Vergißmeinnicht
VergißmeinnichtFoto-Quelle: selbst aufgenommen
Volkstrauertag

Die Spende


Es ist ein schöner Sonntag im Mai 2016. Die Großeltern Kämpfer haben lieben Besuch. Tochter Angelika und der 12 jährige David sind gekommen und bleiben auch noch zum Abendessen. Helga und Angelika bereiten in der Küche Salate und leckere Schnittchen vor. David ergreift die Gelegenheit und stellt seinem Opa Wilfried eine Frage, die ihn schon länger beschäftigt: „Opa was genau versteht man unter SPENDEN?“ „Mm lass uns mal überlegen. Eine Spende ist eine Gabe, also ein Geschenk mit dem man jemandem helfen will ohne eine Gegenleistung zu erwarten Warum fragst du?“ „Du weißt doch, das in der Turnhalle Flüchtlinge wohnen. Unsere Lehrerin Frau Drexhage hat uns gebeten Geld zu spenden für die armen Kinder dort. Morgen will sie ein Körbchen aufstellen. Wie viel soll ich in den Korb legen? Ich bekomme jeden Samstag 10 Euro Taschengeld. Ist es wohl genug wenn ich 5 Euro spende?“ Bevor David weiter sprechen kann zieht Wilfried seine Geldbörse aus der Tasche. Er legt 5 Euro auf den Tisch und sagt lächelnd: „ich verdoppele, das hast du dir doch so vorgestellt.“ „Danke Opa, ja ich wollte Mama nicht fragen. David steckte den Schein in die Hosentasche.
„Frau Drexhage hat uns eine Hausarbeit aufgegeben. Wir sollen einen Aufsatz über SPENDEN schreiben. Kannst du mir helfen, du hast immer so gute Ideen.“ Über Wilfrieds Gesicht huscht ein Grinsen, dann sagt er: „Geh mal in die Küche zu Oma und sag ihr – Opa möchte heute gerne einen Wurstsalat essen.“ Als David zurück kommt fährt er fort: „So jetzt müssen wir noch ca. eine halbe Stunde warten und während der Zeit erzähle ich dir was ich erlebt habe, als ich vor vielen Jahren einmal Spenden sammeln musste.“ „Oh ja Opa, wann war das? fragt David. „Lass mich mal rechnen“ überlegt Wilfried laut. „Ich war 20 Jahre und damals in Augustdorf bei der Bundeswehr, also 1960. Es gab noch oder wieder mal die Wehrpflicht. Fast jeder junge Mann musste während der Zeit 18 Monate Soldat werden.

In jedem Jahr wurde im Oktober vom Volksbund für die Kriegsgräberfürsorge gesammelt. Meinem Freund Horst und mir wurde ein bestimmter Ortsteil zugewiesen. Alle Soldaten trugen eine tadellose Ausgehuniform und waren belehrt worden vor den Haustüren stehen zu bleiben und freundlich um eine Gabe zu bitten und sich dann zu bedanken, egal wie groß oder klein der gespendete Betrag war. Die Summe wurde in eine Liste eingetragen und der Spender oder die Spenderin bestätigte diese mit einer Unterschrift. Wir wollten die Schreibstube gerade verlassen, da fragte unser Führungsoffizier: „Ihr Zwei sammelt doch in der Brockmeier Siedlung?“ Ich schaute auf unsere Liste und sagte: „Jawoll Herr Leutnant.“ Die Antwort war merkwürdig: „Lasst euch Zeit – und immer schön freundlich bleiben.“

Um 15 Uhr am Nachmittag hatten wir an vielen Haustüren geklingelt und unseren eingelernten Spruch aufgesagt. Drei Mal wurde uns die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber viele zückten ihr Portemonnaie, schauten was der Nachbar gespendet hatte und gaben dann genau so viel.
Der zweite Weltkrieg war noch nicht vergessen und die Menschen dachten an die jungen Männer die im fremden Land begraben wurden. Horst sagte: „Jetzt nur noch der Brockmeier Hof, dann sind wir fertig.“

