Etwas Weihnachtliches von mir bei Antoni Tapies gefunden
Etwas Weihnachtliches von mir bei Antoni Tapies gefundenFoto-Quelle: © Kunsthaus Lorenz Pistor (Kunst & Curiosa)
Kunst verstehen: Der Rubens-Preisträger Antonio Tapies …

Auf meiner Suche nach einem „passenden“ Künstlerbeitrag für den Monat Dezember 2020, stieß ich auf den katalanischen (spanischen) Künstler Antonio Tapies: Maler, Grafiker und Bildhauer. Er hätte am 13. Dezember Geburtstag und würde 97 Jahre alt. Und das(!) ist gerade zur Advents- und Weihnachtszeit ein sehr "missliches“ Datum - denn der Tag "13ter“ hat sehr viel Aberglauben in seinem Gepäck. (Es sitzt so ein mulmiges Gefühl in unserem Nacken, denn in unserer Kultur hat die Ziffer 13 nun einmal keinen guten Ruf, ähnlich der schwarzen Katze usw. - aber diesmal ist es kein Freitag).

Um den Maler Antonio Tapies genauer zu verstehen, ist es wichtig: wer er eigentlich ist! Sein Ausgangspunkt war die primitive Kunst, wie sie in prähistorischen Höhlenmalereien (z.B.: in der Altamira-Höhle in Nordspanien) anzutreffen ist .

Dem britischen Sender BBC erklärte Antonio Tapies, dass seine Werke sowohl das Negative als auch das Positive der heutigen Gesellschaft widerspiegeln. Übrigens war er Katalane und man sagt ihnen nach leidenschaftlich und geschäftstüchtig zu sein. In vielen seiner Arbeiten ist das „Katalanische“ mit voller Absicht zur Geltung gebracht. Zum Beispiel spielen die vier roten Balken in seinen Arbeiten auf die "Entstehungslegende" der katalanischen Fahne an. Der "Katalanismus“ ist oft irgendwie symbolisch enthalten, denn bei Antonio Tapies kommt alles von innen heraus, auch die religiösen und mystischen Motive. (Er behauptete aber „nicht religiös, eher Agnostiker und ein Zweifler zu sein“). Und so begann er, andere Kulturen und ihre Religionen zu studieren, vor allem die des Fernen Ostens (Buddhismus), denn aus ästhetischer Sicht korrespondierten sowohl die Philosophien Chinas als auch Japans gut mit seiner Kunst.


Biografisches

Antonio Tapies i Puig war sein vollständiger Name, er war ein bekannter katalanischer Maler, Bildhauer und Kunsttheoretiker. Er wurde am 13. Dezember 1923 in Barcelona als Sohn eines Rechtsanwalts und der Tochter eines Buchhändlers geboren. Eigentlich wollte er Rechtsanwalt werden, aber ein Unfall, der ihm als 17jähriger widerfuhr, änderte sein Leben und brachte ihn zum Malen und Zeichnen! Als Künstler war er zeitlebens Autodidakt. Inspiriert von Joan Miro, Paul Klee und Max Ernst widmete sich Antonio Tapies erst dem Surrealismus, bevor er sich durch einen Kontakt mit Dubuffets Art Brut dem Informel zuwendete. Er studierte in Magazinen wie dem "D'aci i d’alla" die Werke von den großen zeitgenössischen Meistern der Moderne.

Im Jahre 1950 ermöglichte ihm ein Stipendium einen Studienaufenthalt in Paris, den er zu einer regen und intensiven Beschäftigung mit der französischen Kunstszene nutzte. Im selben Jahr führte er in seiner Heimatstadt Barcelona seine erste Einzelausstellung durch.

Nun löste er sich immer mehr von der "einfachen“ Malerei und arbeitete mit "festen" Materialien, fügte seinen Kunstwerken Sand, Zement und Marmorstaub bei. Auch inhaltlich gewann der Künstler immer neue Einsichten, interessierte sich für Religion und Philosophie und bereicherte seine Arbeiten mit ein- und mehrdeutigen Symbolen.

Kunst ist politisch!

