Kunst verstehen: Kassel & sein „Vertikaler Erdkilometer“ !
Walter De Maria, Das Messing-Stabs-Ende des "Vertikalen Erdkilometer" in Kas ...
Walter De Maria, Das Messing-Stabs-Ende des "Vertikalen Erdkilometer" in Kassel, 1977Foto-Quelle: © Wikipedia

Es ist Herbst! Und dazu fällt mir spontan "Mein geliebter Kunstherbst“ ein. Es lässt mich sofort an Kunst“Events“ denken wie Kunstmessen, -auktionen, -präsentationen und -ausstellungen, die aber meistens in diesem Jahr ausfallen müssen. Eigentlich habe ich mich auf solche Veranstaltungen riesig gefreut - aber durch die plötzliche überraschende Corona-Epidemie findet vieles einfach nicht mehr statt oder ist auf das folgende Jahr (mit viel Hoffnung) verschoben. Die Biennalen von Venedig, die Documentas, die Art Basel oder die Art Cologne erwecken nun in mir alte Themenkreise, die ich in heutiger Zeit ja gut besprechen kann.

Ein sehr spektakuläres und interessantes Kunst-Thema und -Objekt ist da zum Beispiel: „Der vertikale Erdkilometer“. Dieser wurde von US-Minimal-, Konzeptual- und Land Art Künstler Walter De Maria zur Documenta 6 (1977) in Kassel auf dem Friedrichsplatz (mit dem Museum Fridericianum) erstellt und von der US-amerikanischen Dia Art Foundation finanziert.

Auf Vorschlag seines Galeristen Heiner Friedrich sollte ursprünglich Walter De Maria einen "Vertikalen Erdkilometer" im Rahmen des Kunstprogramms zu den Olympischen Spielen 1972 in München verwirklichen, was von der Münchner Stadtverwaltung jedoch rigeros abgelehnt wurde. "Das Kunstwerk" sollte jetzt in Kassel daran erinnern, dass das, damals 1779 eröffnete Museum Fridericianum, bis heute die historischen Instrumente des Landgrafen zur Vermessung des Himmels und der Erde beherbergt und soll zugleich dazu einladen "über den Ort des Menschen in der Welt" nachzudenken.

Trotz allem gab es eine große Aufregung, damals im Jahre 1977, als ein Bohrturm von „texanischen Ölfeldern“ am Museum Fridericianum in Kassel aufgestellt wurde und der sich bis zur Eröffnung der Documenta 6 einen Kilometer tief ins "hessische Fundament" fraß.

Dieses "Kunstwerk" war eines der umstrittensten der Documenta 6 und es gab regional wie auch überregional Proteste. Zur damaligen Zeit war es noch nicht üblich und akzeptiert, dass ein Künstler seine Kunstwerke einfach in die "Landschaft" stellte. Hier in Kassel wurde fälschlicherweise von vielen der Bevölkerung "der Bohrprozess ansich" als das "Kunstwerk" angesehen und nicht dessen "End-Ergebnis" - Aber die Spuren dieses "Globus-Anstiches" waren optisch schon bald beseitigt.

Die Documenta 6

Diese fand vom 24. Juni bis 2. Oktober 1977 in Kassel statt und war die bis dahin größte je veranstaltete Kunstausstellung in Deutschland. Ihr künstlerischer Leiter war Manfred Schneckenburger und für die Sektion Zeichnung war Wieland Schmied verantwortlich. An der Documenta 6 nahmen insgesamt 655 Künstler mit 2.700 Werken teil - 343.410 Besucher sahen sie sich an (Informationen aus Wikipedia).

"Kunst in der Medienwelt – Medien in der Kunst“ lautete das Motto. Das "Medienkonzept“ entfaltete sich in Themenkomplexen wie Fotografie, Handzeichnungen, Utopisches Design und anderen Teilausstellungen. Neben dem Schwerpunkt „Malerei als Thema der Malerei“ wurde das neue Medium "Video" ausführlich berücksichtigt. Die dreidimensionale Kunst erzielte im Spannungsfeld zwischen Stadt und Naturlandschaft neue Wirkungsmöglichkeiten - in der "Karlsaue" wurden die Prinzipien der "horizontalen Plastik“ demonstriert.