Das alte Bauernhaus sah verlassen und ungepflegt aus. Als wir uns der Deelentür näherten sauste aus der Hundehütte eine bellende Bestie. Zum Glück war der Mischling angekettet. Er fletschte die Zähne und bellte so laut das jeder in der Nähe es hören musste. „Ruhig Harras“, eine sehr kleine alte Frau, bekleidet mit einer blau-geblümten Kittelschürze öffnete die Tür. Ihre weißen Haare waren straff zurückgekämmt und im Nacken zu einem Knoten festgesteckt. Der Hund gehorchte sofort. Als die Bäuerin uns sah lächelte sie uns freundlich an: „Oh, die Kriegsgräber-Sammlung, auf sie habe ich schon gewartet. Es stand in der Zeitung, dass sie in dieser Woche wieder kommen.“ Sie zeigte auf eine alte Holzbank, die an der Hauswand stand: „Setzt euch doch ich hole etwas zum trinken, ihr habt doch sicher Durst.“ Wir schauten uns an, - warum nicht dies war ja das letzte Haus. Harras beachtete uns nicht mehr, seine Pflicht hatte er erfüllt. Unsere Gastgeberin trug einen Korb, als sie zurück kam. Sie stellte eine Flasche Apfelmost auf den langen Tisch. Drei Gläser und zu unserem großen Erstaunen, einen frisch gebackenen Apfelkuchen holte sie auch noch aus dem Korb. Es war, als habe sie nur auf uns gewartet. Wir ließen uns nicht lange bitten und langten eifrig zu. Die Oma schaute zufrieden, als wir ihren Kuchen lobten. Wir wollten uns schon verabschieden, da zauberte sie ein altes Fotoalbum aus dem Korb. Es lag unter einem rot-karierten Geschirrhandtuch. „ Bitte bleibt noch, ich habe euch noch gar nichts von meinem Rudi erzählt.“ Aus ihrer Kitteltasche kramte sie ein Fünf DM-Mark Stück und legte es auf den Tisch.
Die letzten zwei Foto`s waren schon sehr zerknittert. Man sah es ihnen an, wie oft sie in die Hände genommen wurden. „Dieser Friedhof ist in Lettland“ sagte sie. Ein steinernes Denkmal - Deutscher Soldatenfriedhof VALKA: auf dem zweiten Bild ein Grab mit einem einfachen Holzkreuz.
RUDOLF BROCKMEIER 1923 – 1942. Vorsichtig fragte Horst: “Waren sie dort Frau Brockmeier?“ „Nein, mein Mann hat den Rudi allein besucht. Ich konnte nicht mit, weil ich damals krank wurde. Eine lange Pause trat ein.
„Aber ihr fahrt doch dieses Jahr wieder hin. Legt bitte einen Kranz auf sein Grab und putzt das Holzkreuz mit einem feuchten Lappen ab.“ Wir schauten uns an und merkten jetzt erst, dass sie doch nicht so klar im Kopf war, wie es erst den Anschein hatte. Für ihre Gabe erwartete sie eine reale Gegenleistung. Horst schüttelte den Kopf als ich ansetzte ihr die Regeln unserer Sammlung zu erklären. Einfühlsam fragte er: „War Rudi ihr einziges Kind, Frau Brockmeier?“ „Wir haben noch drei Töchter. Er war unser einziger Sohn und sollte den Hof erben. Nun ist alles Land verkauft. Die Schwiegersöhne sind keine Landwirte. Der Grund auf dem die Siedlung steht, gehörte früher zum Hof. Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben.
Beide brachten wir es nicht über`s Herz sie alleine zu lassen. Also schauten wir uns die wenigen Kinderbilder ihres Sohnes an und ließen uns alles ganz genau erklären. Rudi mit Schultüte, im Konfirmandenanzug, auf einem alten Trecker und zuletzt Rudi in Uniform. „Er hatte Urlaub und weil Muttertag war schenkte er mir einen Strauß selbst gepflückte Vergissmeinnicht aus unserem Garten.“ Die Oma war nahe an meine Seite gerückt. Verstohlen, ich sollte es wohl nicht merken, streichelte sie meinen Arm. „Mein Rudi hatte auch gerade schwarze Augenbrauen und so lange Wimpern genau wie du“, flüsterte sie mir zu. Eine Träne rollte über ihre runzeligen Wangen.

Plötzlich, ohne Vorwarnung sang sie laut und zornig mit einer Stimme, die ich nie in diesem kleinen Körper vermutet hätte: „Sag mir wo die Soldaten sind, wo sind sie geblieben? Über ihre Gräber weht der Wind, was ist gescheh`n? und dann ganz leise mit bebender Stimme: „wann wird man je versteh`n?“

Ein Auto fuhr auf den Hof und holte uns in die Gegenwart zurück. Ich schaute auf meine Armbanduhr. Es war 17.30 Uhr. Unser Leutnant wusste am Morgen schon Bescheid als er sagte: „Lasst euch Zeit“. Eine Dame stieg aus dem roten VW Käfer. Sie erfasste mit einem Blick die Lage und begrüßte uns freundlich. „Oh haben sie meiner Mutter Gesellschaft geleistet, wie nett. Ich wurde unterwegs aufgehalten und konnte nicht eher kommen.“ Beim baldigen Abschied gab sie mir heimlich einen Hundert Mark Schein und sagte leise: „Für ihre Sammlung.“
Schweigend fuhren Horst und ich zurück in die Kaserne. Lange, sehr lange dachten wir über diesen Nachmittag nach.

Wilfried räusperte sich und sagte: „So David, jetzt weißt du wann ich ein Pazifist wurde.“ „Opa als ich im Kindergarten war hast du mir schon erklärt, was du von Kriegen hältst. Ich habe es nicht vergessen. Die Flüchtlinge in unserer Turnhalle sind vor einem Krieg bis zu uns geflohen. Warum Opa, warum gibt es überall Kriege, wo doch jeder weiß wie viel Unglück ein Krieg den Menschen bringt?“

Die Zimmertür öffnete sich, Helga und Angelika kamen mit dem Abendbrot herein. Helga hatte die letzten Worte gehört und sagte: „ Ich weiß was du ihm erzählt hast. Dazu kann ich auch noch etwas beitragen, David. Vor 14 Jahren fuhren wir mit unserem Wohnmobil durch Lettland. Opa steuerte kurz vor der estnischen Grenze auf einen Parkplatz. Direkt daneben war der Soldatenfriedhof Valka. Es gab keine Holzkreuze mehr aber ein großes Steinkreuz und viele Steinplatten auf denen die Namen der gefallenen Soldaten eingemeißelt waren. Auch Rudolf Brockmeier konnten wir noch lesen. Wir legten einen Vergißmeinnicht Strauß dort ab.

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