Wiliam Hakvaag mit Bildern von A. Hitler
Wiliam Hakvaag mit Bildern von A. HitlerFoto-Quelle: Copyright hhh
Wiliam Hakvaag und das Museum von Svolvær

„Wenn die Ermittlungen halt so lange dauern, dann ist das eben so, das kann man verstehen, es ist ja so viel Zeit vergangen.“ Wiliam Hakvaag, der Direktor des Lofoten War Memorial Museum in Svolvær ist ein besonnener Mann. Er kommentiert die vermutlich letzten deutschen NS-Prozesse zurückhaltend. Er ist jenseits der 70, untersetzt, mit hoher Stirn, strahlenden Augen und hat sein Leben damit zugebracht, die Asservaten des 2. Weltkrieges, wie er sich in seiner Heimat, den Lofoten, einer Inselgruppe im Europäischen Nordmeer vor der Küste Norwegens, zugetragen hat, zu sammeln, zu ordnen und zu archivieren. Da kann man Wiliam Hakvaag darauf hinweisen, dass nach dem Ende des Krieges, als die Zuständigkeit von den Alliierten auf die Deutschen übertragen wurde, jahrzehntelang gar nicht ermittelt wurde, weil die Gesetze manipuliert waren und sich die Nachkriegsjustiz auf die Richter und Staatsanwälte stützte, die diesen Job auch schon für die braunen Herren erledigt hatten, dass es also erst einer langen, hitzig umkämpften Rechtsprechung und mutiger Männer bedurfte, dass heute in Itzehoe eine Sekretärin und in Brandenburg ein KZ-Wärter die wohl letzten Angeklagten dieser Zeit sind, unter denen auch seine Heimat zu leiden hatte, 96 Jahre alt sie, 100 Jahre er.

Ich rede mit Ihnen über die Menschen

„Ich rede mit Ihnen über die Menschen, die hier auf die Lofoten und nach Svolvær kamen. Ich unterscheide dabei nicht nach Gegnern und Verbündeten, nicht nach Russen, Deutschen, Engländern und Norwegern. Es waren alles arme Schweine, und alle gemeinsam haben sie diese Zeit überstehen müssen, oder sind gestorben. Ihre Hinterlassenschaft habe ich die letzten 50 Jahre gesammelt und zusammen ausgestellt, nicht gegeneinander. Denn gemeinsam war ihnen die Angst, die Einsamkeit, der Hunger und auch die Angst vor dem Tod und der Gestapo.“
Im Lofoten Krigsminnemuseum in der Fiskergata 3 in Svolvær hat eine unpolitische Gesellschaft unter der Anleitung von Wiliam Hakvaag viele Uniformen, Waffen, vor allem aber Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs gesammelt und zeigt seit dem 15. Juni 15 1996 nicht etwa nur die Aufmarschpläne und die Helden der Schlachten, sondern Weihnachtsbäume mit Kugeln, die mit dem Hakenkreuz verziert sind, die Urkunden, die verliehen wurden, nachdem sich die Soldaten in ihrer Freizeit auf Skiern ertüchtigt haben. Es sind Relikte einer Normalität, eines Alltags im Irrsinn.
Ein solches Museum wäre in Deutschland nicht möglich, meint der Reiseführer, ohne es näher zu begründen. Vielleicht weil es nicht die kleinen Gegenstände in den Vordergrund stellen würde, wie etwa Zigaretten, Kondome oder eine Mütze, die Siegfried Wolfgang Fehmer und eine Jacke, die Ernst Weiner gehörte, beide Mitarbeiter der Gestapo in Oslo. General Carl Gustav Fleischer, der Kommandeur der 6th Division, errang mit vereinten norwegischen, französischen, polnischen und britischen Truppen einen Sieg über Hitlers Truppen unter General Eduard Dietl, als Fleischer Narvik am 28 Mai 1940 zurückeroberte. Auch seine Mütze ist da, und auch die des Obersten Birger Eriksen, Verteidiger des Oscarsborg Fortress und der Mann, der die Blücher am 9. April im Oslofjord versenkte. Er war ein Sohn der Lofoten, stammte aus Sørvågen. Die Fahne des einst so stolzen Kriegsschiffes hängt an der Decke. Auch Josef Terboven, Reichskommissar für die vom Deutschen Reich besetzten norwegischen Gebiete, und viele andere Personen haben etwas zurückgelassen. Sogar Bilder, die Adolf Hitler zugeschrieben werden, hat Wiliam Hakvaag erstanden, darunter solche, auf denen Walt Disneys Zwerge abgebildet sind, und Hakvaag will uns damit erklären, dass Hitler auch eine gute Seite neben der kranken gehabt habe. In all dem Wahnsinn des Krieges den Menschen zu zeigen, das ist Hakvaags Anliegen. Das Museum verfügt zudem über eine beeindruckende Bibliothek und ein enormes Archiv an Fotos.
Zwei Greise stehen jetzt in Itzehoe und Brandenburg vor Gericht, weil sie „Rädchen in der Mordmaschine der Nazis waren“. In Norwegen, auch in Svolvær ist das Medienecho gewaltig. Und die Soldaten, die Norwegen und Dänemark ohne Kriegserklärung überfielen? Was waren sie, keine Rädchen oder nur Rädchen? Wiliam Hakvaag beantwortet diese Frage nicht.
Am 2. April 1940 gab Adolf Hitler den Startschuss für die Operation „Weserübung". Vor den Lofoten drangen 10 deutsche Kriegsschiffe in den Westfjord ein und fuhren weiter in Richtung Narvik. Die norwegischen Panzerschiffe Eidsvold und Norway wurden versenkt. Aber die Deutschen waren nicht lange Herren des Ofotfjords. Am frühen Morgen des 10. April treffen englische Seestreitkräfte ein. Das Schlachtschiff Warspite schickt die deutschen Zerstörer auf den Grund, Narviks wird zurückerobert.
Svolvær, die Stadt des Museums, wird von den Deutschen bombardiert, am 10. Juni kapituliert Norwegen, weil den Briten der französische Kriegsschauplatz wichtiger ist, der König hat das Land verlassen. Norwegen wird besetzt.
853 Norweger starben im Kampf. Ebenso viele wurden verwundet, 185 Zivilisten verloren ihr Leben, 3 700 Deutsche wurden getötet. 1 900 britische Soldaten wurden in Norwegen getötet, verletzt oder gefangen genommen, 2 500 Briten sterben beim Transport von und nach Norwegen. 500 Mann der französischen und polnischen Streitkräfte wurden getötet, verletzt oder gefangen genommen.
Wiliam Hakvaag äußert sich nicht dazu, ob es die Gerechtigkeit fordert, nun neben einer Sekretärin aus dem KZ Stutthoff auch die letzten überlebenden Soldaten des Überfalls auf Norwegen, der ein unbestreitbares Kriegsverbrechen war, vor Gericht zu stellen. Sein Thema ist der Mensch, der ein Mensch bleibt, auch wenn er eine Uniform trägt. Schuld wird in diesem Museum nicht dargestellt, vielleicht ist es darum so sehenswert.

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