Hoimar von Ditfurth in "Querschnitt"
Hoimar von Ditfurth in "Querschnitt"Foto-Quelle: ZDF
Evolution und Schöpfung -/- Diesseits und Jenseits

Hier mal einige Gedanken zu einem Thema, dass bei SB gelegentlich interessiert diskutiert wird. Ein Thema, dass Religion und Naturwissenschaft zumindest nicht grundsätzlich gegeneinander argumentieren lässt, wie es heute leider oft anzutreffen ist. Es ist einfach ein unverbindliches Denkangebot, ohne Anspruch auf Zustimmung ... eben nur für Interessierte ...

Aus Evangelische Kommentare, Heft 3 1989

Zum Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und Theologie:

Ditfurth: Ein Defizit gibt es auf beiden Seiten. Ich werde von manchen meiner Kollegen wegen meiner religiösen Interessen (nachsichtig) belächelt. Ein entscheidendes Defizit erkenne ich freilich auf der Seite der Theologen. Viele behaupten nämlich immer noch, man könne, wenn man die Evolution für wahr hält, die Welt nicht mehr als göttliche Schöpfung wahrnehmen, sondern nur noch als ein Produkt des Zufalls. Das ist Unsinn.
Was die Leute, die sich gegen den Zufall wehren, übersehen, ist die Tatsache: Ohne den Zufall wäre das Ganze eine sinnleere Maschine. Zufall und Notwendigkeit müssen zusammenwirken. Der Zufall ist nicht nur, wie die religiösen Kritiker sagen, ein Synonym für Chaos, für das Durcheinander, das Fehlen von Ordnung, für ein Maximum an Entropie; sondern eine Beimengung von Zufall ist - wie das Salz in der Suppe - notwendig, damit überhaupt Freiheitsräume entstehen können, damit sich etwas verändern kann. Verantwortung, liebende Zuwendung, Wahrnehmung des Ganzen - das alles wäre ohne diesen Freiheitsraum, in einer durchdeterminierten Welt, überhaupt nicht denkbar.

Ditfurth lehnt den Kreationismus ( Gott hat die Arten eigens geschaffen; es gibt keine Übergänge) als <bejammernswert törichte Lehre> ab, weil hier Gott als Lückenbüßer missbraucht wird für das, was die Naturwissenschaften noch nicht erklären können. Das was sich erklären läßt, hätte demnach weniger mit Gott zu tun. Er gesteht aber den Menschen ein <metaphysisch religiöses Bedürfnis> zu, dessen Berechtigung von der Naturwissenschaft bestätigt werde.

Ditfurth: Je mehr ich mich in die Kosmologie oder in die Mikrophysik einarbeite, desto mehr werde ich mit der Nase darauf gestoßen, daß diese materielle Welt gar nicht im klassischen Sinne materialistisch zu deuten ist, daß sie vielmehr ein unerschöpfliches Geheimnis darstellt. Dadurch wird meine Bereitschaft bestärkt, davon auszugehen, daß diese Welt nicht das letzte Wort ist. Aber das genügt uns Menschen nicht. Wir wollen etwas hören über Gott, über die Ordnungsmacht, die das Ganze lenkt, und über unsere persönliche Beziehung zu dieser Ordnungsmacht.

Ditfurth lehnt den Glauben an eine personale Gottheit ab, vertritt als Naturwissenschaftler jedoch die Ansicht, dass das <Setzen dieser Spielregeln am Anfang (des Universums)> kein Zufall sei.
Kommentare: Und in diesem Zusammenhang wären sie als Wissenschaftler in der Lage, von einer Schöpfung zu sprechen?

Ditfurth: Ohne jede Einschränkung. Irgendein Wille muß die Welt gewollt und diese Spielregeln erdacht und festgelegt haben. Aber <jemand> ist schon wieder personal gedacht und insofern ein fragwürdiger Begriff.

Ditfurth zufolge wird sich die Tendenz der Materie, sich zu immer komplexeren Systemen zu organisieren, fortsetzen und sie wird die Fähigkeit aufbringen, <sich mit diesem Geist zu vermählen>. Da auch der Mensch sich weiter entwickeln wird, sind die gegenwärtig lebenden Menschen die <Neanderthaler der Zukunft>.

