Renato Guttuso, "La Vucciria - (Altstadt-Markt von  Palermo)“, 1939
Renato Guttuso, "La Vucciria - (Altstadt-Markt von Palermo)“, 1939Foto-Quelle: © Guttuso Museum, Bagheria
Kunst verstehen: Ein malender Lenin-Friedenspreis-Träger Renato Guttuso …

Renato Guttuso war ein italienischer Maler, Zeichner, Illustrator, Bühnenbildner, Kunstkritiker, Essayist - aber auch ein Politiker. Er schuf monumentale Gemälde zu historischen und zeitgenössischen Sujets und war führender Vertreter des italienischen sozialistischen Realismus. Im Jahre 1940 trat Renato Guttuso der Kommunistische Partei Italiens (sie agierte damals im Untergrund) bei. Zusätzlich prägte diese sein Werk mit dauerhaften künstlerischen Impulsen. Übrigens: Unmittelbar nach Kriegsende entstand zwischen Renato Guttuso und Pablo Picasso in Paris eine feste, tiefe Freundschaft, er war von dessen Arbeiten total begeistert und fasziniert. (Im Jahre 1944 wurde auch Pablo Picasso Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, bis zu seinem Tode).

Um 1938 erhielt Renato Guttuso eine Postkarte mit einer Abbildung von Picassos kurz zuvor entstandenem „Jahrhundertwerk Guernica“, die er fortan in der Brieftasche bei sich trug. „Guernica“ wurde für ihn zum Schlüsselwerk und zum leuchtenden Beispiel einer politisch verantwortungsvollen Kunst. Er setzte sich in zahlreichen eigenen Werken mit dessen formalen und inhaltlichen Lösungen, dessen Symbolik und politischer Schlagkraft auseinander.

Das monumentale Gemälde “Guernica“ ist eine künstlerische einmalige Umsetzung der Schrecken des Spanischen Bürgerkriegs. Das Motiv der „Taube (1949)“ auf dem Plakat, das Pablo Picasso für den Pariser Weltfriedenskongress entwarf, wurde weltweit zum Friedenssymbol!

Nun eine ausführlichere Biografie:

(Aldo) Renato Guttuso wurde am 26. Dezember 1911 im sizilianischen Bagheria, einem Villenvorort von Palermo, geboren (aber amtlich gemeldet in Palermo erst am 2. Januar 1912).

Sein Elternhaus war kleinbürgerlich, liberal und künstlerisch aufgeschlossen. Der Großvater Ciro hatte als „Garibaldiner“ die Einheiten Bagherias bei der Eroberung von Palermo angeführt. Renato Guttusos Vater (Landvermesser und Hobby-Aquarellist) animierte seinen Sohn zum Malen und Renato Guttusso fand als Kind seine Liebe zur Malerei - trotzdem blieb er Autodidakt. Auf Vaters Wunsch begann er dann ein Jurastudium, brach es aber 1931 ab und ging nach Rom.

Sein Militärdienst erfolgte von 1935 bis 1936 in Mailand. Enge Freundschaften entstanden zwischen Renato Birolli, Lucio Fontana, Fausto Pirandello und dem Bildhauer, Grafiker und Zeichner Giacomo Manzu.

Er lebte und arbeitete ab 1937 größtenteils in Rom. Er trat er der „Gruppo universitario fascista“ bei. Später wurde er Antifaschist und Atheist. Vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges (Juli 1936 - April 1939) kam es zu Renato Guttusos klarer antifaschistischen Haltung. Ab dem Jahre 1938 ließ er sich dann dauerhaft in Rom nieder, wo er seine spätere Ehefrau Mimise Dotti (Heirat 1956) traf. Der Dichter Pablo Neruda war Trauzeuge bei ihrer Hochzeit.

Er wurde Mitglied der Künstler- und Literatengruppe um die Zeitschrift Corrente (später von den Faschisten aufgelöst), die sich gegen den Idealismus der faschistischen Kulturpolitik wandte - Renato Guttuso schloss sich der antifaschistischen Widerstandsbewegung an und nahm ab 1943 aktiv am Partisanenkampf teil (er war auch der Mafia-Gegner).

