Wo sitzt die oft beschworene "Gürtellinie"?
Wo sitzt die oft beschworene "Gürtellinie"?Foto-Quelle: ©geralt by pixaby
Wo sitzt die oft beschworene "Gürtellinie"?

Wilfried Schmickler hat den Bayerischen Kabarettpreis 2021 gewonnen. Seine Rede zum Anlass: Mal wieder pointiert, wie gehabt, aber weniger polternd, als man es von ihm gewohnt ist.
Ich habe mir die Mühe gemacht, sie zu transkribieren bzw. eine Niederschrift anzufertigen: Das Auge "hört" bei vielen besser als das Ohr -- mir geht es so.
Lest doch mal rein! Aber erschreckt nicht, wenn Ihr Euch wiedererkennt. --

"Liebe Gläubige, liebe Scheinheilige, liebe Ungläubige, hochgeschätzte Zweifelnde, bedauernswerte Irrende, sehr verehrte Hadernde, Schwankende und Zögernde! Geliebte!
Geliebte Gutmenschen – ooh – Entschuldigung, ich wollte Sie nicht beleidigen.
Die Bezeichnung „Gutmensch“ gehört ja heutzutage zu den übelsten Beschimpfungen, die sich ein engagierter Mensch gefallen lassen muss.
Denn Gutmenschen sind angeblich nicht nur naiv, dumm und weltfremd, sie haben seinerzeit bei der Moralverteilung im Himmel auch mehrmals “Hier!“ gerufen und halten sich deshalb für Bessermenschen.
Aber gegen die Diktatur dieser Gutmenschen formiert sich Widerstand:
Der Aufstand der Tollwut-Bürger, die sich nicht länger den Mund verbieten lassen von den rotgrün versifften Verkündern der Sprech- und Denkverbote.
Und also krakeelte Alice Weidel im Deutschen Bundestag „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte!“ Und dann folgt der Satz, der immer folgt,wenn jemand das Unaussprechliche artikuliert: „Ja, das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“
Also all das, was keiner sagt, obwohl es alle sagen würden, wenn sie sagen könnten, was sie sagen wollten, was sie aber nicht sagen dürfen, weil sie dann gleich in eine bestimmte Ecke gestellt werden.
Und dann wird sie wieder erzählt, die große, die Horrorgeschichte, von den politisch korrekten linken Kulturterroristen, die in Deutschland eine Meinungsdiktatur errichtet haben, in der alle die tapferen Widerstandskämpfer gegen diese Diktatur geschmäht, geächtet und verfolgt werden.
Dabei geht es diesen Kämpfern doch nur um die Verteidigung der Meinungsfreiheit, und diese Freiheit ist bekanntlich grenzenlos.
Sind sie der Meinung, alle Politiker sind korrupte Verbrecher, verlogene Volksverräter?
Dann seien Sie so frei!
Rein in die Jauchegruben, und Gülle Marsch!
Und dann treiben Sie das ganze Pack, mit Scheiße besudelt, als komische Schießbudenfiguren durch die Internetplattformen.
Oder sind Sie der Meinung, dass der Holocaust endgültig verjährt ist?
Und dass gerade die Deutschen ihre Zurückhaltung gegenüber Israel endlich aufgeben sollten?
Was zögern Sie noch?
Setzen Sie sich eine Papp-Hakennase ins Gesicht, spannen Stacheldraht auf die Gitarre und dann schrappschrappschrapp ein lustiges Lied über die jüdische Weltverschwörung.
Oder sind Sie der Meinung, der Islam sei der neue Faschismus? Und der Koran nur eine Wichsvorlage für menschenverachtende Gotteskrieger?
Tun Sie sich keinen falschen Zwang an!
Nehmen Sie einen Bleistift, rammen Sie ihn ungespitzt mitten hinein in das Herz des Propheten, erklären Sie das Ganze zur satirischen Skulptur und stellen diese als schräge Vogelscheuche vor die nächste Moschee in Ihrer Nachbarschaft.
Respekt?
Ist etwas für Schwanzeinkneifer, Geschmack kennt keine Grenzen, und die Gürtellinie ist nur eine Erfindung der impotenten Saubermänner und dieser frustrierten Betschwestern.
„Applaus, Applaus! Die Sau muss raus!“
Wissen Sie, meine Damen und Herren, seit über 50 Jahren muss ich jetzt mit anhören, was in Deutschland angeblich alles nicht gesagt werden darf, und ich sage Ihnen, noch nie standen die Tore des Sagbaren so offen und weit wie heute!
Seit es möglich ist, im Internet, in den Dunkelkammern der Anonymität, die erbärmlichsten Unsäglichkeiten zu posten und zu twittern, wird die Öffentlichkeit geflutet mit widerwärtigstem Gedankenauswurf und sprachgewordenen Gewaltfantasien.
Und wenn angesichts dieser beängstigenden Entgrenzung des Sagbaren besorgte Menschen davor warnen, dass die Verrohung der Sprache zu jener logischen Konsequenz führt, in der sich „Wort“ auf „Mord“ reimt, dann werden sie denunziert als Sprachpolizisten und Meinungsdiktatoren.
Was, zum Teufel, ist dagegen einzuwenden, die Sprache so zu pflegen, dass sie der Unantastbarkeit der Menschenwürde Ausdruck verleiht?
Was ist daran falsch, den ideologischen Müll der Vergangenheit sprachlich zu entsorgen und durch
eine vorurteils- und klischeefreie, moderne Form des privaten und öffentlichen Sprechens zu ersetzen?