Ditfurth: Denn wir sind ja noch nicht das, was wir meinen, wenn wir vom Menschen reden. Ein Mensch würde nicht unmenschlich handeln - und das tun wir fortwährend.
Im Mittelpunkt aller Überlegungen, die sich aus dieser anderen Perspektive anbieten, scheint mir heute die Möglichkeit zu stehen, die Evolution als den Augenblick der Schöpfung zu begreifen. Das ist ganz wortwörtlich gemeint. Ich halte es für sinnvoll, ernstlich darüber nachzudenken, ob es sich bei dem Prozeß, der sich unseren unvollkommenen Gehirnen als der so quälend langwierig sich hinziehende Prozeß der kosmischen und biologischen Entwicklung präsentiert, in Wahrheit nicht um den Augenblick der Schöpfung handeln konnte.
Ein Naturwissenschaftler sähe keinen Anlaß, gegen diese Möglichkeit Einwände zu erheben. Denn "Zeit" ist, untrennbar mit dem Raum dieses Universums verknüpft, für ihn zusammen mit Energie, Materie und Naturgesetzen zugleich bei jenem etwa 13 Milliarden Jahre zurückliegenden Ereignis entstanden, das man als "Urknall" zu bezeichnen sich angewöhnt hat. "Zeit" ist für einen Naturwissenschaftler daher neben Energie, materieerfüllter Räumlichkeit und bestimmten Naturkonstanten (den Massen der Elementarteilchen, der Gravitationskonstante, der Lichtgeschwindigkeit u. a.) eine Eigenschaft dieser Welt. Sie ist in dem unsere naive Vorstellung auf so seltsame Weise überschreitenden modernen naturwissenschaftlichen Weltbild also an die Existenz dieser Welt gebunden und ohne sie nicht vorhanden. Sie ist keine die Welt insgesamt umgreifende, sie gleichsam »von außen« bestimmende oder enthaltende Kategorie.
(...)
Frühere Epochen haben die Geheimnisse von Schöpfung, Jenseits und der eigenen, vergänglichen Existenz wie selbstverständlich mit der Sprache und in den Bildern zu erfassen versucht, die ihnen vertraut waren als die Ausdrucksformen ihrer Zeit und ihres Weltverständnisses. Steht uns das gleiche Recht etwa nicht zu? Müssen wir nicht von ihm Gebrauch machen, wenn wir nicht in eine Rolle geraten wollen, in der wir uns mehr und mehr nur noch darauf beschränkt sähen, Interpretationen und Sinndeutungen früherer Generationen, die uns immer ferner rücken, in der Art ehrfürchtiger Museumswächter zu bewahren und auch dann noch weiterzugehen, wenn wir sie schließlich gar nicht mehr verstehen?

Darum glaube ich, daß die Evolution identisch ist mit dem Augenblick der Schöpfung. Daß kosmische und biologische Evolution die Projektionen des Schöpfungsereignisses in unseren Gehirnen sind. Daß die Entwicklungsgeschichte der unbelebten und der belebten Natur die Form ist, in der wir "von innen" die Schöpfung miterleben, die "von außen", aus transzendentaler Perspektive, in Wahrheit also, der Akt eines Augenblicks ist.
Naturwissenschaftler werden dieser Deutung nicht widersprechen. Mehr noch: Sie allein waren in der Lage, die Voraussetzungen zu schaffen, die eine solche Deutung überhaupt erst ermöglichen. Die Theologen sollten sich dafür interessieren. Denn wie von selbst bieten sich vor dem Hintergrund dieses Entwurfs Antworten auf einige Fragen an, die im Rahmen des bisherigen Verständnisses offengeblieben waren.