Antonio Tapies war der Meinung, dass die Kunst politische und gesellschaftliche Verantwortung einfach tragen muss! Diesen Grundsatz nahm er so ernst, dass er als Mitbegründer der Künstlergruppe "Dau al Set (Würfel mit sieben Augen)“ in der Franco-Diktatur zeitweise inhaftiert wurde. Also: der spanische Bürgerkrieg hatte entscheidenden Einfluss auf seine Kunst! Dabei stützte er sich auf konkrete Ereignisse - zum Beispiel die vom Krieg zerstörten Mauern. In den späteren 50er Jahren entwickelte er seine Malerei, die den heutigen „Graffitis“ stark ähneln.

Antonio Tapies liebte Oberflächen, die an Wandflächen erinnerten und ihn faszinierten. Diese „Mauern“ setzte er gerne in Bezug zur Bedeutung seines Namens Tapies (tapia, deutsch „Wand“). An diesen Strukturen brachte er gerne Beschriftungen an, die er häufig als Graffiti in die Farbe einritzte (graffiare, deutsch "kratzen"). Seine Schriftzüge erinnern an die orientalische Kalligrafie, dessen Einfluss in seinem Werk deutlich zu erkennen sind.

Zum Teil (auch persönlich) kannte Antonio Tapies: Pablo Picasso, Joan Miro, Paul Klee, Max Ernst, Kurt Schwitters, Wassily Kandinsky, Jackson Pollock, Jean Dubuffet … und er sammelte sie auch (Beispiele dafür in der Fundacio Antoni Tapies in Barcelona). Aber speziell Dalis Malerei und seine „Person“ gefielen ihm überhaupt nicht. Als Maler hätte er die akademischen Systeme ausgebeutet, die figurative Malerei oder den akademischen Realismus - und außerdem hätte er viele katholische Symbole benutzt, so gehört er eben nicht in Tapies Kunstwelt.

Für seine Kunst erhielt Antonio Tapies Preise und Auszeichnungen aller Art (z.B.: documenta II (1959), III (1964), IV (1968) und VI (1977) in Kassel - und 2011/2012: Die Retrospektive „Bild, Körper, Pathos“ im Museum für Gegenwartskunst, Siegen). Eine besondere Ehre wurde ihm im Jahr 2010 zuteil, als man ihn mit dem erblichen Adelstitel eines Marques de Tapies auszeichnete. Am 6. Februar 2012 starb Antonio Tapies in seiner Geburtsstadt Barcelona im Alter von 88 Jahren. Er gehörte zu den Pionieren der Nachkriegsavantgarde in Spanien.

Ein Antonio Tapies Zitat:

"Wie ein Forscher im Labor nehme ich als erster die Anregungen wahr, die der Materie entrissen werden können. Ich entlocke ihr Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn ich anfangs keine ganz klare Vorstellung habe, worauf ich mich einlasse. Während der Arbeit formuliere ich gleichsam meine Gedanken; aus dem Kampf zwischen Wollen und vorhandenem Material entsteht ein Gleichgewicht von Spannungen.“

Und jetzt noch einen Tipp:

Fundacio Antonio Tapies … sie organisiert u.a. temporäre Ausstellungen, Symposien, Lesungen und Aktivitäten rund um Antonio Tapies Werk. Die Stiftung ist im Besitz der vollständigsten Sammlung von Tapies Werken (mehr als zweitausend Stück) und hat neben der festen Kollektion von Antonio Tapies auch viele temporäre Ausstellungen anderer Künstler. Das Gebäude der Fundacio Antonio Tapies ist einfach in Barcelona zu erkennen, dadurch das das Kunstwerk auf dem Dach von Antonio Tapies selbst erschaffen wurde.. Es besteht aus mindestens 2700 Metern Stahldraht und trägt den Namen “Nuvil i Cadira” (die Wolke und der Stuhl).

Die Bildergalerie:

Etwas Weihnachtliches von mir bei Antoni Tapies gefunden
Etwas Weihnachtliches von mir bei Antoni Tapies gefundenFoto-Quelle: © Kunsthaus Lorenz Pistor (Kunst & Curiosa)

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Für diesen Bericht zur Advents- und Weihnachtszeit habe ich nun doch ein spezielleres Motiv von Antonio Tapies gefunden, es erinnert mich an den Hl. Nikolaus mit seinem Rauschebart und seiner roten Tiara (Mütze) - © Kunsthaus Lorenz Pistor, Rodenbach (Kunst & Curiosa).

