Wie sich ein Leben auf Sparflamme anfühlt
Wie sich ein Leben auf Sparflamme anfühlt
Wie sich ein Leben auf Sparflamme anfühltFoto-Quelle: © Printemps - www.Fotolia.com

Immer mehr ältere Menschen sind mittlerweile auf Angebote der Tafeln und Suppenküchen angewiesen


Sie haben oft ein Leben lang gearbeitet, bekommen aber nur eine kleine Rente: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ende 2012 waren knapp 465.000 Personen über 65 Jahre auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Viele dieser Menschen sind gezwungen, zur Tafel und zur Suppenküche zu gehen, um über die Runden zu kommen.

Die Schlange vor der Kirchentür reißt nicht ab. Alte und Junge, Männer und Frauen warten darauf, dass sie an der Reihe sind. Alle haben leere Einkaufstüten in der Hand. Wer aus der Kirche kommt, trägt einen vollen Beutel mit Obst, Brot und Kartoffeln. Drinnen geht es zu wie in einer kleinen Markthalle. „Noch ein paar Äpfel?“, fragt ein Mann in rotem Sweatshirt mit der Aufschrift „Laib und Seele“. Die ältere Frau nickt und verstaut die Früchte schnell in ihrer Einkaufstüte. Sie nimmt gern, was sie heute für den Obolus von einem Euro bekommt. Genau wie die anderen Menschen, die wöchentlich zur Tafel in die Advent-Zachäus-Kirche in Berlin kommen. Sie sind auf dieses Angebot angewiesen, weil ihr mageres Einkommen oder ihre kleine Rente nicht zum Leben reichen.

Soziale Ausgrenzung

Laut Bundesverband Deutscher Tafeln ist der Anteil der über 65-jährigen Tafel-Nutzer seit 2007 von zwölf auf aktuell 17 Prozent gestiegen. Insgesamt nutzen 1,5 Millionen Menschen bundesweit die Angebote der Tafeln, von denen es rund 900 gibt. Die Berliner Tafel war Anfang der 1990er-Jahre bundesweit die erste Einrichtung ihrer Art. „Es steht schwarz auf weiß fest, dass Armut in Deutschland ein drängendes Problem ist und nicht mehr wegdiskutiert werden darf. Armut führt auch zu sozialer Ausgrenzung. Das kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Deshalb muss die Vermeidung und Bekämpfung von Armut ganz nach oben auf die politische Tagesordnung der neuen Bundesregierung“, mahnt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, anlässlich aktueller Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Demnach war fast jeder fünfte Einwohner in Deutschland 2012 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das sind rund 16 Millionen Menschen oder 19,6 Prozent der Bevölkerung. Wie sich Armut anfühlt, das wissen Betroffene nur zu gut. „In den Supermarkt gehen und kaufen, worauf ich gerade Lust habe, das ist für mich nicht machbar“, sagt Gisela Hielscher. Die 78-Jährige kommt seit vielen Jahren regelmäßig zur Tafel in die Berliner Advent-Zachäus-Kirche. Was sie ohne dieses Angebot machen würde? Die Rentnerin, die nach 40 Arbeitsjahren von weniger als 500 Euro Rente leben muss, zuckt mit den Schultern. „Am Monatsende bleibt kein Geld übrig. Pro Tag habe ich fünf Euro zur Verfügung. Woran soll ich also sparen?“, fragt die Berlinerin, die viele Jahre als mithelfende Ehefrau in der Schneiderei ihres Mannes gearbeitet hat. Die Angst vor Altersarmut treibt auch Regine Becker um. Die 61-Jährige ist arbeitslos und lebt von Hartz IV. Dass sie in ihrem Alter noch einmal eine Anstellung findet, glaubt sie mittlerweile nicht mehr. „Als Rentnerin werde ich Grundsicherung beantragen müssen“, ist sie sich sicher.

Eine warme Mahlzeit

Eine Schlange wie bei der Tafel bildet sich jeden Tag auch in der Suppenküche des Franziskanerklosters in Berlin-Pankow. Eva-Maria S.* hat sich eingereiht und wartet geduldig. Die Suppe ist für die 53-Jährige meist die einzige warme Mahlzeit am Tag. Eva-Maria S. ist krank, bezieht seit drei Jahren Erwerbsminderungsrente. „Ich muss an allen Ecken und Enden sparen“, sagt die Berlinerin. Vor allem die Energiekosten und der Rundfunkbeitrag seien eine große finanzielle Belastung. Wenn sie jeden Tag selbst kochen würde, könnte sie die Stromrechnung nicht bezahlen. „Am Monatsende esse ich oft tagelang nur Butterbrote“, sagt sie und schaut zu Boden. Dass sie arm ist, empfinde sie als Bestrafung, denn sie könne ja nichts dafür, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann.

Im Franziskanerkloster gibt es heute Linsensuppe. Rund 250 Portionen teilen die ehrenamtlichen Helfer aus, und das Tag für Tag. Horst P.* löffelt und genießt. „Das war wieder lecker“, sagt der 77- Jährige. Auch er muss mit seiner kranken Frau von einer kleinen Rente leben. „Ich muss auf alles verzichten, das für andere selbstverständlich ist“, sagt der gelernte Bäcker. Mal ins Kino gehen oder in ein Café – eigentlich keine großen Wünsche – sind für ihn nicht drin. „Die Politiker haben uns eben vergessen“, meint sein Nachbar Klaus G.*. Da sei es ein Segen, dass es noch Angebote wie die Suppenküche gibt. (Ines Klut)

* Name von der Redaktion geändert

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2 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Nicht aufregen.Das Geld wird doch viel wichtiger für Kriegsspiele in Mali gebraucht.Gut die Lebensmittelproduktion der Welt könnte die Menschheit komplett zwei mal ernähren.Aber das geht ja nicht.Dann müsste man ja vordergründig Krieg spielen um die Rohstoffresourcen.Na und das wäre ja...................
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wize.life-Nutzer
Mich macht das alles unheimlich betroffen u. nachdenklich ......... Versuche eben privat u. ehrenamtlich zu helfen.
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