Auf dem Fischmarkt von Gallipoli
Auf dem Fischmarkt von GallipoliFoto-Quelle: hhh
Die Apulienreise, ein Tagebuch (6) Im Land des Karl V.

Ein Frühstück im Schatten von vier Türmen mit Blick auf das ionische Meer ist schon eine schöne Sache. Wenn man sich vorstellt, dass die vier eigentlich einer waren, dessen Innenteil dann zusammengestürzt ist, und die Historiker sich nicht einig sind, ob der Architekt eine Pfeife war oder ob feindlicher Beschuss aus einem vier machte. La Torre del Fiume di Galatena war einer der zahlreichen Küsten-Befestigungen, mit denen Kaiser Karl V. sein Heiliges Römischen Reich gegen Angriffe über das Meer von Sarazenen und Seeräubern schützen wollte. Das war im 16. Jahrhundert, Karl V. war ein Habsburger, und der Turm war deshalb so groß, weil mit ihm eine Süßwasserquelle geschützt werden sollte, die den Durst vieler weckte. Die Türme standen nahe genug beieinander, um nach beiden Seiten kommunizieren zu können. Wenn sie nicht einstürzten. Heute könnte man eine Apulien-Tour unternehmen, in der man von Turm zu Turm reist und sich ihre Geschichten erzählen lässt.

Erst Gallipoli, dann Lecce

Wir reisten nach dem Frühstück weiter nach Gallipoli und Lecce, hatten jedoch weitere Nächte im B&B Filieri gebucht, jetzt wo wir es gefunden hatten. Nein, Gallipoli hat nichts mit der Seeschlacht im Ersten Weltkrieg zu tun, die tobte in der Nähe der Dardanellen. Das Gallipoli, das wir besuchten, ist ein bezauberndes Hafenstädtchen, begrüßt wird der Reisende auf dem Fischmarkt, von dort wandert man entspannt im Schatten der auf einer Insel gelegenen Altstadt, besucht Kirchen und Festung, trinkt in der Bar Buena Vista Gallipoli einen Kaffee und reichlich Wasser, um dann entspannt die knapp 40 Kilometer weiter nach Lecce zu fahren.
Inzwischen sieht man, dass die Natur der Hitze Tribut leisten muss, viele Olivenbäume sind vertrocknet, einige sind auch ein Raub der Flammen geworden. Es ist ein trauriges Bild, in wenigen Tagen werden wir die Autobahn verlassen müssen, weil sie von den ausgreifenden Bränden bedroht wird. In Apulien spielen sich in diesen Tagen gleich mehrere Dramen gleichzeitig ab, deren Intensität der Reisende kaum mitbekommt. Da ist die Pandemie, welche die Tageszeitungen füllt, die Zahlen widersprechen sich, die Unsicherheit ist groß. Dieser Unsicherheit fallen die vielen Konzerte und Veranstaltungen dieses Sommers zum Opfer. Wir haben uns auch mit Besuchen zurück gehalten, ob dies gerechtfertigt war oder nicht. Die Vorsicht hatte Vorrang. Das sind schon mindestens zwei Prüfungen, dann das Wetter, die Hitze, die mit ihren Flammen die Lebensgrundlage der Menschen bedrohte. Und viele Feuer werden bewusst gelegt, zum einen, weil man schon immer so Äste und Sträucher, die ihren Dienst getan hatte, beseitigte. Dann weil es Job bedeutet, nur was brennt kann gelöscht werden, dazu braucht man Feuerwehrleute, und andere noch haben besondere Pläne mit dem von der Vegetation befreiten Grund.
Ich hätte es nicht geglaubt, wenn es mir keine vertrauenswürdige Quelle erzählt hätte. Inzwischen bestätigen auch die Behörden, dass in mehreren Fällen wegen Brandstiftung ermittelt würde.
Und ein kaum wahrgenommenes Drama ist, dass die Gazzetta del Mezzogiorno ihr Erscheinen eingestellt hat.

Das Florenz des Südens

Aber als wäre nichts passiert, erreichten wir Lecce. Hier begegneten wir auch Karl V. wieder, dem die Stadt eine Blütezeit verdankt, die von 1550 bis 1750 reichte. Er befestigte die Stadt unter Verwendung eines normannischen Baus und begünstigtes es, dass die Stadt als Verwaltungszentrum des Salento ihr heutiges -barockes Aussehen erhielt. Der Lecceser Barockstil, in den hellen Tuffstein eingebracht, machte die Stadt zum Florenz des Südens. Wenn man von Karls Kastell an der Chiesa di Santa Maria delle Grazie, den endlos großen Domplatz bis zum von Mussolini wenig fachmännisch ausgegrabenen römischen Amphitheater läuft, auf dem Rückweg es bis zur prachtvollen Fassade der Basilika Santa Croce schafft, der hat eine Ruhepause in den benachbarten Giardini Pubblici verdient. Lecce mit seinen knapp 100 000 Einwohnern ist wieder ein Beispiel für die Vielseitigkeit Apuliens und speziell des Salento. Der Vergleich mit Florenz zeigt es ganz gut. Wie weit muss man von der Hauptstadt der Toskana fahren, um zu einem vergleichbaren kulturellen Zentrum zu gelangen? Nimmt man Prato aus liegen Pisa, Arezzo, Siena und Bologna in gebührendem Abstand. Von Lecce bis Brindisi oder bis Gallipoli sind es keine 40 Kilometer bis Otranto keine 30. Ja, alle Vergleiche sind problematisch, aber auffallend ist es doch, und das bei nur 4 Millionen Einwohnern. Zurück in Santa Maria al Bagno hatten wir abends im La Pergola viel Stoff zum Diskutieren, den braven Kadzar hatten wir vorher in der Via Giovanni Palatucci abgestellt, gefunden ohne Navi.

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