Antoni Tapies, "Collage de les creus", 1947
Antoni Tapies, "Collage de les creus", 1947Foto-Quelle: © Städel Digitale Sammlung

Bildergalerie Bild 2 - Antonio Tapies, "Collage de les creus“, 1947 - © Städel Digitale Sammlung - Die "Collage mit den Kreuzen“ ist ein Materialbild und steht als Papierbild ebenbürtig neben den Gemälden des Künstlers. Er arbeitete auf Karton in einer dadaistischen Tradition abstrakter Materialcollagen, hier mit Haushaltspapier. Grüne, violette auch rote Farbflecken, geritzte Linien und zerrissenes Papier vereinen sich zu einem "räumlichen Feld“ mit gemalten schwarzen Kreuzen für den Glauben und den Tod - und das weiße Kreuz markiert den Frieden!

Antoni Tapies, " Personajes", 1947
Antoni Tapies, " Personajes", 1947Foto-Quelle: © barcelona-museum.de

Bildergalerie Bild 3 - Antonio Tapies, "Personajes“, 1947 - © barcelona-museum.de - Seine Kunst war zu dieser Zeit figürlicher, ja sogar religiös angehaucht. Dieses Motiv erinnert an die mexikanische Totenverehrung.

Antoni Tapies, "Relief in Ziegelfarbe", 1963
Antoni Tapies, "Relief in Ziegelfarbe", 1963Foto-Quelle: © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Bildergalerie Bild 4 - Antonio Tapies, "Relief en couleur brique (Relief in Ziegelfarbe)“, 1963 - © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Walter Klein, Düsseldorf - Ab den 1950er-Jahren entwickelte der spanische Maler Antoni Tapies seine karge und intensive Bildsprache. Die rauen, matten und naturhaft erscheinenden Oberflächen seiner Bilder erreichte er indem er der Ölfarbe Sand, Marmorstaub und andere Substanzen beimischte. Er verzichtete auf den Einsatz von Pinseln zugunsten von Spachteln, Kratzern und Messern.

Antoni Tapies, "Relief in Ziegelfarbe", 1963
Antoni Tapies, "Relief in Ziegelfarbe", 1963Foto-Quelle: © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Bildergalerie Bild 5 - Antonio Tapies, "Grand blanc a la cage", 1965 - © Städel Digitale Sammlung - Dieses Bett (eine Pritsche) in Verbindung mit der rissigen, an verwitterten Putz erinnernde Oberfläche der Bettdecke weckt Assoziationen an Gefangenschaft (Franco-Diktatur!) und das schwarze Gitter verstärkt dieses noch. Die Beine des "Bettes“ hat der Künstler lediglich durch zwei runde Abdrücke angedeutet und zum weiteren hat Antonio Tapies sein Monogramm an zentraler Stelle eingeritzt.

Antoni Tapies, "Foll", 1973
Antoni Tapies, "Foll", 1973Foto-Quelle: © WikiArt


Bildergalerie Bild 6 - Antonio Tapies,“Foll“, 1973 - © Wikiart - Farblithografie auf Karton, (Auflage 150) - Eine typische Arbeit des "Tachismuses“. Der Künstler versucht seine spontanen Empfindungen und das Unbewusste unter Vermeidung jeder rationalen Kontrolle durch Auftrag von Farbflecken auf seiner Leinwand darzustellen. Das Motiv ist eine Farblithografie auf Karton.

Antoni Tapies, "Brauner Fuss ", 1984
Antoni Tapies, "Brauner Fuss ", 1984Foto-Quelle: © Lentos Kunstmuseum Linz (Stiftung Maria und Gerald Fischer-Colbrie)