Nun zum "Vertikalen Erdkilometer"

Zwischen Fridericianum und Landgrafendenkmal von Landgraf Friedrich II. ließ der Land Art Künstler Walter De Maria sein "Kunstwerk" entstehen. Es ist eine ein Kilometer tiefe Bohrung, welche mit verschraubten 1 Meter langen Messingstäben von 5 cm Durchmesser ausgefüllt wurde. Der heute sichtbare Teil ist eine Messingscheibe (die runde Stirnseite des Stabes), die glatt mit dem "Erd"Boden abschließt und eine quadratische Sandsteinplatte umfasst. Die US-amerikanische Dia Art Foundation finanzierte (ca. 750.000 DM) dieses Objekt. Walter De Marias vielfältige ästhetische, ökologische, historische und kosmische Aspekte machen den "Vertikalen Erdkilometer" zu einem der bedeutendsten Kunstwerke des späten 20. Jahrhunderts.

Das "Kunstwerk" ist ja eigentlich der optischen Wahrnehmung entzogen. Dazu der Künstler "In der radikalen Unanschaulichkeit soll der verborgene Stab Anlass bieten, über die Erde und ihren Ort im Universum nachzudenken. Zugleich kann er als symbolischer Akt der Rückgabe des hochwertigen Metalls an die ausgebeutete Erde gedeutet werden."

Zum Künstler

Walter (Joseph) De Maria wurde am 1. Oktober 1935 in Albany in Kalifornien geboren. Er studierte von 1953 bis 1959 Geschichte und Kunst an der "University of California“ in Berkeley. Anfang der sechziger Jahre waren seine Skulpturen durch den "Dadaismus" beeinflusst. Neben seiner Bildhauer-Arbeit trat er in Happenings auf, er komponierte zwei Musicals und produzierte zwei Filme. Für kurze Zeit war er sogar Schlagzeuger der Gruppe "Velvet Underground“.

Später mied er das Rampenlicht und wandte sich immer mehr der dreidimensionalen Bildenden Kunst zu - er setzte mit mehreren Werken "Highlights" in der Kunstgeschichte. Aus sehr klaren Ideen und Konzepten entwickelte er seine Werke. Seit 1960 lebte dann Walter De Maria in New York, sehr zurückgezogen, gab selten Interviews uns ließ sich kaum fotografieren. Er entwickelte dann verschiedene Projekte für Erdarbeiten.

Jetzt zu einer Werk-Auswahl: Schon im Jahre 1968 entstand "Der Münchner Erdraum" - die Installation bestand aus 50 Kubikmetern sauber geharktem und geglättetem Torfmull. (Während der "New York Earth Room (nach 1968)" seit mehr als 50 Jahren in SoHo in Manhattan zu besichtigen ist). Gegen Ende der sechziger Jahre schuf Walter De Maria seine ersten minimalistischen Skulpturen, in denen einfache Formen variierten. Die Serie „5 through 9“ (von 1973 bis 1974) besteht aus einem Fünfeck, und vier weiteren Formen, die jeweils eine Kante mehr haben, so dass die letzte Form ein Neuneck ist. Der Durchmesser der einzelnen Formen variiert dabei allerdings nicht. Inzwischen wurde nun Walter De Maria Land Art Künstler. Seine erste große Arbeit bestand aus zwei eine Meile langen parallelen Linien, die er 1968 in der Mojave-Wüste in Kalifornien zog. Das "Lightning Field" (1974–1977) - nördlich von New Mexico - wurden auf einer Fläche von über einem Quadratkilometer 400 angespitzte Stahlstangen aufgestellt, die an einem Gewittertag zu einer kosmischen Umspannstation werden. Übrigens: Walter De Maria nahm an der Documenta 4 (1968), 5 (1972) und 6 (1977) in Kassel teil. Für letztere versenkte er einen 1 Kilometer langen massiven Messingstab senkrecht in die Erde. Und im Jahre 1979 entstand in New York die Installation "The Broken Kilometer".

Ende der 1970er Jahre kaufte Walter De Maria in New York ein ehemaliges Umspannwerk der Con Edison in der East 6th Street 42 zusammen mit einem leeren Nachbargrundstück und verwandelte es 1980 in ein Wohn-, Ausstellung- und Atelierhaus.