Nach Kriegsende gründete Renato Guttuso die „Fronte Nueva delle Arti“ (Neue Front der Künste). Er wurde später zu einem wichtigen Vertreter des Realismus. In der Nachkriegszeit, als die „Deutsche Akademie Villa Massimo“ in Rom von Italien konfisziert war, arbeitete Renato Guttuso fast zehn Jahre lang in einem der Ateliers der Villa.

Lenin-Friedenspreis-Träger von 1970/71

In den 1950er und 1960er Jahren fanden Renato Guttusos Person und Werk vermehrt Interesse in der UdSSR. Er erhielt 1951 den Internationalen Friedenspreis des Weltfriedensrates in Warschau und ein Jahr später wurde ihm die gleiche Auszeichnung in Moskau verliehen.

Ab Mitte der 1950er Jahre verbrachte er im geerbten Haus seiner Frau Mimise die Sommermonate in Velate bei Varese.

Ab 1948 war Renato Guttuso auf der Biennale von Venedig siebenmal vertreten, 1960 sogar mit einem eigenen Saal. Von 1966 bis 1968 hatte er eine Professur an der Accademia di Belle Arti di Roma und 1968 war er Gastdozent der Hamburger Hochschule für bildende Künste. In den Jahren 1970-1971 wurde ihm der „Internationale Lenin-Friedenspreis“ verliehen.
Ab der siebziger Jahre widmete er sich verstärkt der Politik: Er wurde in den Stadtrat von Palermo gewählt und war ab 1975 für zwei Legislaturperioden Senator. Im Jahre 1977 nahm er an der Documenta 6 in Kassel teil.

Mimise Dotti-Guttuso starb am 6. Oktober 1986. Guttuso sollte bald seiner Frau folgen. Er starb am 18. Januar 1987 im Alter von 75 Jahren in Rom an Lungenkrebs. Auf seinem Sterbebett nahm er angeblich wieder den christlichen Glauben an, mit dem er kritisch umgegangen war.
Im Garten der Villa Cattolica in Bagheria wurde er beerdigt. Sein Freund und Bildhauer Giacomo Manzu schuf das Grabmonument. (In seinem Todesjahr wurde er auch noch als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt).

Die Bildergalerie:

Renato Guttuso, "La Vucciria - (Altstadt-Markt von  Palermo)“, 1939
Renato Guttuso, "La Vucciria - (Altstadt-Markt von Palermo)“, 1939Foto-Quelle: © Guttuso Museum, Bagheria

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild - Renato Guttuso, "La Vucciria - (Altstadt-Markt von Palermo)“, 1939 - Ein detailreiches „rötliche Stillleben“, sehr realistisch und recht wirklichkeitsnah.

Renato Guttuso, „Fuga dall'Etna (Flucht vor dem Ätna)“, 1937/1938
Renato Guttuso, „Fuga dall'Etna (Flucht vor dem Ätna)“, 1937/1938Foto-Quelle: © Guttuso Museum, Bagheria -

Bildergalerie Bild 2 - Renato Guttuso, „Fuga dall'Etna (Flucht vor dem Ätna)“, 1937/1938 - Es war sein erstes großformatiges realistisches Gemälde, das 1938 sogar den Bergamo-Preis gewann!

Renato Guttuso, "Crocifissione (Kreuzigung), 1940-1941
Renato Guttuso, "Crocifissione (Kreuzigung), 1940-1941Foto-Quelle: © Guttuso Museum, Bagheria

Bildergalerie Bild 3 - Renato Guttuso, "Crocifissione (Kreuzigung), 1940-1941 - Wohl eines der wich­tigsten Meis­terwerke des 20. Jahrhunderts. Es sei, so Renato Guttuso, ein Symbol für all jene, die aufgrund ihrer Ideen Schmähung, Inhaftierung und Peinigung er­lei­den mussten. Das Bild war zweifelsohne eine offene An­klage gegen das fa­schistische Regime. Die Faschisten prangerten es an, weil es die Schrecken des Krieges unter religiöser Deckung darstellte. Der Klerus verspottete ihn als “pictor diabolicus” (“teuflischer Maler”). Renato Guttuso sagte zu dem Gemälde öffentlich: “Dies ist eine Zeit des Krieges. Ich möchte die Qual Christi als eine zeitgenössische Szene darstellen … als Symbol all derer, die aufgrund ihrer Ideen Empörung ertragen. Inhaftierung und Qual“. Und Renato Guttuso ging in den Widerstand und seine Serie von Zeichnungen „Gott mit uns“ gilt als Zeuge dieser Zeit, des Parti­sa­nenkriegs.

