Von wegen "behindert"
Von wegen "behindert"Foto-Quelle: Image by <a href="https://pixabay.com/users/dimhou-5987327/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=3575167">Dim Hou</a> from ...
Von wegen "behindert"

Marc

Diese Geschichte handelt von Marc. Es ist eine reale Geschichte, die genau so passiert ist wie ich sie noch in Erinnerung habe. Und ich erzähle sie, weil sie mir eine sehr wichtige Erkenntnis im Leben gebracht hat.

Marc war (bzw. ist, denn er lebt noch) ein Junge aus der Nachbarschaft. Er ist ein paar Jahre älter als ich, wohnt noch bei seiner Mutter, und man sieht ihn nur selten. Denn Marc ist das was man als „behindert“ bezeichnet.

Ich kenne Marc seit ich sieben Jahre alt war, da zog seine Familie nur ein paar Häuser weiter ein. Seine jüngere Schwester ging in meine Klasse, und sie war ein wirklich hübsches Mädchen in das eigentlich jeder aus der Klasse heimlich verschossen war. Marc wurde morgens mit einem Kleinbus zu Hause abgeholt und Abends wieder heim gebracht. Meine Mutter erklärte mir, dass Marc „behindert“ ist und in eine Sonderschule geht. „Er ist mongoloid!“ nannte man das damals, die richtige Bezeichnung dafür ist „Trisomie 21“ oder „Down-Syndrom“. Und Marc zeigte alle Anzeichen dieser Genmutation. Er sah anders aus, bewegte sich unbeholfen, konnte nur schwer verständlich sprechen, und obwohl er älter war als meine „normalen“ Freunde und ich, so war er doch merklich „dümmer“.
Natürlich wurde Marc gehänselt. Er war für viele nur „der Mongo“. Und viele ließen ihn nur mitspielen, weil sie es sich mit den hübschen Schwester nicht verscherzen wollten. Er war eben „anders“ und irgendwie „seltsam“. Aber er war nicht böse, eher lieb und zurückhaltend.

Ich erinnere mich an einen Tag im Sommer. Ich war, soweit ich es noch in Erinnerung habe, 11 oder 12 Jahre alt. In dem Wohngebiet in dem ich damals lebte (und heute wieder lebe) herrschte noch reger Baubetrieb. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde gerade ein neues Haus hochgezogen, und vor dem Haus lag ein großer Haufen von diesem gelben Bausand, der zusammen mit Wasser und Zement den Mörtel für die Mauern ergab. Aus diesem Sand ließen sich auch hervorragend Sandburgen bauen, vor allem wenn der Sand noch etwas feucht war. Und wenn am Wochenende nichts auf den Baustellen los war, dann nutzen wir Kinder diese Gelegenheit und spielten in dem Sand mit unseren Modellautos und Plastikfiguren. Solange wir nicht hinter die Absperrungen gingen und auf der Baustelle selbst rum rannten meckerte da auch keiner.
An diesem Morgen war ich früh auf den Beinen. Es war ein Samstag, die Sonne schien, es war schon angenehm warm, und mich hielt nichts mehr im Haus. Ich musste raus. Und mein erster Weg führte ich zu der Baustelle gegenüber. Im Sand lagen ein paar Förmchen vom Abend zuvor. Meine Freunde schliefen wohl noch alle, und so fing ich an, alleine im Sand meine kleine Sandburg zu bauen. Mit meinen Händen schuf ich Gräben und kleine Mauern, das sah schonmal nicht schlecht aus.
„Mit pielen?“ fragte mich plötzlich jemand. Ich schaute auf, und vor mir stand Marc, schüchtern und fast schon ängstlich. Ich überlegte nicht lange: „Klar, zu zweit macht das mehr Spaß!“ Und so bauten wir zu zweit an der Burg weiter. Mit den Händen bekamen wir aber nur kleine und dünne Mauern hin. Plötzlich stand Marc auf und schaute sich um. Dann nahm er zwei Bretter die da rumlagen, steckte sie parallel zueinander in den Sand, schaufelte mit den Händen Sand zwischen die Bretter, klopfte den Sand etwas fest, und als er die Bretter wegnahm stand dort eine breite und stabile Sandburgmauer. Ich war begeistert! Mit Hilfe der beiden Bretter bauten wir nun eine richtig große Anlage, und mit Hilfe der Förmchen setzte wir Zinnen auf die Mauern. Mit Hilfe eines Stücks Rohr bauten wir Durchgänge in die Mauern, und obwohl uns beiden klar war, dass am Montag Bauarbeiter das alles wieder kaputt machen würden, und auch wenn wir kaum miteinander sprachen, so hatten wir viel Spaß dabei und vergaßen die Zeit.
Unsere Burganlage war schließlich richtig groß und sah richtig gut aus. Wir standen da und bewunderten unser Werk.