In Stuttgart entstand dann eine "5 Kontinente Skulptur" (in einem 75 cm hohen verglasten Stahlrahmen lagerten 325 Tonnen Marmor- und Quarzbruch aus Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika). Von 1999 bis 2000 zeigte dann das Kunsthaus Zürich die Installation "The 2000 Sculpture" (genau 2000 Gipsteile sollten das Jahr 2000 symbolisierten).

Auszeichnung

Im Jahre 2001 wurde Walter De Maria ausgezeichnet mit dem Roswitha Haftmann-Preis. Und ein Jahr später (2002) erfolgte die Installation "Large Red Sphere" im Münchener Türkentor (in nächster Nähe zur Pinakothek der Moderne in München).

Eigentlich lebte und arbeitete Walter De Maria bis zu seinem Tode in New York und war einer der bedeutendsten Vertreter der Konzept–, Minimal– und Land Art. Seine Werke waren karg, präzise und klar! Im Alter von 77 Jahren starb er am 25. Juli 2013, aber in Los Angeles. Nach seinem Tode wurde sein New Yorker Anwesen 2014 an den Milliardär und Kunstsammler Peter Brant für 27 Millionen Dollar verkauft.

Das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main erhielt mit dem Ankauf von 87 Werken (ehemals Sammlung Ströher) die weltweit größte Werkgruppe von Skulpturen De Marias - weitere Werke wurden später noch erworben.

Die Bildergalerie:

Walter De Maria, Das Messing-Stabs-Ende des "Vertikalen Erdkilometer" in Kas ...
Walter De Maria, Das Messing-Stabs-Ende des "Vertikalen Erdkilometer" in Kassel, 1977Foto-Quelle: © Wikipedia

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Heute erinnert (seit 1977) nur noch ein fünf Zentimeter breiter "goldener Knopf" daran, dass unter ihm einsam Walter de Marias „Vertikaler Erdkilometer“ steckt, eine Tausendmeter-Sonde aus massiven Messingstäben, ineinander gesteckt bis zum Ende aller Erdentage.

Kassel, Bohrturm auf Friederichsplatz, 1977
Kassel, Bohrturm auf Friederichsplatz, 1977Foto-Quelle: © Baron/HNA-Archiv

Bildergalerie Bild 2 - Im Jahre 1977: S/W-Foto: Die Bohrung und Turm auf dem Friedrichsplatz in Kassel für das Walter De Maria Objekt „Der vertikale Erdkilometer“ für die Documenta 6.

Kassel, Bereitliegende Messing-Stab-Teileinheiten, 1977
Kassel, Bereitliegende Messing-Stab-Teileinheiten, 1977Foto-Quelle: © Dirk Schwarze

Bildergalerie Bild 3 - Bereitliegende, verschraubbare 1 Meter lange Messingstäbe von 5 Zentimeter Durchmesser.

Satire-Postkarte Friedrichsplatz Kassel, 1977
Satire-Postkarte Friedrichsplatz Kassel, 1977Foto-Quelle: © William Engelen

Bildergalerie Bild 4 - Satire-Postkarte von 1977 (Kassel, Friedrichsplatz).

Walter De Maria, Erd Raum in der Galerie Heiner Friedrich München, 1968
Walter De Maria, Erd Raum in der Galerie Heiner Friedrich München, 1968Foto-Quelle: © ZADIK



Bildergalerie Bild 5 -
 Im Jahre 1968 präsentierte Walter De Maria einem erstaunten Publikum in den Münchner Galerieräumen von Heiner Friedrich und Franz Dahlem in der Maximilianstraße 15, den "Earth Room (Der Münchner Erdraum)"dann auch in einer neu gegründeten Filiale in Köln, einem erstaunten Publikum einen "Earth Room (Der Münchner Erdraum)". Er war angefüllt mit 50 Kubikmeter sauber geharktem und geglättetem Torfmull. Der "New York Earth Room (nach München und Köln)" ist seit mehr als 50 Jahren in SoHo in Manhattan noch immer zu besichtigen.

