Bodø, Kulturhauptstadt mit Fish and Ships
Bodø, Kulturhauptstadt mit Fish and ShipsFoto-Quelle: Copyright hhh
Bodø, Europas Kulturhauptstadt des Jahres 2024

ARCTICulation ist ein sperriges Wort. Es enthält eine Reihe von Begriffe, etwa arctic = arktisch, art = Kunst, Artikulation und Kommunikation, Cultivation = Kultivierung, Community = Gemeinschaft, und für die Nordnorweger kommt noch das Wort artig hinzu, das heißt lustig. Mit diesem ein anspruchsvolles Programm versprechenden Slogan bewarb sich Bodø darum, im Jahre 2024 Kulturhauptstadt Europas zu werden, und gewann. Neben Bodø bekamen noch das estnische Tartu und Bad Ischl in Österreich die begehrte Auszeichnung.

Die erste hoch im Norden

Grund genug, wenige Tage nach der feierlichen Verleihung durch eine Kommission der Europäischen Union dieser Stadt außerhalb der EU und oberhalb des Polarkreises einen Besuch abzustatten. Von Oslo aus fliegt man 90 Minuten gen Norden und landet in einer Welt, in der nicht nur Covid, Masken, Kontaktbeschränkungen und Bargeld Geschichte sind, sondern auch sonst vieles anders ist. Die Hauptstadt der Provinz Nordland ist nach Bergen im Jahr 2000 und Stavanger im Jahr 2008 die dritte Stadt Norwegens, die den Titel Kulturhauptstadt tragen wird, die erste so hoch im Norden. Obwohl sich irrt, wer meint, er hätte das mit dem Norden im geographischen Griff des eigenen Verständnisses. Der Norden ist unbegreiflich riesig. Nach Hammerfest fährt man noch einmal lockere 900 Kilometer. Und gar zum Nordpol sind es 2500 Kilometer. Nordland ist Teil von Sapmi, dem Land der Samen, das sich bis nach Schweden, Finnland und Russland erstreckt. Einige Ortsschilder sind inzwischen mehrsprachig, nachdem die Samen Jahrhunderte lang diskriminiert wurden. Die Samen sprechen fünf verschiedene Sprachen. Auf Lulesamisch heißt Bodø Bådåddjo.
Also ist das lustige Bodø kein Außenposten sondern Zentrum, nicht nur der Provinz Salten sondern einer Region, die ihr eigenes selbstbestimmtes Leben und eine lange Geschichte hat. Dieses wird wirtschaftlich bestimmt vom Fisch, vom Dorsch und vom Kabeljau, die auf Holzgerüsten, die entfernt an die Stangen von Hopfenkulturen erinnern, getrocknet werden. Bodø hat 52 000 Einwohner. Sie leben auf einer Fläche, die deutlich größer ist als die Berlins, mehr als halb so groß wie das Saarland. Da hat jeder viel Platz, vielleicht sind sie auch deswegen so freundlich zu jedem Gast.
Im Frühsommer, wenn die Fischer kommen, sind es mehr Bewohner, und seit einigen Jahren füllen auch Touristen die Betten der Hotels und privaten Unterkünfte. Ein prominenter Tourist war 1889 Kaiser Wilhelm II. Das Bergplateau Keiservarden trägt ihm zu Ehren diesen Namen, vom Gipfel hat man einen schönen Ausblick auf die Stadt, ihre Umgebung und weit im Westen die Lofoten.
Etwas weiter als nach Keiservarden, etwa 30 Straßenkilometer (Luftlinie 10 km), ist es zum Saltstraumen. Das ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Durch einen 2,5 Kilometer langen und etwa 150 Meter breiten Sund strömen im Wechsel der Gezeiten fast 400 Millionen Kubikmeter Wasser zwischen dem Saltfjord am Meer und dem Skjerstadfjord im Inland hin und her, was man vom Ufer und einer Brücke über den Sund aus beobachten kann. Der Strom erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 40 km/h, dabei entstehen gewaltige Strudel. Baden ist daher nicht zu empfehlen.
Die touristischen Reize sind wahrhaft unendlich, begrenzender Faktor ist eigentlich nur das Wetter, und auch kulturell gibt es ein Riesenangebot. Da gibt es das Stormen Konzerthaus mitten in der Stadt mit einem großen Festspielprogramm, eine Bibliothek, viele Galerien, Museen. Das wichtigste ist das Nordlandmuseum (Nordlandsmuseet), das sich in einem der ältesten Gebäude der Stadt befindet. In ihm wird die Geschichte der Provinz Nordland und der Stadt Bodø gezeigt. In der Freilichtabteilung in Bodøsjøen, etwa 3 km vom Stadtzentrum entfernt, wurden 14 historische Gebäude aus der Region Salten wiederaufgebaut, hier befindet sich auch eine Bootssammlung. Kjerringøy gamle handelssted ist ein als Freilichtmuseum erhaltener Handelsposten mit Naturhafen an der Küste.
Natürlich wird bis zum Jahre 2024 das kulturelle Angebot noch ausgebaut werden, aber es ist nicht so, dass eine kulturelle Ödnis auf Vordermann gebracht werden soll, eher ist es die Belohnung dafür, dass man so hoch im Nordland ein kulturelles Programm anbietet und damit der Auszehrung etwas entgegen stellt. Einem Ziel, dem auch die Nord Universität gewidmet ist. Sie bringt viele junge Leute in die Stadt. 2016 wurde Bodø vom norwegischen Ministerium für lokale und regionale Entwicklung mit dem Preis für nachhaltige Stadtentwicklung ausgezeichnet und zur attraktivsten Stadt Norwegens gekürt.

