Mundraub?
Mundraub?
Mundraub?

Mundraub?
Ärgerlich. Wir wollten in Husum am 18.32Uhr (Sonntag) umsteigen, von Kiel kommend nach Westerland. Wie oft kommt etwas dazwischen. Diese Mal kam der Zug pünktlich, aber verweigerte das Einsteigen. Ich sah eine Zugbegleiterin aussteigt. Ob sie wohl schnell wegläuft, wie üblich die Zugbegleiter*innen? Sie befürchten ja, dass sie wie oft geschimpft werden. Nein! Sie blieb stehen und bemüht sich, die Panne zu erläutern: „Der Rechner im ersten Wagen ist kaputt“. Ich – etwas zu laut: „ICH GLAUBE das NICHT!“
Sie blieb ihre Contenance: „Ich verstehen, dass Sie ärgerlich sind. Aber wir dürfen nicht weiterfahren, denn der Rechner bringt vielleicht fatale Probleme. Und ….“ Sie erläutert weiter, dass ich zufrieden bin. Es ist selten, dass ein Begleiter*in sich solche Mühe macht. Deshalb fragte ich, ob sie ihr wunderschönes, langes, blondes Haar etwas nach links wenden kann, damit ich ihre Namen sehen kann. Sie machte das. Ich: „Danke Frau Stange*. Sie haben uns die Erklärungen sehr gut gefallen. Wo kann ich Sie loben?“ Endlich überall zustimmende Lachen.
Das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Aber solche Wunder gibt es immer seltenen.

Wir mussten mehr als eine Stunde warten. Und kalt ist das auch. Also gingen wir in die nicht so kalte Bahnhofseingangshalle in der Hoffnung, dass das Bistro noch offen ist. Wieder ärgerlich, aber verständlich. Aber der Buchladen daneben war noch bis 19.00Uhr offen. Zwar kein Abendessen, aber mit Eis in der Hand konnten wir uns etwas gelassen auf die Draht-Bank niederlassen.
Neben uns setzte sich ein Paar dazu. Sie ärgerlich und er im verwahrlosten Zustand mit Haaren, die so manche Rapper neidischen machen würden. Ein Auge konnte ich sehen: das sieht doch wach aus!?
Sie: „Du musst dich entschuldigen bei ihr! Sie ist doch auch meine Freundin“.
Er: „Wie?“
„Du musst hin gehen und die Tür (die Tür zum Laden) öffnen. Aber nicht reingehen! Und deine Entschuldigung laut sagen! Du hat ein Buch geklaut! Das geht nicht!“
Er zögerte, aber schließlich humpelte er zum Laden und tat, wie ihm befohlen war.
Ich sah die Frau fragend an. Sie erzählte, dass er in den Laden gegangen und tatsachlich ein Buch gegriffen und damit, ohne zu bezahlen, wieder rausgegangen war. Dabei hatte die Verkäuferin ihn ertappt und das Buch wieder zurückgestellt.
Erst wurde ich neugierig: „Welches Buch war es denn?“
Er: „Ganz blau und in der Mitte etwas wie eine Rose. Geschrieben von Minette Walters! Genau das Buch fehlt noch! Sie beschreibt die Zustände im 14.Jahrhundert, Pest und die Rolle der Kirche und wie die Versorgung der Bevölkerung immer schwieriger wurde und …..“. Er konnte sich kaum bremsen. Ich: „Ach, weil heute Reformationstag ist?“ Er: „Nein. Das ist Zufall. Die Pest war früher. Deshalb ist es jetzt wichtig zu lesen!“
Er hatte mehr von dieser Autorin gelesen.
Sie: „Er liest immer. Und hier wartet er, bis die Bahnhofsmission nebenan öffnet. Ab 19.30Uhr kann er ein Bett kriegen. Er ist Obdachloser.“
Ich ging in den Laden und bat die Verkäuferin, mir die Stelle zu zeigen, wohin sie das Buch zurückgelegt hatte. Da war es, blau und dick, einfacher Einband. 12,20€. Ich bezahlte und gab es ihm. So viel Dankbarkeit habe ich schon lange nicht bekommen. Er kramte aus dem Mantel ein Buch hervor und er bot es mir an, als Dank. Das Buch war wohl mehrfach gelesen, zerfleddert, abgegriffen. Ein Walters-Buch! Ich lehnte dankend ab: „Ich habe so viele noch nicht gelesene Bücher, die erst darankommen.“ Und mir rutsche raus: „Ich muss vier Abonnements lesen!“
Plötzlich hatte ich mich geschämt.

War es wie Mundraub? Wissensdurst löschen! Vor dem Verdursten gerettet?
Ich weiß es nicht. Aber „Minette Walters“ werde ich mal lesen.
WZ 1.11.21

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