Walter De Maria, 5 Kontinente Skulptur, 1985
Walter De Maria, 5 Kontinente Skulptur, 1985Foto-Quelle: © Staatsgalerie Stuttgart

Bildergalerie Bild 6 - Walter De Marias monumentale "5 Kontinente Skulptur“ ließ der "strenge Architekt" kühler, kopfheller Empfindungsräume, 325 Tonnen Marmor- und Quarzbruch aus Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika ins Museum schaffen, wo das Steinmeer 75 Zentimeter hoch in verglasten Stahlrahmen lagerte (1985 in der Staatsgalerie Stuttgart). Walter De Marias Arbeiten haben ihren Zug zum Erhabenen nie leugnen können und auch nicht wollen.

Walter De Maria, Innenansicht des Türkenhof in München, 2002
Walter De Maria, Innenansicht des Türkenhof in München, 2002Foto-Quelle: © Wikipedia

Bildergalerie Bild 7 - Die Innenansicht des Türkentor in München - Es ist ein denkmalgeschütztes Gebäude im Kunstareal München und der einzig verbleibende Gebäuderest der 1826 errichteten Türkenkaserne, der Kaserne des Königlich Bayerischen Infanterie-Leibregiments. Die Bezeichnung Türkenkaserne leitet sich von der Türkenstraße ab. (Dieser Name wiederum geht zurück auf den Türkengraben entlang der Kurfürstenstraße, welcher angeblich von türkischen Kriegsgefangenen aus der Zeit der Türkenkriege im frühen 18. Jahrhundert ausgehoben wurde. Der Graben sollte zu einer Wasserstraße werden, die als Teil des Nordmünchner Kanalsystems die Kurfürstliche Münchner Residenz mit Schloss Schleißheim verbinden sollte).

Zwischen den Jahren 2008 und 2010 wurde das Türkentor renoviert, wofür die Stiftung Pinakothek der Moderne 780.000 Euro zur Verfügung stellte. Das im Oktober 2010 wiedereröffnete Türkentor beherbergt seitdem die von der Stiftung Brandhorst erworbene Skulptur "Large Red Sphere" des amerikanischen Künstlers Walter De Maria.

Dazu dieser Wikipedia-Text: "Sein Werk folgt dem Konzept Walter De Marias "One Room – One Work". Als Raum diente der kubische Bau des Türkentors. In der Mitte des Raums errichtete er ein dreistufiges rundes Podest aus dunkelgrauem Stein. Darauf ruht die rote Granitkugel, die einen Durchmesser von 2,60 Metern und ein Gewicht von 25 Tonnen hat. Zu den Ecken des Gebäudes hin stehen vier verwitterte Steinsäulen um das Podest herum. Sie tragen eine Konstruktion aus alten Holzbalken, die ursprünglich die Zwischendecke des Türkentors bildeten. Die Form der Kugel und des Podests steht in Kontrast zu der kubischen Raumstruktur. Die glatt polierte Oberfläche der Kugel reflektiert den Raum und die Fenster, so dass die Wirkung des Kunstwerks auch von dem Standpunkt des Betrachters abhängt."

Walter De Maria im Jahre 1968
Walter De Maria im Jahre 1968Foto-Quelle: © Wikipedia

Bildergalerie Bild 8 - S/W Foto: Walter De Maria im Jahre 1968 - Eine der ersten großen Arbeiten bestehend aus "zwei eine Meile langen parallelen Linien" die er in der Mojave-Wüste in Kalifornien zog.


Links:

(Walter De Maria - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_De_Maria

(Konzeptkunst)
https://de.wikipedia.org/wiki/Konzeptkunst

(Land Art)
https://de.wikipedia.org/wiki/Land_Art

(Documenta)
https://de.wikipedia.org/wiki/Documenta

(Vertikaler Erdkilometer)
https://www.kassel.de/buerger/kunst_...lometer.php


Map-Data:
Walter De Maria "Large Red Sphere"- Türkentor München, Türkenstraße 17, 80333 München
(Mehr Infos siehe unter Bildergalerie Bild 7)

1 Kommentar

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wize.life-Nutzer
Ich hab noch ne alte Blechdose im Keller. Ist dat jetzt auch Kunst?
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