Reine auf den Lofoten
Reine auf den Lofoten
Die mystische Wirklichkeit der Lofoten

Erzählungen sollen erzählt werden. Die Hoffnung ist, dass sie aktiv gebraucht, erneut erzählt werden und wieder ihr eigenes Leben leben. Ole J. Furset
Als die Fähre, die um 16:45 in Bodø am Ferjekai gestartet war, sich langsam ins offene Meer hinausschob, obwohl es ein wirklich offenes Meer nicht war, denn überall schoben sich Inseln ins Blickfeld, bis dann die Weite des Westfjords, der ja Teil des Europäischen Nordmeeres ist, einem Ozean glich, als die Sonne im Westen, zu unserer Linken, begann, das Meer und die Inseln zu vergolden, der Mond seinen Platz zu unserer Rechten einnahm. Als schließlich die Inseln der Lofoten wie ein einheitlicher Gebirgszug vor uns auftauchten, als wir, um keinen Moment zu verpassen, der Kälte und dem Wind hinter der Reling trotzten und auf die Sessel in der VIP-Lounge, die jedem offenstand, verzichteten. Als wir nicht mehr fotografierten, weil wir zu ergriffen waren von den Bildern vor unseren Augen. Da wussten wir, dass wir alles richtig gemacht hatten bei dieser Reise in den Norden.

Man zahlt mit Karte

Naja, fast alles. Ein Fehler war es, denen zu folgen, die gesagt hatten, man müsse auch in Norwegen Bargeld dabei haben, zur Sicherheit. Nein, auch in dem Klohäuschen in der hintersten Ecke der Lofoten zahlt man mit Karte, nicht mit der EC-Karte, sondern der Kreditkarte. Es kostet 10 norwegische Kronen (nko), das entspricht etwa 1 Euro. Vermutlich wird, wer keine Kreditkarte bereit hat, mit 600 nko bestraft, so wie Parksünder. Auf einem Hinterhofplatz stellten wir in Svolvaer das Auto ab, um in ein Museum zu gehen. Strafe 600 nko. Mit den tausend Augen des Doktor Mabuse müssen die Wächter durch die Straßen schleichen, den Mann, der uns ertappte, habe ich noch gesehen, er zeigte das heimliche Grinsen der Draugr aus der Tiefe des Meeres. Sonst läuft da ja keiner rum, bei den 24 000 Einwohnern, die sich auf die Fläche von 1227 Quadratkilometer verteilen. Nun gut, mein Fehler, hätte mich mit dem Internet-gestützten System der Parkraumbewirtschaftung in Svolvaer halt vertraut machen müssen. War ja zudem nicht das erste Mal, dass ich in die Parkverbots-Falle der Norweger getappt bin. Gestutzt hatte ich, dass die Fähre von Bodø nach Meskenes für Fußgänger umsonst sein sollte. Umsonst in Norwegen? War aber so, wir waren frühzeitig am Pier, wurden namentlich registriert und durften an Bord wie alle anderen auch, die die Fähre nutzen wollten. Verräterisch preiswert sind in Norwegen auch die Anreise mit der Air Norwegian und die Unterkünfte, als wollte man die Kreditkarten-Träger ins Land locken, um sie dort in der Gastronomie, auf Parkplätzen und vor Toiletten in die Privatinsolvenz zu buchen. Das ist aber eine unfaire Vermutung, der Lebensstandard ist einfach höher, und viele Touristen, vor allem Deutsche, kommen mit dem Wohnwagen, den sie bis zum Rand mit Spirituosen gefüllt haben, natürlich zur Selbstversorgung. Dass das Benzin pro Liter über 1,70 Euro kostet, wird da nicht wirklich in die Rechnung einbezogen.
Wir hatten den Tag bis zur Abfahrt der Fähre genutzt, um Bodø zu besuchen, das 2024 Kulturhauptstadt Europas sein wird , (darüber gibt es einen eigenen Artikel) und um zu den Strudeln des Saltstraumen zu fahren. Von einer Brücke und den Ufern aus kann man bewundern, wie sich in den Fjorden Ebbe und Flut mit ihren Wassermassen drängeln und den stärkste Gezeitenstrom der Welt hervorrufen, je nachdem, zu welchem Zeitpunkt der Tide man kommt.

