Regierung der „Nationalen Einheit“ vereidigt werden - ein Erfolg Moros. Und bis heute ist man sich nicht einig, wer die Schuldigen an seinem Tod sind.
Natürlich kann man nicht überall sein in diesem reichen Land, nicht jeden kennen oder seine Geschichte erforschen. Wichtiger ist, man sucht und findet seine eigene Ruhe, vielleicht sogar sich selbst und weiß, warum man gekommen ist, auch wenn es nicht zum Bleiben ist. Und dass die Reise auch eine Flucht vor einem Virus namens Covid 19 war, ist längst vergessen, die Beachtung der erforderlichen Regeln bereits selbstverständlich. Im Herzen ist alles gut.

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