am Meer
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Hanns-Josef Ortheil, "Das Kind, das nicht fragte", 2012 - eine Rezension

Ein weiteres spannendes Buch von diesem deutschen Schriftsteller, der zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart gehört und dessen Werke in mehr als 20 Sprachen übersetzt sind.

Wieder steht ein Kind im Mittelpunkt, das zwar auf den Protagonisten in der Autobiographie hinweist, aber in einem anderen familiären Milieu aufwächst.
Statt der vier vor seiner Geburt verstorbenen Brüder hat Benjamin Merz (= der Jüngste) vier ältere Brüder, die ihn nicht ernst nehmen, die ihn gar nicht zu Wort kommen lassen und ihn dadurch in seiner sprachlichen und emotionalen Entwicklung behindern.

Immerhin hat er ein akademisches Studium hinter sich gebracht und ein höchst seltenes Studienfach gewählt, in dem es um Fragen und Antworten geht, um das Erfassen fremder Kulturen: Er ist Ethnologe, hat von der Universität einen Forschungsauftrag erhalten, in Mandlica, einer kleinen Stadt an der Südküste Siziliens, die Lebensgewohnheiten der Menschen fragend zu erfassen und entsprechende Forschungsberichte anzufertigen.

Benjamin Merz ist – gerade wegen seiner familienbedingten Behinderung – ein äußerst sensitiver Mensch geworden, mit Sinnen ausgestattet, die weit über die Normalität hinausgehen.
Zunächst s i e h t er viel mehr als normale Touristen.
Die Art und Weise, wie Ortheil seine Ankunft in Sizilien beschreibt, fasziniert. Der farbige Himmel über Sizilien, der schneebedeckte Gipfel des Ätna, während des Landeanflugs fotografiert, nehmen den Leser sofort gefangen. Von der ersten Seite an wird er, ein stiller und dennoch begeisterter Leser, die ganz erstaunliche Transformation des Benjamin Merz miterleben.

Ortheil erzählt spannend, beschreibt minutiös, fragt so, dass der andere nicht anders kann, als sich ihm total zu öffnen, und er überrascht, weil er die Antwort des anderen „ahnt“. Seine „Ahndung“ wird im Ort Tagesgespräch.

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Natürlich gibt es auch Frauen in diesem 428 Seiten umfassenden Roman: Vier an der Zahl, zwei deutsche Schwestern, die in der kleinen Stadt Mandlica hängen geblieben sind, eine viel ältere Frau, die sozusagen wichtige Weichen stellt und dann die hochbegabte Tochter des Bürgermeisters, der den professore gern als Schwiegersohn gehabt hätte.
Aber Benjamin liebt eine der Schwestern, Paula, und die Schilderung der ersten Liebesnacht, die von der jungen Frau initiiert ist, ist a n d e r s, einmalig. Alles ist anders bei Benjamin, nuancenreicher, intensiver. Man liest es atemlos, verzaubert, entzückt.

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Etwas verstörend finde ich die merkwürdige kulinarische Besessenheit des Benjamin (nein, eigentlich des Hanns-Josef Ortheil!), die nicht nur in diesem Werk einen breiten Raum einnimmt.

Wer seine Autobiographie kennt, mag sich daran erinnern, dass der kleine stumme Hanns-Josef seine ersten Worte zur Eröffnung eines abendlichen Essens machte. Vielleicht sollte man diesem Ereignis nachspüren.Was haben Sprechen und Essen miteinander zu tun?
Im Hintergrund dieser Szene gab es ja das Erscheinen der Mutter.
Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle vergegenwärtigen, dass die stillende Mutter der erste Mensch ist, der einem anderen einen Nahrungsgenuss schenkt, der mit positiven haptischen Empfindungen verbunden ist. Der Mund spielt bei der Nahrungsaufnahme UND dem späteren Sprechen eine dominierende Rolle: Essen und Sprechen, aneinander gekoppelt durch einen Lust-Gewinn.
Das ist sicher eine Erklärung dafür, dass es in den Werken Ortheils lange und exorbitante Ess-Szenen, Ess-Kultur vom Feinsten gibt.,

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„Das Kind, das nicht fragte“ lohnt, gelesen zu werden.
Das Kind, das über Jahre hinweg keine Antworten bekam, lernt, auf filigrane Weise zu fragen, so dass sich die Antworten wie von selbst einstellen.
Daraus lernt man als Leser schließlich, vielleicht sogar ein wenig unwillig, Defizite als Aufforderungen zu verstehen.
Oder poetisch ausgedrückt: Man kann sich das Licht der sizilianischen Sonne in die grauen, regennassen Herbsttage in Deutschland holen.

Edith Zeile

4 Kommentare

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Das schenke ich mir zum Geburtstag. Danke für diesen Buchtipp
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Marie, ich kann es dir schicken. Schreib mir deine Adresse per PN.
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Gerade gekauft. Danke für den Buchtipp.
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BIn gespannt, ob es dir gefällt.
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