Castel del Monte
Castel del MonteFoto-Quelle: hhh
Die Apulienreise, ein Tagebuch (4) Bei Friedrich II.

Ein Tag in Polignano a Mare sollte dem Ausflug zu Friedrich II. dienen, nach Castel del Monte. Keine Apulienreise kommt ohne Visite bei diesem architektonischen Meisterwerk aus, das sowieso alle, die sich aufmachen, im Kopf tragen. Zumal in den letzten Wochen eine wissenschaftliche Sensation den Weg in die Gazetten fand. Dann sollte ein Besuch bei einer befreundeten Familie in Canosa di Puglia den Tag beschließen. An diesem Besuch lag mir viel, diese Familie, deren Name als Bezeichnung einer Straße in Canosa verewigt ist, habe ich vor vielen Jahren in Rom besucht, wo der Herr der Familie, der Vater meiner Freunde, ein wichtiges Regierungsamt bekleidete. Einmal verbrachte ich auch einen Sommeraufenthalt in ihrem Haus in Apulien.

Die Illusion der Unvergänglichkeit

Daher, die Jahre waren ins Land gegangen, die Freundschaft haben sie zerfasert wie Blüten im Wind, wollte ich den Kontakt erneuern. Ein Psychologe würde sagen, durch Anknüpfen an Vergangenes wollte ich die Illusion der Unvergänglichkeit erzeugen. Mag so sein, ich hatte Telefonnummern, eine Adresse, kam aber nicht weiter. Roberto Morra, der Bürgermeister von Canosa, half mir weiter: Die Eltern leben nicht mehr, die Kinder wohnen dauerhaft in Rom. Dabei hatte ich nicht den Eindruck, Apulien stürbe an der Landflucht. In den 50er Jahren gingen viele in den Norden, auch nach Deutschland. Damals habe ich Bekannte meiner Freunde in Köln besucht. Aber heute wirkte die Region lebendig. Gut, in Biccari kann man verfallene Ein-Euro-Häuser kaufen, wenn man sich verpflichtet, sie zu restaurieren, es gibt auch Angebote ab 7.500 Euro. Von den ehemals 5.000 Bewohnern sind kaum noch 2.000 übrig. Aber Biccari liegt nun wirklich weder am Meer noch in der Nähe einer größeren Stadt, sondern in den Daunischen Bergen, an der Grenze zu Kampanien und Molise. Ideal für Ruhesuchende.

Fröhlicher Salento

Die Teile der Region, die wir besuchten, vor allem der Salento wirkte vital, fröhlich. Von drohendem Verfall keine Spur. Da Roberto Morra selbst offensichtlich auch keine Lust hatte, uns zu empfangen, es nichts Traurigeres gibt, als vor verschlossenen Türen zu stehen, hinter denen früher die Gastfreundschaft zu Hause war und weil es zudem ziemlich warm war, strichen wir Canosa von der Route und konzentrierten uns auf Castel del Monte. Da wir inzwischen parkplatztechnisch dazu gelernt hatten, fuhren wir nicht zur Burg hoch, sondern hielten am Fuße auf einem großen Parkplatz und ließen uns mit dem Bus hoch bringen.
Castel del Monte wurde von 1240 bis um 1250 gebaut, entweder wurde es nie vollendet oder es wurde gründlich ausgeräubert. Jedenfalls ist es seine bauliche Struktur und nicht die Innenausstattung, die fasziniert und über die es viele Vermutungen gibt. Jüngste Grabungen haben ein kunstvolles Bewässerungssystem hervorgebracht, das von Regenwasser über die Dächer der acht Türme gespeist und unter der Burg gesammelt wurde. Über die Funktion der Burg wird nachwievor viel gerätselt.
Jagdschloss, Gebäude zur Aufbewahrung des Staatsschatzes, Steinerne Krone Apuliens, Wehrbau, Astrologische Figur oder einfach nur Lieblingssitz. Alles wird als des Rätsels Lösung angeboten. Sicher ist, dass Friedrich II. mit einem Schreiben vom 28. Januar 1240 Richard von Montefuscolo, dem Justitiar der Capitanata, befahl, Vorbereitungen für den Bau eines Castrum zu treffen. Wer auf dem Burgberg steht und in alle vier Himmelsrichtungen blickt, dem leuchtet die Antwort ein, die Carl Arnold Willemsen in seinem Buch Castel del Monte gibt, dass er einfach zeigen wollte, wer in diesem Gebiet das Sagen hat.

Wie kommt ein Staufer nach Apulien?