Renato Guttuso, „Mano del Crocifisso - Detail: Matthias Grünewald" - 1973
Renato Guttuso, „Mano del Crocifisso - Detail: Matthias Grünewald" - 1973Foto-Quelle: © Musei Vaticani, Saal 8

Bildergalerie Bild 4 - Renato Guttuso, „Mano del Crocifisso“ - Matthias Grünewald - Schenkung des Künstlers 1973 - „Die Hand des Gekreuzigten“, hier ein Beispiel für ein Werk eines großen Meisters, das Renato Guttuso faszinierte! Das Gemälde (ein Detail aus der berühmten Kreuzigung), das Mathias Grünewald zwischen 1512 und 1516 für den Isenheimer Altar (heute Unterlinden-Museum in Colmar/Frankreich) malte. Guttusos Werk ist von einer außergewöhnlichen dramatischen Intensität. Der Künstler, der dieses Thema wieder Anfang der 1980er Jahre aufgriff, machte die rechte, ans Kreuz genagelten Hand, mit wenigen dicken, expressionistisch geprägten Pinselstrichen zum Mittelpunkt seines expressiven Bildes. Eingerahmt wird es von einem Hintergrund, der einen prägnanten Pointillismus zeigt.

Renato Guttuso, „Boogie-Woogie“, 1953
Renato Guttuso, „Boogie-Woogie“, 1953Foto-Quelle: © Guttuso Museum, Bagheria

Bildergalerie Bild 5 - Renato Guttuso, „Boogie-Woogie“, 1953 - Die Freude am Stofflichen zieht sich durch das ganze Werk. Einen ganz „freien Lauf“ lässt Renato Gattuso den Jugendlichen, die „Boogie Woogie“ vor dem gleichnamigen Bild von Piet Mondrian tanzen. Es sind wilde Tänzer in gemusterten Röcken, Pullover und Hemden, die ins „Moderne Zeitalter“ aufbrechen.

Renato Guttuso, „Die rote Wolke“, 1966
Renato Guttuso, „Die rote Wolke“, 1966Foto-Quelle: © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Bildergalerie Bild 6 - Renato Guttuso, „Die rote Wolke“, 1966 - Die rote Explosion, die der sizilianische Künstler Renato Guttuso hier beschwört, drängt Insignien der Armut an den unteren Bildrand - es ist tödlich und blutig.

Renato Guttuso, „Cafe Greco Rom“, 1976
Renato Guttuso, „Cafe Greco Rom“, 1976Foto-Quelle: © Museum Ludwig Köln

Bildergalerie Bild 7 - Renato Guttuso, „Cafe Greco Rom“, 1976 - Das Cafe Greco ist ein seit der Mitte des 18. Jahrhunderts existierendes Cafe in der Via Condotti in der Nähe der Spanischen Treppe. Es ist eines der letzten großen Künstlercafes in Rom. Draußen weist die Aufschrift „250 anni“ auf das stolze Alter hin. Die Wirte, das Ehepaar Carlo Pellegrini und Flavia Iozzi, sollen hier raus. Ihr Mietvertrag lief schon 2017 aus und wurde nicht verlängert. Es geht ums Geld (120.000 Euro Monatsmiete?), genauer gesagt: darum, was eine angemessene Miete in dieser teuren Gegend mit vielen Luxusgeschäften ist. Eigentümer des Gebäudes ist das Israelitische Krankenhaus in Rom. Mit dem Betreiber sei keine Einigung im Einklang mit dem „Marktwert“ gefunden worden, heißt es. Alle Mieteinnahmen würden in die Klinik investiert, die zum Wohle aller Bürger arbeitet!

