Massafra, das Theben Italiens
Massafra, das Theben ItaliensFoto-Quelle: hhh
Die Apulienreise, ein Tagebuch (5) Von Meer zu Meer

Für diesen Tag war die Überfahrt vom adriatischen zum ionischen Meer vorgesehen, das Gewässer, dass die Sohle des italienischen Stiefels kühlt, wenn es gerade nicht so aufgeheizt ist wie in diesem Sommer. Die nächste Übernachtung war für Santa Maria al Bagno im B&B Filieri vorgesehen. In nüchternen Kilometern bemessen sind das keine 200, so dass Erkundigungen in Martina Franca, Massafra, Tarent, Grottaglie, Oria, Maduria und Porto Cesareo vorgesehen waren. Ja, ich hatte sogar geliebäugelt, der Ruine und den 15 Säulen des dorischen Tempels von Metapont einen Besuch abzustatten, die liegen zwar schon knapp hinter der Grenze in der Basilicata, aber die Magna Graeca kannte diese Linien nicht, warum sollte das ein Hinderungsgrund sein? Metapont war neben Kroton eine der Wirkungsstätte des Pythagoras, mit dessen Satz heute noch Primaner gequält werden und auf dessen Entdeckung als Vordenker der Vegetarier noch gewartet wird. Ja, wir hatten sogar diskutiert, ob wir das verlassene Dorf Craco besuchen sollten, obwohl Leonardo Manzari uns gewarnt hatte, ohne Anmeldung und Führung kämen wir in den durch einem Erdrutsch von der Außenwelt abgetrennten Ort nicht hinein.

Das Theben Italiens

Wohlgemut fuhren wir los, unser erstes Ziel war Massafra, den Ort, den Peterich als „seltsam“, andere als das „Theben Italiens“ bezeichnen. Der Doyen der modernen Italienreisenden wunderte sich wohl, dass es in den beiden Schluchten, den gravine, zwischen denen Massafra liegt, noch bewohnte Höhlen gäbe. Höhlen ja, aber ohne Menschen, obwohl im nahen Matera einige Höhlen wieder bewohnbar gemacht wurden. In Massafra sind Felsenkirchen zu besichtigen, darunter die Bona Nova, die Krypta der Candelora und die Krypta von San Antonio Abate. Die sind alle hochinteressant, verraten unsere Reiseführer, weil sie mit ihren Malereien eine „Pinakothek des Hochmittelalters“ wären, nur waren sie bei unserem Besuch alle „chiuse“, geschlossen.
Es gibt also nicht nur den Grund der Vielfalt und des Reichtums, um wiederzukommen, sondern auch den, dass manches der Neugier des Reisenden verschlossen ist, weil guasto, kaputt, oder Ferien oder einfach so. So liefen wir durch die Altstadt und zum Kastell, belohnten uns dann mit Cappuccini und reichlich Wasser im Alla Tazza d`Oro auf der Piazza Garibaldi. Die Kirche Madonna della Scala, deren Decke 2017 eingestürzt ist, hätte man von außen besichtigen können, aber angesichts der Temperaturen und der vielen Treppen, die es zu besteigen gegeben hätte, haben wir es auf den nächsten Besuch vertagt.

Was macht man mit Fisch bei 40 Grad?

Außerdem wartete Tarent, das als dreckigste Stadt Europas bezeichnet wird. Aber was heißt das schon, wenn man die Hintergründe nicht kennt? Wir machten Rast nach kurzem Bummel, den Wagen ordentlich geparkt, im Ristorante La Sirenetta da Emilio in der Via Madonna della Pace im antiken Teil der Stadt, eingerahmt von den beiden Meeren, dem mare piccolo und dem mare grande. Am kleinen Meer liefen wir vorbei, es war Markt und die Fischer zeigten und verkauften, was sie ihm und seinen Zuchtanlagen entnahmen. Der Wirt der La Sirenetta meinte, er würde sich um alles kümmern. Und als nach den Antipasti ein primo piatto kam, schmunzelten wir, als danach noch ein zweiter Berg an Muscheln und frittierten Sardinen kam, kapitulierten wir. Kein Problem, es wurde eingepackt und uns in die Hand gedrückt. Aber was macht man mit Fisch, wenn die Temperatur die Grenze von 40 Grad reißt? Wir liefen die Via Madonna della Pace hoch und an der Ecke zur Via di Mezzo öffnete sich der Blick auf Straßenzüge, die dem Verfall Preis gegeben waren und die trostloser aussahen als ich es je in Palermo oder Neapel gesehen habe. Dort, vor einem dieser Häuser mit leeren Fenstern und eingefallenen Dächern saß fröhlich eine Gruppe Menschen, die uns freundlich anschaute. Es war ein spontaner Einfall, einer strahlenden Signora das Fisch-Paket in die uns entgegengestreckten Hände zu drücken. Als ahnte sie, was sie da erhalten sollte. Sie wollte sich mit einer Flasche Bier bedanken, aber wir lehnten ab.

Der Konkurs von Tarent

Aber warum lässt man in der schönsten Gegend der Stadt komplette Straßenzüge verkommen? Gut, Tarent hat Konkurs angemeldet, aber ist das ein Grund? Vielleicht kann man ja aus dem Europäischen Investitionsfond Geld entnehmen. Ich würde gerne diese Frage an zuständiger Stelle loswerden. Von der Via di Mezzo war es nicht weit zum Dom, der Kathedrale San Cataldo, zum Rathaus, zum Palazzo Pantaleo, zum ehemaligen Konvent, dann auf dem Rückweg zum Auto zum dorischen Tempel und zum Kastell der Aragonesen. Der borgo antico ist ein Schatzkästchen der Jahrhunderte, bietet Gelegenheit, sich tagelang mit ihnen zu befassen. Gut, wer will, kann sich auch mit der Dioxinbelastung der Stadt und den maroden Stahlwerken beschäftigen. Aber wichtig ist die Einstellung, ob man Gründe sucht, Tarent zu verdammen, oder sich bemüht, zu verstehen, was hier eigentlich passiert.
Unser Auto, der Renault Kadzar, den man uns in Brindisi als Angebot aufgedrängt hatte, war inzwischen zu einem Brutofen geworden. Schattige Parkplätze gab es leider keinen. Aber das Auto reagierte: Es meldete Stop, warnte vor einem Motorschaden und drosselte selbsttätig die Geschwindigkeit. Nach einigen Kilometern hielten wir an, starteten den Motor neu, und alles war gut.

Giovanni Palatucci

So kamen wir, auf die geplanten Zwischenstops verzichtend nach Santa Maria al Bagno, der Stadt, die als Treffpunkt für viele Juden auf der Reise nach Israel Bedeutung erlangt hat. Das Museo della Memoria e dell'Accoglienza erinnert an ihr Schicksal. In dem Küstenort wartete ein Abenteuer auf uns, denn der Navi kam mit der Anschrift des B&B, der Via Giovanni Palatucci, nicht zurecht. Dort, wo sie nach Meinung des Navi sein sollte, war sie nicht, Einheimische kannten sie auch nicht. Schließlich riefen wir den freundlichen Wirt an und ließen uns von ihm geleiten. Giovanni Palatucci? Ich wusste es nicht, war ein junger Polizeioffizier, der in Fiume, dem heutigen Rijeka, tausenden Juden das Leben gerettet hat. Er wurde am 10. Februar 1945 in Dachau ermordet.
Den Besuch der vier Torre Del Fiume Di Galatena verschoben wir auf den nächsten Tag. Praktischerweise wurde dort das Frühstück des B&B Filieri angeboten.

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