Zurzeit vergeht ja kein Tag, an dem nicht irgendwer irgendwo lauthals lamentiert über das Sagen-wollen, das Nicht-sagendürfen und das Sagen-müssen.
In den Talkshows, in den Kabarettsendungen und in den Zeitungsinterviews, überall stehen die sich künstlich Aufregenden auf ihren selbstgebastelten Barrikädchen und beklagen, dass sie nicht sagen können, was sie wollen.
Und was machen sie dann?
Genau: Sie sagen, was sie wollen.
Und was wollen sie sagen? Na ja, auf jeden Fall was total Provozierendes.
Und warum wollen sie das sagen?
Na, ist doch klar: Um ein Tabu zu brechen!
Buhuuu, buhuu, sie brechen ein Tabu!

Mensch, Leute!
Wir haben doch wirklich Probleme genug! Wir werden alt, wir werden krank, unsere Wohnungen werden unbezahlbar. Wir ersaufen im Müll, Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Hunger, wir befinden uns in Händen von skrupellosen Wirtschaftsverbrechern, die diesen Planeten plündern.
Ja, da müssen wir uns doch nicht auch noch im ganz normalen Alltag gegenseitig das Leben schwer machen, indem wir jeden Anstand und jeden Respekt voreinander verlieren!
In diesem Sinne:
Machen Sie Schluckübungen, bevor Sie sauer aufstoßen, gehen Sie in sich, bevor Sie aus sich raus gehen, erinnern Sie sich an Ihre Träume, bevor Sie sie vergessen, seien Sie achtsam, seien Sie respektvoll, seien Sie tolerant.
Bleiben Sie bei der Wahrheit, bleiben Sie edel, bleiben Sie hilfreich, bleiben Sie gut.
Und denken Sie immer daran: Auch der Hass auf die Niedrigkeit verzerrt die Züge.
Ich danke Ihnen."

26 Kommentare

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Großartig!
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Danke fürs Einstellen liebe Polly
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Das zum Thema Turbolesen.....
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Ichnixgäsähn, ich Hase.
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schmickler ist einfach klassse.......er bringt es schnörkellos auf den punkt.......super....
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Aus tiefstem Herzen ein !
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Ja, nicht wahr?
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Er spricht mir aus dem Herzen!
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der haut immer Sachen raus - wow
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So sinn die Rheinländer ebent....
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Sprang mir direkt ins Auge .
Auszug :
"' Seit es möglich ist, im Internet, in den Dunkelkammern der Anonymität,
die erbärmlichsten Unsäglichkeiten zu posten und zu twittern,
wird die Öffentlichkeit geflutet mit widerwärtigstem Gedankenauswurf
und sprachgewordenen Gewaltfantasien.
Und wenn angesichts dieser beängstigenden Entgrenzung des Sagbaren
besorgte Menschen davor warnen,
dass die Verrohung der Sprache zu jener logischen Konsequenz führt,
in der sich „Wort“ auf „Mord“ reimt, dann werden sie denunziert als Sprachpolizisten und Meinungsdiktatoren. "'
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Aber sowas von!
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