Das Cafe Greco ist einer der traditionsreichen Treffpunkte für Künstler, Dichter und Intellektuelle, in dem auch Renato Guttuso über Jahrzehnte verkehrte. Sein Bild frischt die eigenen Erinnerungen und die historischen Begebenheiten des Ortes auf. Selbst an japanische Touristen, schwedische Mädchen und ein lesbisches Paar wird sich erinnert. Auch der Maler Giorgio de Chirico war in den siebziger Jahren Gast des Cafes und seine Anwesenheit regte Renato Guttuso kreativ an. Giorgio de Chirico erscheint sogar zweimal im Bilde. (Er sitzt links als alter Herr und gleich dahinter, dem Betrachter zugewandt, in jüngeren Jahren. Weitere Bildvorlagen sind: Torso von Belvedere und Pablo Picassos „Frauenkopf“ von 1941.

Renato Guttuso, „Selbstporträt mit „großer, deutlicher“ Signatur“, 1965
Renato Guttuso, „Selbstporträt mit „großer, deutlicher“ Signatur“, 1965Foto-Quelle: © Mondadori Private Collection

Bildergalerie Bild 8 - Renato Guttuso, „Selbstporträt mit „großer, deutlicher“ Signatur“, 1965

Renato Guttuso, "S/W-Foto 1960"
Renato Guttuso, "S/W-Foto 1960"Foto-Quelle: Gemeinfrei

Bildergalerie Bild 9 - Renato Guttuso, S/W-Foto 1960


Links:

(Renato Guttuso - Lebenslauf)
https://www.munzinger.de/search/port.../16670.html

(Sozialistischer Realismus)
https://kettererkunst.de/lexikon/soz...alismus.php

(Biennale Venedig)
https://de.wikipedia.org/wiki/Biennale_di_Venezia

(Documenta 6)
https://www.documenta.de/de/retrospe...ocumenta_6#

(Internationaler Lenin-Friedenspreis)
https://de.wikipedia.org/wiki/Intern...iedenspreis


Map-Data: Museo Guttuso - Villa Cattolica - Via Rammacca 9, 90011 Bagheria, Italien

16 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Sehr unterschiedliche Stilrichtungen
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wize.life-Nutzer
kannte ich auch nicht..schöne Idee
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wize.life-Nutzer
Das waren noch Maler damals!
Richtig toll und interessant.
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wize.life-Nutzer
Ich hab mir den Link per E-Mail gesendet, dann kann ich mir das in aller Ruhe ansehen, immer wieder. Danke Volker.
wize.life-Nutzer
Liebe Annemie, ich schreibe etwa 2x pro Monat einen Kunstbericht in wize.life - ich wünsche weiter viel Lesevergnügen Volker
wize.life-Nutzer
Danke Volker. Unter Themen kann ich das wahrscheinlich dann immer lesen!?
wize.life-Nutzer
Liebe Annemie, meine bisherigen alten Storys sind veröffentlicht bei wize.life - "unter Beitrag in Themenwelt "Kunst verstehen: XXXXX" oder "1001 Meisterwerke" ... - viel "Genuss" wünscht Dir Volker
wize.life-Nutzer
Lieber Volker, ich finde das in Zukunft auf Anhieb in der Suchzeile der Themen. Hab gerade nachgesehen. Danke für die viele schönen Beiträge, die ich mit Sicherheit genießen werde. HG Annemie
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wize.life-Nutzer
Ein sehr schöner Überblick zur Malerei des 20. Jhd.. Der Maler war mir nicht bekannt, aber durch die historischen Anmerkungen findet man im Stil Ähnlichkeiten zu anderen Malern dieser Zeit.
wize.life-Nutzer
... ganz lieb mir diese Zeilen zu schreiben ... danke Volker
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wize.life-Nutzer
Danke, Volker, ein guter Beitrag! Nun sehe ich hinter diesem Namen, der mir bisher nicht viel sagte, eine kämpferische Person voller Ideale, geprägt von ihrer Zeit. Und dazu farbenprächtige, drastisch-realistische Bilder. Das vergisst man nicht so schnell wieder.
wize.life-Nutzer
Über Deine Begeisterung freue ich mich ... liebe Grüße Volker
wize.life-Nutzer
Liebe Grüße zurück von Regina
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wize.life-Nutzer
...wieder eine detaillierte Dokumentation, kurzweilig und interessant begeschrieben.
wize.life-Nutzer
... danke für Deine lieben Peisungen ... & liebe Grüße mit recht viel Gesundheit von Volker
wize.life-Nutzer
es soll "Preisungen" heißen ... - entschuldige, bitte
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