Angst, ein Draugr könnte uns rauben

Am Tag der Ankunft hatten wir von dem Roof-Top-Bar im 13. Stock des Radisson blu von Bodø ein 10-Euro-Bier und den dramatischen 380-Grad-Blick über Norge-Nord genossen. Ein gutes Investment.
So steuerten wir nun zufrieden mit uns und dem Wetter den bereits im Dunklen liegenden Hafen von Meskenes auf den Lofoten an, wo direkt neben der Pier, wo die Reifen der Autos wieder mit dem blechernen Scheppern der Aufleger festen Boden greifen, ein Taxi auf uns wartete. Das hatte der Wirt des Lofoten Rorbuhotell in Sørvågen für uns bestellt. Wir hatten mit sämtlichen Wirten auf den Lofoten ständigen Internet-Kontakt. Sie hatten wohl Angst, wir könnten in irgendeinen Fjord stürzen und weil keiner da ist, würde uns keiner finden oder ein Draugr könnte uns rauben. Oder sie wollten den Besuchern aus dem ach so fortschrittlichen Deutschland zeigen, dass das Internet auch dort funktionieren kann, wo sich keine Menschen ballen. Sonst könnte ja auch keiner die Klohäuschen bezahlen.
Das Rorbuhotell in Sørvågen besteht aus kleinen, neben einander gestellten roten Häuschen, Cabin 11 bis 20, die eine Terrasse gemeinsam haben, von der aus man auf den Fjord und die gegenüber liegenden Berge, die steil vom Ufer in die Höhe schießen, schauen kann. Alle Norweger, mit denen wir es zu tun hatten, waren hilfsbereit und freundlich, sprachen ein passables Englisch und waren – dank Internet – ständig erreichbar. Das Taxi brachte uns am nächsten Morgen zur Übergabestelle des Mietwagens, den wir in Harstad zurückgaben.
Da ich diese Fahrt genauso wiederholen würde, statt im Herbst vielleicht im Frühjahr, um den Schnee auf den Bergen zu erleben, sei geschildert, dass wir erst nach Å i Lofoten, den südlichsten Ort der Inselgruppe, fuhren, dann nach Reine. Dieser Ort im Licht des Herbstes, mit seinen roten Häuschen, den sich aus den Fjorden in die Höhe katapultierenden Bergen, dem blauen Wasser des Meeres und den verspielt darin schwimmenden Schären wird gerne mit anderen Orten verglichen, um damit seine Einzigartigkeit zu unterstreichen. Aber alle Bezüge gehen fehl. Sich in Demut auf einen Felsen oder eine Bank hocken und nur schauen, das hielten wir für angemessen. Nur aufnehmen, was man mit den Augen sieht, selbst das Fotografieren erschien anmaßend.

Was macht Schönheit aus?

Man kann sagen, die 80 Inseln der Lofoten seien die schönste Inselgruppe der Welt. Mag sein, aber was macht Schönheit aus? Wo bleiben da die Faraglioni Capris? Wo das Kap Sounion? Ein für alle Mal und bis zum Ende der Reise haben wir uns vorgenommen: nicht vergleichen, nicht die Einzigartigkeit durch Vergleiche relativieren!
Ramberg an der Nordostseite der Insel Flakstadøya lockte durch seine weißen Sandstrände, in die schwarze Felsen gewürfelt sind, und hier zum offenen europäischen Nordmeer hin erwarteten wir stärkeren Seegang. Darauf, auf Wind und Wellen, warteten unweit von Ramberg auch Surfer im Lofoten Beach Camp, das in einer modernen Holzkonstruktion mit einem zum Boden reichenden Faltdach untergebracht ist. Das Wetter blieb aber zum Verdruss der Surfer freundlich, auch als wir nach Nusfjord kamen, um in den Lofoten Cottages zu übernachten, in einem der Rorbuer, in denen früher Fischer untergebracht waren. Einen idyllischen Fleck als hier zwischen den 28 roten und gelben Häusern kann man nicht finden. Die Gebäude stammen zumeist aus dem 19. Jahrhundert, in dieses Ensemble darf mit dem Auto nur, wer zahlt. Im Sommer soll dies den Touristenströmen wehren, wir waren dort Ende September alleine auf der Straße. Nur in den Wirtshäusern saßen Menschen. Wir besuchten das Karoline, ein edles Fischlokal, welches das Ambiente des Storbrygga, des Ladens für getrockneten Fisch, in veredelter Form aufgenommen hat. Damit uns die Preise nicht überwältigten, waren wir vorher im Oriano Kro, einem italienischen Lokal, um den größten Hunger und Durst zu stillen. Unser rotes Cottage stand auf Holzpfählen im Wasser und bot jeden Komfort.
Einer der freundlichen Norwegen meinte, wir sollten nachts nach Myrland fahren, da könnte man das Nordlicht am besten sehen. Verständlich, Aurora borealis treibt jeden hinaus, der es noch nicht gesehen hat. Wir kannten es bereits, und die Straßen der Lofoten, vor allem, wenn es sich nicht um die E 10 handelt, sind nichts, was man bei Dunkelheit braucht. Also fuhren wir am nächsten Morgen dorthin. Es gibt viele Ortschaften auf den Lofoten, wo Straßen und Wege ihr Ende finden, einige sind unbewohnt, werden aber trotzdem gepflegt, damit sie nicht zu Ruinen werden. Myrland liegt eine halbe Stunde von Nusfjord entfernt an der Nordseite von Flakstadøya. Dort war kein Mensch, ein paar Krähen wollten uns etwas erzählen, was wir nicht verstanden haben, vermutlich warum nur sie dort sind und keine Möwen, oder wollten uns vor einem Draugr warnen, der sich versteckt hatte. Der Herbst jedenfalls hatte alle Ruhe, sich über die Hänge der Berge, die Gärten und Wege bis zum Wasser zu verbreiten. Polarlicht ist tagsüber natürlich nicht zu sehen.