Und dann kamen zwei Mädchen die Straße herunter. Die eine kannte ich, die war etwas jünger als ich, und die andere war wohl eine Freundin. Sie kicherten und lachten, dann deuteten sie auf Marc. „Das ist der Mongo!“ rief die, die ich kannte. Und dann liefen die beiden mitten durch unsere Sandburg und zertrampelten unsere tolle Anlage! Ich war rasend vor Wut und war den Mädchen schlimme Schimpfwörter an den Kopf, doch die lachten nur und riefen weiter „Mongo, Mongo!“ Und dann verschwanden sie laut lachend. Ich schrie den beiden noch etwas hinterher, und dann schaue ich zu Marc. Der stand da nur, schaute auf die zerstörte Burg, und dann sah ich Tränen in seinen Augen. Wortlos drehte er sich weg und lief nach Hause.

Mir wurde in diesem Moment so vieles klar. Marc war zwar geistig behindert, aber ER hatte eine Idee gehabt, die mir als „Normalo“ nicht eingefallen war. Er war kreativ, hatte Spaß und er war in diesen Stunden ein toller Spielkamerad. Und er hatte Gefühle, genau wie ich.
Seit diesem Tag sehe ich Menschen mit Behinderungen mit anderen Augen. Wobei ich den Begriff „Behinderungen“ auch nicht mehr mag, ich sage lieber „Beeinträchtigungen“. Der Umgang mit solchen Menschen ist sicher nicht immer einfach, manchmal sogar richtig anstrengend. Aber dennoch sind sie „vollwertige“ Menschen, mit Fähigkeiten die in dieser Kombination und Ausprägung nur sie haben. Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Gefühlen und Bedürfnissen. Und eigentlich gar nicht so anders als wir „Normalos“. Und genau so sollten wir sie behandeln.

Wenn ich aus dem Fenster schaue sehe ich das Haus in dem Marc heute mit seiner Mutter lebt. Und ich muss immer an diesen Tag denken, an dem Marc mir die Augen öffnete.

