am Schreibtisch
am SchreibtischFoto-Quelle: priv.
Hanns-Josef Ortheil, Der Stift und das Papier - Roman einer Passion, 2015

In diesem Sommer hat es mich nicht losgelassen: „Das Kind, das schreibt“ kehrt in jedem seiner Bücher zur Ursache seines 'Anders-Seins' zurück, zu seiner Ur-Wunde.
Wir, Leser dieses berühmten zeitgenössischen Autors, wissen, dass Ortheil erst mit 7 Jahren zu sprechen lernte, weil ein grausames Schicksal seine Mutter nach dem Tod von 4 Söhnen verstummen ließ. Diese besondere Stille in der Familie machte aus dem fünften Kind in dieser Familie einen Outsider der Gesellschaft.

Nach der Einschulung, gehänselt, verspottet, sogar vom Lehrer verhöhnt, verwandelt sich der Vater, ein Geodät, in einen höchst einfallsreichen Sprachlehrer.

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Diese biographischen Details sollte man wissen, um die „besondere Passion“ des Autors zu verstehen.
Schon der Titel weist auf etwas hin, was normalerweise keine Begeisterungsstürme bei normalen Menschen auslöst: Der Stift und das Papier.
Der Leser dieses Titels darf nun daraus folgern, dass Stift und Papier eine innige Verbindung eingehen werden und der Inhalt wohl etwas mit Malen und Schreiben zu tun haben wird.

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Und in der Tat, Ortheil beschreibt nun ausführlichst, und einmalig schön, mitunter auch sehr humorvoll, wie er mit seinem Vater das Schreiben gelernt hat.
Dabei fallen die zahlreichen Details auf, die nötig sind, um einen Schreibvorgang einzuleiten.
Da das Schreiben im Westerwald in der Jagdhütte des Vaters beginnt, in der absoluten Stille der Natur, erfordert es viel Phantasie, einen ähnlich stillen Ort in der Kölner Wohnung zu finden.
Schließlich wird der Abstellraum mit einem kleinen Fenster umfunktioniert, und wenn alle Stifte und Papiere und Karteikarten ihren festen Platz gefunden haben, steht der kleine siebenjährige Junge um 6 Uhr morgens auf, um eine Erzählung, eine Zusammenfassung, eine Miniatur (Papas Wunsch), eine Analyse eines Musikstücks (Mamas Wunsch) oder Reiseberichte und Reportagen zu schreiben.

Einmalig beschreibt er auch die Begegnung mit einer Klassenkameradin, die offenbar dem stillen Hanns-Josef gefallen will. Sie treffen sich „heimlich“ in einer Kirche, und als sich einmal zufällig ihre Arme berühren, stellt sich bei dem Jungen eine erste Ahnung eines ganz neuen Zaubers ein.
Aber sie ergreift schließlich doch die Flucht. Mit einem Jungen, der nur Mama und Papa in seinem Leben kennt und außer Klavierspielen und Schreiben nichts weiter kann, kommt sie nicht zurecht, kommt sie eindeutig zu kurz

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Ortheil deckt in solchen kleinen Charakterskizzen immer wieder die eigene tiefe Wunde auf, die noch lange brauchen wird, um zu vernarben.
Nach kleineren Reisen in die Umgebung, auf denen auch viel Neues gelernt und beschrieben wird, machen Vater und Sohn nach dem Abitur eine lange Schiffsreise über Griechenland nach Istanbul.
Unterwegs stellt der Vater seinem Sohn die Schicksalsfrage, was er denn nun mit seinem Leben machen wolle ... und Hanns-Josef antwortet souverän.Er entscheidet sich dafür, sich in Rom um ein Klavierstipendium am Conservatorio zu bewerben.
Dieser sehr emotionale Dialog berührt den Leser sehr.

Im Grunde sind Musik und Sprache Schwestern, sagte Richard Wagner. Im Leben von Ortheil sind es die beiden Hauptinteressen seiner Eltern, und in diesem Augenblick „gewinnt“ die Mutter.
Als er in Rom bereits als großes Talent bekannt ist, kommt es zu einer sehr schwierigen Erkrankung der Handgelenke, und damit ist der Traum, ein weltberühmter Pianist zu werden, geplatzt.

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Wir erfahren in diesem Buch nicht, wie Ortheil diese Katastrophe überwindet, aber wir wissen es aus seiner Autobiographie „Erfindung des Lebens“, „das Kind, das schreibt“ wird einmal einer der größten Schriftsteller der Gegenwart.

Was wir als Leser auf eine sehr eindringliche Weise lernen, ist, nie aufzugeben, sondern geduldig und zuversichtlich nach anderen Lösungen zu suchen.

ez

1 Kommentar

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wize.life-Nutzer
Danke,liebe Edith für die sehr gute Leseeinleitung zu diesen Roman.
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