Wege zu einem neuen Narrativ

Von dort ging es 25 Kilometer nordost nach Borg, ins Wikinger – Museum. Hier wird zum einen den Männern aus dem Norden das Wilde und Kriegerische genommen, indem in einem ausgegrabenen und restaurierten Langhaus ihr friedliches Alltagsleben nachgestellt wird, hier wird zum anderen für die zahlreichen Schulklassen, die eine ganze Woche bleiben, der Weg geöffnet zu einem Narrativ ihrer eigenen Vergangenheit. Es wird geschätzt, dass im 2. Jahrhundert 115 Höfe mit 1 800 Bewohnern in Borg zu finden waren. 2 Kilometer weiter gibt es Wikingerboote zu sehen, die im Sommer auch in See stechen.
Henningsvær, weitere 47 Kilometer über Brücken und an Bergen und Fjorden vorbei gen Osten, war auch ein Tipp eines Einheimischen. Es blickt gen Süden ziemlich genau Richtung Bodø, wobei ohne Karte die Orientierung angesichts dieser Vielfalt an Inseln und Fjorden unmöglich ist. Aber es ist sowieso sinnvoller, sich in dieser Schönheit einfach zu verlieren, nur schauen und atmen, nicht kalkulieren, wo was sein könnte.
Wen es interessiert: Henningsvær nennt sich „Venedig des Nordens“, ist im Winter Zentrum der Dorschfischerei und eine Kaviarfabrik hat es auch. Das ist allerdings eine Gemäldegalerie. Am Faszinierenden sind jedoch nicht die Brücken, nicht der Fisch, nicht die Bilder, sondern der ungestörte Blick auf Inseln und Meer.
Wir übernachteten in Svolvaer im Modern Apartment, der Vermieter ein Stockwerk höher. Da es etwas außerhalb des Zentrums lag, erlebten wir das mystische Polarlicht in waberndem Grün. Svolvær ist mit 4 000 Einwohnern die größte Stadt auf den Lofoten, Hauptort der Vågan-Kommune, die den auf einer Fläche von 479 qkm lebenden 9 670 Einwohnern reichlich Platz bietet. Von hier aus starten Bootstouren zu Orca-Safaris oder in den Trollfjord. Wir besuchten William Hakvaag und sein Lofoten War Memorial Museum, ihm ist ein eigener Artikel gewidmet. Im Styrhuset Pub, einer „Institution“ in Svolvær gab es Pizza mit Schinken, „Skinke“, für 17 Euro, das Lofotpils (0,4) für 10 Euro. Die Kreditkarte zeigte keine Anzeichen von Schmerzen.
Im Møysalen- Nationalpark haben wir bereits die Lofoten zugunsten von Vesterålen verlassen. Die Landschaft ist spektakulär, Laubbäume, die ihr buntes Herbstkleid angelegt hatten, der Berg Møysalen, immerhin 1 262 Meter hoch, Felswände deren Lavafluss in Zeichnungen erstarrt ist, dazwischen immer wieder blaue Fjorde. Es ist ein Paradies, das einem gebietet, anzuhalten und nur zu schauen, auf Hinnøya, Norwegens größter Insel. Wir meinten, einen Elch getroffen zu haben, es kann allerdings auch ein Hirsch oder ein Rentier gewesen sein. Es gibt sogar einen Weg über den Møysalen, wir haben darauf verzichtet, ihn zu begehen. Es gibt dort Adler.
Zur Übernachtung waren wir in Harstad im Brygga Gjestehus gebucht, dort erwartete uns Hassan Sarkani, ein Flüchtling aus dem Iran, dessen Frau von den angeblich gottesfürchtigen Machthabern umgebracht wurde. Mit dem zweijährigen Sohn gelangte er ans andere Ende der Welt, nach Harstad an den Andfjord, wo er sich ein neues Leben aufbaute. Zurück kann und will er nicht, aber die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat schmerzt ihn manchmal doch. Er schenkte mir ein Buch, „vom Dröhnen im Gebirge und Getöse im Meer“ von Ole J. Furset, das es nur im Sør-Troms-Museum zu kaufen gibt. Beim Blättern entdecke ich Bilder, Personen und Landschaften, die mich an das Polarlicht von Svolvær erinnern. Zum Lesen komme ich auf der Fähre nach Tromsø, dem Endpunkt unserer Reise und Gegenstand eines eigenen Artikels, nicht, da belegt mich die Wirklichkeit mit Beschlag.

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