Buschwindröschen für Mama
Buschwindröschen für MamaFoto-Quelle: Foto: Utopia.de
Buschwindröschen für Mama

Buschwindröschen für Mama

Jede Begegnung und jeder neue Tag, kann wie ein neuer Anfang sein, so auch an jenem K Freitag vor einigen Jahren.
Meine Frau hatte das Wohnzimmer wunderschön österlich geschmückt. Auf dem Beistelltisch vor der Vitrine ein Osterstrauß aus Birkenzweigen, bestückt mit selbstbemalten Eiern. Ein Relikt, aus den frühen Jahren unserer Kinder.
Auf dem Wohnzimmertisch eine blau gelbe Tischdecke, bestickt mit Ostermotiven, geerbt von ihrer Mutter.
„Den Marmorkuchen kann man essen, in Verbindung mit der Sprühsahne schmeckt er sogar hervorragend.“ Sagte ich zu meiner Frau.
„Schatz, den habe ich schon vor sechs Wochen gekauft, ein Sonderangebot von Lidl.“
Wir erzählten uns Geschichten aus unserer Kindheit, über all das, was wir so gemacht und erlebt hatten an Ostern. Unsere Kinder hörten aufmerksam zu.
Wir waren derart vertieft in unseren Erzählungen, dass wir fast erschraken, als das Telefon bimmelte.
Mein langjähriger Freund Rudolf meldete sich .
„Ich bin bei euch in der Nähe, wenn es passt, würde ich kurz vorbeikommen.“
„Sehr gerne mein Freund, wir freuen uns!“ erwiderte ich.

„Papa, wer ist eigentlich dieser Rudolf und woher kennst du ihn?“ fragte unser Nico.
Rudolf kenne ich seit mehr als vier Jahren, ich hatte ihn damals im Stadtcafe getroffen, er viel mir sofort auf in seinem grünen Lodenmantel und seiner von der Sonne gegerbten Haut. Rudolf war früher Jäger, heute ist er Wildhüter, hat seit mehr als zwanzig Jahren keine Waffe mehr in die Hände genommen, manchmal arbeitet er als Guide für Botaniker, Ornithologen und Menschen die an der Schönheit der Natur interessiert sind. Es gibt keinen Weg und keinen Pfad, auf dem Truppenübungsplatz, den Rudolf nicht erkundet hat.

Wenig später saß Rudolf bei uns am Kaffeetisch, unser Marmorkuchen schmeckte ihm sichtlich.
„Ich kann gerne noch welchen aufschneiden, in der Küche ist noch genügend Marmorkuchen.“ Fragte meine Frau.
„Wenn es keine Umstände macht, ich habe heute noch gar nichts gefuttert!“
Unser Lars folgte meiner Frau in die Küche.
„Mama, der Mann ist aber groß näh und der hat so komische Haut! Sagte unser Lars mit ängstlicher Stimme.
„Lars, du brauchst vor Rudolf keine Angst haben, er ist ein sehr netter und Papa kennt ihn schon viele Jahre. Du liebst doch auch die Natur, frag ihn einfach etwas, ich bin mir sicher, er wird und kann dir all deine Fragen beantworten.
„Was macht ihr eigentlich an Ostern, habt ihr schon etwas geplant?“ fragte Rudolf.
Wir wissen es noch nicht, lautete meine spontane Antwort.
„Eigentlich wollten wir nach Schleswig Holstein, unsere Eltern auf dem Friedhof besuchen, jetzt ohne Auto und mit der Bahn, das klappt leider nicht.“ Fügte ich hinzu.
Inzwischen traute sich unser Lars eine Frage zu stellen.
„Du, Herr Rudolf, wie erkennt man den Unterschied zwischen einer Hunde-und einer Wolfsfährte?“
„Das ist gar nicht so schwer, mein Junge, ich will es dir gerne erläutern.“ Seine Stimme klang sanft und freundlich.
Das Trittsiegel eines Wolfes ist länglich-oval, länger als breit, die kräftigen Krallenabdrücke sind gerade ausgerichtet und in der Spur deutlich zu erkennen sind. Im Vergleich dazu ist der Abdruck eines Hundes rundlich, die Krallen weisen in verschiedene Richtungen. Die Vorderpfote eines erwachsenen Wolfes ist ca. zwischen 8 – 12 cm lang und 6.5 – 10.5 cm breit ( ohne Krallenabdrücke).
„Das muss ich mir gleich aufschreiben!“ erwiderte Lars.
„Wie weit ist das denn, bis zum Friedhof nach Schleswig Holstein?“ fragte Rudolf.
„So um die hundertzwanzig Kilometer!“ antwortete meine Frau spontan.
„Wisst ihr was, ich habe mir gerade was überlegt, wir fahren dort morgen hin, ohne wenn und aber.“ Sagte Rudolf mit entschlossener Stimme.
„Ja aber, wir haben doch keine Blumen und Sprit kostet es auch und außerdem wollen wir dir keine Umstände machen.“ Sagte meine Frau und schaute mich fragend an.
„Welche Blumen mochte denn die Mama am liebsten?“ fragte Rudolf.
„Buschwindröschen!“ Antworteten meine Frau und ich im selben Atemzug.
„Der Tank ist voll und um die Buschwindröschen macht euch keine Gedanken, aber, wir sollten so früh wie möglich starten, die A7 in Richtung Hamburg wird Ostersamstag entsprechend voll sein.“ Sagte Rudolf mit freudiger Stimme.

Am Ostersamstag erschien Rudolf pünktlich, der Zeiger der Küchenuhr stand auf punkt 8 Uhr, als er sein Auto auf dem Hof parkte.
Während meine Frau die Thermokanne mit frischem Kaffee füllte, ging ich runter zu Rudolf.
„Was schmunzelst Du denn?“ fragte ich.
Rudolf öffnete den Kofferraum, in einer Plastikwanne lagen acht Stauden Buschwindröschen.
„Wir wollen doch deine Frau überraschen!“

Die Fahrt nach Schleswig Holstein verlief ohne Probleme, nach weniger als zwei Stunden, waren wir am Friedhof angekommen.
Die Buschwindröschen auf Mamas Grab waren schnell gepflanzt, mit jedem Windhauch bewegten sie ihre feinen Blütenblätter, so als würden sie tanzen und gleichzeitig eine Geschichte erzählen.
Dieses Ostern damals, bleibt für uns unvergesslich und ja, es war wohl das schönste Ostern, was wir je erlebt hatten.

Inzwischen wohnt unser Freund Rudolf nicht mehr in unserer Nähe, er ist ins Sauerland zu seiner Tochter verzogen, sie braucht ihn jetzt mehr denn je, nach dem Tod der Mutter.

© Peter Böttcher

2 Kommentare

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schööööööööön Peter
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Reni
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