Bildergalerie Bild 7 - Antonio Tapies, "Brauner Fuss“, 1984 - Lithografie - © Lentos Kunstmuseum Linz (Stiftung Maria und Gerald Fischer-Colbrie) - Fuss und auch Kreuz sind gängige Motive in dem Formenrepertoire von Antonio Tapies. Bereits in den 1940er-Jahren kommen in seinen Werken Kreuzdarstellungen vor, es sind für den katalanischen Künstler "Ursymbole menschlicher Orientierung aus der mythischen Geografie (bevor sie christlich motiviert waren, waren Kreuze Andeutungen von Himmelsrichtungen)“. Kreuze fügte Antonio Tapies spontan und intuitiv in seine Werke ein: "Wenn ich ein Zeichen setze, ein X oder ein Kreuz oder eine Spirale, empfinde ich dabei eine gewisse Freude. Ich sehe, dass das Bild mit diesem Zeichen eine bestimmte Kraft bekommt.“

Der Fuss beruht auf Antonio Tapies’ Beschäftigung mit der östlichen Philosophie, denn der Fuss Buddhas ist Gegenstand religiöser Verehrung. (Auch in Nordspanien in den Höhlen von Altamira sind Fuss- und Handabdrücke ganz wichtige Symbole). Die Fussdarstellung im Werk Tapies steht stellvertretend für einen Menschen, der durch die zeichenhafte Form zwar nicht tatsächlich anwesend ist, aber doch(!) repräsentiert wird. Dazu Antonio Tapies: "Alles, was photographierbar ist, interessiert mich nicht. Den Menschen möchte ich indirekt beschwören, durch Abdrücke oder Teile des menschlichen Körpers.“

Antoni Tapies, Objekt: "Die Symbole "A" und "T" mit Utensilien
Antoni Tapies, Objekt: "Die Symbole "A" und "T" mit UtensilienFoto-Quelle: © barcelona-museum.de


Bildergalerie Bild 8 - Antonio Tapies, "Die Symbole "A“ und "T“ - © barcelona-museum.de - Ein Objekt aus der Sammlung von Antonio Tapies, heute im Barcelona Museum - Jedes Symbol, Zeichen oder jede Form hat eine besondere Bedeutung. Immer wieder tauchen das A und das T in seinen Arbeiten auf - erstmals sind es seine Initiale (Albrecht Dürer läßt grüßen), dann aber auch A für Antonio und T für Teresa (der Name seiner Frau). Viele seiner Bilder besitzen eine geradezu spirituell-meditative Ausstrahlung (mit beigefügten Objekten) und laden den Betrachter ein, in ihnen zu verweilen und zu einer wohltuenden Ruhe zu kommen.
Antoni Tapies in seinem Atelier 2002  (Barcelona)©
Antoni Tapies in seinem Atelier 2002 (Barcelona)©Foto-Quelle: © de.wikipedia.org

Bildergalerie Bild 9 - Antonio Tapies in seinem Atelier, Barcelona 2002 - © de.wikipedia.org.

Links:

(Antonio Tapies - Biografie)
https://www.galerievandeloo-projekte...raphie.html

(Informelle Kunst)
https://de.wikipedia.org/wiki/Informelle_Kunst

(Tachismus)
https://www.kettererkunst.de/lexikon/tachismus.php

(Lyrische Abstraktion)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lyrische_Abstraktion

(Tapies Museum Barcelona)
https://go2barcelona.de/fundacio-ant...tapies.html

Map-Data:
 Museum für Gegenwartskunst Siegen, Unteres Schloss 1, 57072 Siegen - Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger (Vierter Preisträger: Antonio Tapies - 1972).

7 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Der Beitrag gefällt mir gut, die Werke des Künstlers nicht. Es sagt mir wenig!
Alles Gute, Volker!
wize.life-Nutzer
... eine ehrliche Antwort ... danke Volker
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wize.life-Nutzer
Es ist nicht meine Richtung, aber schön, dass dieser Künstler vorgestellt wurde und man sich eine Vorstellung von seiner Arbeit machen kann. Danke, Volker.
wize.life-Nutzer
... konntest Du nun die Bilder betrachten? - hoffentlich! Herzliche Grüße von Volker
wize.life-Nutzer
Ja, betrachtet habe ich sie genau und deine Erklärung ist gut gewesen, sonst hätte ich gar nichts damit anfangen können.
wize.life-Nutzer
Kunst liegt im Auge des Betrachters ,Kunst verstehen auch! Wie immer sehr gut beschrieben...Danke Volker
wize.life-Nutzer
wunderbare Werke - voller Kraft, Symbolik und Energie
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