Dazu gehört, um damit zu beginnen, das alte Problem der Theodizee, der "Rechtfertigung Gottes". Wie läßt es sich erklären, wie kann, schärfer und von der Position des Gegners aus formuliert, Gott dafür entschuldigt werden, daß er eine Welt geschaffen hat, die von allem Anfang an erfüllt ist mit Leiden jeder nur denkbaren Art - Schmerzen und Angst und Krankheit? Wie kommt das Böse in die Welt, wenn diese Welt die Schöpfung Gottes ist? Seit den Tagen des Hiob muß jeder gläubige Mensch mit der Frage fertig werden, wie die Unvollkommenheit der Welt mit der Allmacht Gottes in Einklang zu bringen ist.
Der Widerspruch verliert an Schärfe, sobald wir die Möglichkeit bedenken, daß die Welt, die wir erleben, eine »Schöpfung in nascendo« sein könnte. Nicht das fertige, von seiten Gottes abgeschlossene und von ihm gleichsam entlassene Schöpfungsprodukt. Daß die unleugbare Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit der Welt also vielleicht damit zusammenhängt, daß sie einer noch nicht vollendeten Schöpfung entspringt. Woraus der gläubige Mensch, für den die Transzendenz, das »Jenseits«, eine Realität ist, immerhin auch hier schon den Trost ziehen könnte, daß diese Unvollkommenheit sich insofern als eine Illusion herausstellen wird, als sie ein zeitlich begrenztes Phänomen und damit im Licht der transzendentalen Wahrheit nicht real ist.

Wenn wir davon ausgehen, daß Evolution mit dem Schöpfungsakt identisch ist, ergeben sich ferner neue Ansätze zu einer Erweiterung des Verständnisses menschlicher Existenz. Wenn Evolution nichts anderes ist als der uns faßbare Anblick einer sich vollziehenden Schöpfung, dann können wir zu der Einsicht kommen, daß uns offenbar die Ehre einer aktiven Beteiligung am Vollzug dieser Schöpfung zuteil wird. Denn seit unser Geschlecht zum Bewußtsein erwachte, sind wir in zunehmendem Maße für den Ablauf der Dinge in dem uns zugänglichen Teil der Welt ursächlich mitverantwortlich.
Daraus aber lassen sich nun bestimmte ethische Grundsätze für menschliches Verhalten ableiten, die alle bisherigen sittlichen Gebote einschließen, sie in einigen wichtigen Punkten aber sogar noch ergänzen (Merkmale einer Hypothese, die jeden Naturwissenschaftler, die aber auch einen Theologen erfreuen könnten). Wenn menschliches Handeln weltliche Abläufe zu beeinflussen vermag, die als Abläufe im Rahmen einer sich vollendenden Schöpfung anzusehen sind, dann ist dieses Handeln von vornherein einem unbefragbaren Wertmaßstab unterworfen: Es muß sich in jedem Augenblick an der Frage messen lassen, ob es dem der Vollendung der Welt zustrebenden Ablauf der Dinge im Wege steht oder zu ihm beiträgt.

(Hoimar v. Ditfurth, <Wir sind nicht nur von dieser Welt>, dtv-Taschenbuch 10290, München 1986, Seiten 143-146)
Wer mehr über Hoimar von Ditfurth erfahren will, der sei auf folgende Web Seiten hingewiesen:
--> http://hoimar-von-ditfurth.de/buecher.html
--> http://www.facebook.com/pages/Hoimar...36480270499

13 Kommentare

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Hier noch ein interessantes Fundstück zum Thema ...

http://www.theologie-naturwissenscha...h-gott.html
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'Evolution ist identisch mit dem Augenblick der Schöpfung.' Hier kann ich mitgehen. Sehr gut sogar. Im übrigen gefällt mir der Artikel gut, Peter. Nur die Vollkommenheit, die Du noch anzweifelst, sehe ich anders. Ich glaube sehr wohl, dass die Schöpfung immer vollkommen ist. Zu jedem Augenblick. Nur wir Menschen haben schon wieder was zu nörgeln und bewerten sofort.
Nehmen wir einmal die Steinzeit her, als der Mensch nur sehr geringfügig in die Natur eingriff. Auch da war alles vollkommen. Jedes Tier, jede Pflanze hatte genau den Platz und die 'Funktion', die allesamt haben sollten.
Ich glaube nicht, dass die Schöpfung etwas unvollkommenes hervorbringt. Der 'Ur-Wille' kann gar nicht anders.
Bitte nachfolgendes nicht falsch verstehen. Ich möchte die Erklärung ganz bewusst möglichst an der Basis halten! Ich bitte dies zu beachten.
Das Böse, das Leid entsteht durch unsachgemäßes Handeln der Menschen und ist, ganz streng genommen auch eine Wertung. Die Tierwelt kennt das Böse nicht. Leid ist Schmerz, egal, ob emotional, oder körperlich oder gar in beidem gleichzeitig zu spüren. Der Schmerz an sich ist nicht schlecht. Ein Warnsignal, nicht mehr, nicht weniger. Schmerz ist eine Empfindung auf einer Skala der Empfindungen, die hin und her bewegt werden kann. Berühre ich zart eine Hand, so mag das sehr wohlige Gefühle im Berührten hervorrufen. Verstärke ich die Berührung zum Druck, was passiert? Irgendwann wird der von mir Berührte die Hand wegziehen wollen, weil meine Berührung unangenehm oder gar schmerzhaft geworden ist.
Dies gilt auch für sämtlich Emotionen. Sie sind der Ausdruck dessen, wo sich momentant der Regler auf der Emotionsskala befindet.
Von extremstem Zorn, über Wut, Trauer, heller Freude bis zum Glückgefühl, in dem man sich mit 'Gott und der Welt' verbunden fühlt.