9 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ich habe 13 Jahre im Fahrdienst als Betreuerin mit Kindern die schwerst körperlich und geistig beeinträchtigt sind gearbeitet und auch mit Erwachsenen. Es sind tolle Menschen die genauso wie alle Menschen geliebt und respektiert werden möchten. Danke für diesen tollen Themenbeitrag. Auch ich habe schon mal einen Beitrag hier geschrieben (für einen Themen Abend im Chat) den es mal gab.
wizelife.de/themen/community/41040/kranke-und-b...tige-umgang
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Vor einigen Jahren bin ich auf Mallorca mit einem Glasbodenschiff unterwegs gewesen. Ich stand am Geländer und schaute durch den Glasboden ins Wasser. Neben mir stand auf einmal ein Junge mit dem Down-Syndrom und er erzählte mir was er alles sah, was ich gar nicht gesehen habe. Seine Phantasie, es war grandios. Der Junge war phänomenal. Und ich merkte, mein Blick veränderte sich. Ich begann mit seinen Augen zu sehen und ich sah Dinge, die ich vorher so nicht gesehen habe.
Zur Musik: Einmal im Jahr gab es bei uns im Büro ein Sommerfest. Es wurde in einem Jahr eine Band eingeladen, sie spielten und die Arbeitskollegen hat das überhaupt nicht interessiert, die saßen auf den Bänken, quatschten und ignorierten die Musiker. In einer Spielpause bekam ich mit, wie einer der Musiker sagte "Diese Ignoranten". Ich fand das Verhalten unglaublich und es war mein letztes Sommerfest. Ich hatte daran kein Interesse.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Wir hatten vor einigen Jahren mit der Band anlässlich eines Sommerfestes der "Lebenshilfe" einen Auftritt. Schon bei unserer Ankunft wurden wir auf's Herzlichste begrüßt, die Bewohner rissen sich förmlich darum, uns beim Ausladen unseres Equipements behilflich zu sein.
Und dann ging die Luzie ab!
Es machte uns eine Riesenfreude zu sehen, wie sie aus sich herausgingen, tanzten und einfach einen Riesenspaß hatten. Anschließend gab's noch eine Fotosession mit einer befreundeten Fotografin, jeder der Bewohner, der mochte, konnte sich mit uns und einer "Flying V" als "Rockstar" fotografieren lassen.

Nie werde ich diese Herzlichkeit, Unvoreingenommenheit und pure Lebensfreude vergessen!
Es war richtiger Balsam auf unsere Seelen .... hatten wir doch kurz zuvor das Gegenteil erlebt:

Bei einer Firmenfeier zu der wir (mit zwei anderen Bands) engagiert wurden, erlebten wir ein dermaßen ignorantes Publikum, bei dem offensichtlich war, dass sie nur zum "Fressen und Saufen" da waren.
Tja ....
wize.life-Nutzer
Danke für deinen Kommentar!

Da fragt man sich manchmal, wer wirklich "behindert" ist
wize.life-Nutzer
Allerdings!

Ich habe lange Jahre in einem kleinen Industriegebiet gearbeitet, wo nebenan eine Behindertenwerkstatt war.
Wie oft habe ich die dort Beschäftigten gesehen, wenn sie entweder von der nahen S-Bahn Station zur Werkstatt bzw. auf dem Weg zurück waren. Immer in Gruppen, z. T. Händchenhaltend, scherzend, lachend.

Dazwischen die "Normalen" aus den umliegenden Büros.
3x darfst du raten, welche Beschäftigte man sofort erkannte an ihren missmutigen Mienen
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ich habe beruflich auch mit Kindern mit Down-Syndrom zu tun, und ich liebe die Arbeit mit Ihnen, da es kaum dankbarere Patienten gibt als sie. Es ist wunderbar ihre Entwicklungsschritte mit zu verfolgen und es fordert einen heraus in etwa die gleiche Kreativität zu entwickeln, über die diese Kinder verfügen.
Außerdem trägt der Kontakt zu diesen Kindern mit zu einer Entschleunigung bei, da man erkennt, wie wertvoll kleine Entwicklungsschritte sind, so dass man nicht
mehr nur in großen Zeiträumen denkt.
wize.life-Nutzer
Vielen Dank!
wize.life-Nutzer
Danke Dir für diesen Beitrag, da solche Einsichten leider nur Wenige
erleben können und die Vorurteile in unserer Gesellschaft sich viel zu sehr aus Äußerlichem ableiten.
Fragt man Eltern von Kindern mit Down-Syndrom erfährt man ebenfalls welch beglückendes Erleben sie mit ihren Kindern haben.
wize.life-Nutzer
wize.life-Nutzer Meine sehr intelligente Enkelin, 9 J. ist mit dem Nager-Syndrom geboren und erlebt nicht nur dergleichen Rufe von Kindern, sondern ebenso von Erwachsenen. Das ist noch tragischer, hässlicher!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.