Aber wie kommt ein Staufer nach Apulien? Mitte der 1180er Jahre vermählte der deutsche Kaiser Friedrich I, genannt „Barbarossa“ seinen Sohn Heinrich mit der Normannenprinzessin Konstanze von Hauteville, der Tochter von Siziliens normannischem König Roger II. Diese brachte 1194 nach achtjähriger Ehe und mit fast vierzig Lebensjahren Friedrich II zur Welt. Nach dem Florentiner Chronisten Ricordano Malispini (um 1282) soll Konstanze, um ihre Mutterschaft zu beweisen, den Sohn öffentlich auf einem Marktplatz in einem Zelt in Melfi zur Welt gebracht haben. Und wie kamen die Normannen nach Apulien? Es gibt da viele Geschichten, Leonardo Manzari, der sich mit dieser Frage beschäftigt hatte, präsentierte uns in einer Bar hoch über dem Meer in Polignano a Mare eine einfache, daher plausible Version: Im Lande der Nordmänner, also Dänemark und Norwegen, konnte nur der Älteste Schloss und Titel erben, den Nächstgeborenen brachte man vielleicht in der Kirche unter. Alle anderen zogen durch Europa und machten Ärger. So kamen sie nach Italien, und der Papst Urban II. dachte, eine sinnvolle Beschäftigung für sie wäre doch ein Kreuzzug, um Jerusalem von den Seldschuken und sich von den wilden Burschen zu befreien. Die Fahrt des Heeres ging von Apulien aus, und da man schon mal da war, gab es für waffenfähige Männer auch einiges vor Ort zu tun. So blieben sie.
Apulien und Kalabrien gehörten zum byzantinischen Reich, während Sizilien ein arabisches Emirat war. Bereits 1050 gab es zwei normannische Machtzentren in Italien. Auf einer Synode 1059 in Melfi erhob Papst Nikolaus II. Robert de Hauteville zum Fürsten von Sizilien, das er allerdings erst erobern musste. Sein Bruder Roger wurde als Roger I. von Sizilien erster christlicher König der Insel, das Ende der Herrschaft der Langobarden und der Byzantiner und in Sizilien das der Sarazenen war nur eine Frage der Zeit. Und dann kam der Staufer und mit ihm seine Schlösser und Kathedralen.
Diese Geschichte erzählte Leonardo hoch über der Adria bei kühlem Wein und wir dachten nach, dass wir sie vermutlich nicht hätten hören können, wenn wir am Tor des Castel del Monte bei den 50 Minuten Wartezeit, die man uns vor einem Eintritt abverlangen wollte, den Hitzetod gestorben wären.
So nutzten wir die Zeit im Schatten der Taverna Sforza 1910 und hatten die Muße, uns das fehlende Wissen über das Schloss anzueignen, um dann erfrischt weiterzufahren.

Trani, reich durch die Kreuzfahrer

Nicht dass es in Canosa di Puglia außer den nach Rom verzogenen Freunden noch anderes Sehenswertes gegeben hätte, aber wir fuhren nach Trani, dem Hafenstädtchen, das durch die Kreuzfahrer reich geworden ist und diesen Reichtum gerne mit seiner Kathedrale, dem Stauferschen Kastell und einer gepflegten Altstadt zeigt. Und man glaubt es kaum, es gibt auch eine positive Erinnerung an einen Deutschen: Der Oberleutnant Friedrich Kurtz weigerte sich am 18. September 1943 54 junge Männer des Ortes als Vergeltung zu erschießen. Auch er überlebte, eine Stele erinnert an ihn.
In Polignano a Mare wartete Leonardo im Lime, im Vico Porto 1, auf uns, einer Bar, direkt hoch oben über der nun schon dunklen Adria. Nur noch wenige Touristen eilten zur Trennmauer über der Klippe und ihren Höhlen, um sich vor dem dunklen Blau abzulichten. Er wollte uns noch einiges über die Pugliesen mit auf den Weg geben. Diese seien, anders als die Sizilianer, kein eigenes Volk, sondern sie setzten sich aus vielen Gruppierungen zusammen. Verwunderlich wäre dies nicht, ist die Region doch sehr unterschiedlich strukturiert, im Norden der Gargano, Italiens Sporn, dann die Ebene rund um Foggia, die Capatinata, auch Tavoliere genannt, dann jenseits des Flusses Olfanto die Murge, eine mehr als 400 Meter hohe Kalktafel, dann folgt der Salento, eine zweite Kalktafel, die den Absatz des italienischen Stiefels ausmacht. Verwaltungstechnisch besteht die Region heute aus fünf Provinzen, Foggia, Bari, Lecce, Tarent und Brindisi. Hauptstadt ist Bari. Jede der Provinzen hat ihre eigenen Traditionen. Aber Siziliens Städte haben das auch, so dass ich aus den Ausführungen von Leonardo den Hauch eines Minderwertigkeitskomplexes herauslesen wollte, dessen Grund mir allerdings nicht einleuchtete. Aber vielleicht würde ich ja in den kommenden Tagen noch dazulernen können. Jedenfalls, obwohl Palermo seine Hauptstadt war, schrieb König Enzo, der Sohn Friedrichs II in Haft der Bolognesen: „Geh hin, mein Liedchen, ins ebene Apulien, die große Capatinata, wo mein Herz Tag und Nacht ist.“ Also nicht nach Sizilien.

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