So hat ARCTICulation drei Zielrichtungen

So hat ARCTICulation drei Zielrichtungen, wie der Programm-Direktor Henrik Sand Dagfinrud mitteilen lässt. „Die Kunst der Natur“ aus einer „arktischen Perspektive“ zu erfahren. „Wir bringen Kunst in die Natur und umgekehrt“, „wir wollen unsere Verantwortung für die Natur artikulieren“, „und wir wollen unsere Geschichte fish and ships, Fische und Schiffe, erzählen.“
Das leuchtet ein, im Hafen von Bodø sind Fischtrawler und Anlagen zum Trocknen der Fische noch aktiv. Bodø ist zudem die Stadt der Seeadler. Entlang der fischreichen Gewässer und auf den Inseln vor der Stadt befinden sich die Brutgebiete des größten Seeadlerbestandes der Welt.
Die Natur hält zudem mindestens zwei arktische Besonderheiten parat, die Mittsommernachtssonne und das Polarlicht. Wir haben letzteres gesehen, in seinem mystischen Grün hing es in riesigen Fahnen vom Himmel. Aber man muss Glück haben, rechnen kann man damit auch im September nicht.
Natürlich hat Programm-Direktor Henrik Sand Dagfinrud die „Ambition, eine Reihe regionaler Festivals und Events zu entwickeln. Was wir im Moment haben ist gut, aber es kann noch besser werden.“ Das Gesamtbudget, das ihm zur Verfügung steht, beträgt 30 Millionen Euro, wobei die Kosten gleichmäßig zwischen Staat, Sponsoren und der Kommune aufgeteilt werden.
Deutschland sollte dabei intensiv helfen, denn ein Blick in die Geschichte zeigt, dass unsere (Groß)-Väter die Stadt bei dem Überfall auf Norwegen am 27. Mai 1940 zerbombt haben. Bodø ist die norwegische Stadt, die im Zweiten Weltkrieg am meisten zerstört wurde. Die Bewohner waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Notbaracken und Obdachlosenheimen untergebracht.
Danach war Bodø mit seinem Flughafen ein wichtiger Stützpunkt im Kalten Krieg. Davon erzählt ein Museum mit beeindruckenden Exponaten, darunter Flugzeugen wie die Spitfire, der Starfighter, die Ju 88 und das Spionageflugzeug U-2, das von Bodø aus zu seinen Einsätzen flog. Im zivilen Bereich befindet sich das das einzige noch vorhandene Wasserflugzeug Ju 52.
„Ich bin davon überzeugt, dass Bodø und die Provinz Nordland die Gelegenheit nutzen werden, um ihre kulturellen und sonstigen Beziehungen zur Europäischen Union zu stärken“, sagte Tibor Navracsics, Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, anlässlich der Auszeichnung.
Nun kann man seine Reise planen, etwa während der Polarnacht 2024, die vom 15. bis zum 29. Dezember dauert, besser während der Mitternachtssonne, die sich vom 2. Juni bis zum 10. Juli zeigt. Wir wählten dieses Jahr eine Woche Ende September, eine Reisezeit, die von Reiseführern nicht empfohlen wird, die uns aber mit den Farben des Herbstes, Sonnenschein jeden Tag und dem Aurora borealis, dem Polarlicht, belohnte.

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