Und so denke ich wird es mit allem anderen auch sein. Der menschliche Organismus funktioniert perfekt, er ist vollkommen. Durch unsachgemäße Anwendung äußerer oder innerer Umstände kommt es zu Störungen. Was bedeutet das im Hinblick auf Krankheit? Wenn z.B. eine Erkältungswelle ihr Unwesen treibt, heißt das nicht zwangsläufig, dass ich ihr anheimfallen muss. Habe ich ein gutes Immunsystem, wird sich weder Niesen noch Husten bei mir einstellen, geschweige denn ärgeres. Das gilt gleichsam für alles andere auch.
Im Laufe der Zeit, durch Völkerwanderung, flasche Nahrung, Gewalt, was auch immer, sind Gründe für Krankheiten nicht mehr wirklich auszumachen und scheinbar ist dann der Mensch unvollkommen.
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wize.life-Nutzer
Evolution oder Schöpfung?
Am Anfang war die Schöpfung.
Nachdem der Grundstein gelegt war, setzte die Evolution ein.
Alles klar?
wize.life-Nutzer
Das hört sich nach absoluter Gewissheit an.
Weißt Du das wirklich alles so klar?
Dann weißt Du jedenfalls schon mal mehr als ich ...
wize.life-Nutzer
Habt Ihr außer Kommentaren bessere Argumente? Dann her damit!
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Günter,
mit welchem Wort der 'Weltenbeginn' auch immer belegt wird (Urknall, Schöpfung, Gott etc.) ist für die Existenz und Weiterentwicklung der Welt irrelevant. Sie strebt unbeeindruckt davon einem unbestimmten Ende zu ...
wize.life-Nutzer
Zitat: „Evolution (lateinisch evolvere „entwickeln“) ist die allmähliche Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen von Generation zu Generation.“

Um mir nicht wieder den Vorwurf der Allwissenheit einzuhandeln, verkneife ich mir zu fragen, woher erben. Es kann jetzt nur noch alles aus dem Nichts kommen.

Aha! Endlich haben wir die Schöpfung eliminiert. Also: wozu benötigen wir jetzt noch einen Gott?

(Es sei denn, er hat das oft missverstandene „Nichts“ erschaffen. Das habe ich jetzt selber erfunden, aber das verrate ich nicht, lieber Bernhard.)
wize.life-Nutzer
Günter, Du hast zurecht des Fokus auf „entwickeln“ gesetzt. Genau darum geht es seit dem Beginn, und weiter bis zum Ende. Der Begriff 'Evolution' beschränkt sich ja nicht nur auf die biologische Entwicklung ('vererben'). Es gab vorher die kosmische und chemische Evolution, in Bezug zum menschlichen Bewusstsein hat sich der Begriff 'evolutionäre Erkenntnistheorie' herausgebildet (warum wie so denken, wie wir denken).
Wo das nun alles herkommt und warum es so ist, wie es ist, wird damit allerdings nicht beschrieben. Meine laienhaften Gedanken dazu hatte ich in anderen Diskussionen schon angeboten, ich möchte mich da nicht langweilend wiederholen - hier ein aktuelles Beispiel dazu:
http://www.seniorbook.de/pinnwand/ko...e3e568b457d
wize.life-Nutzer
Peter, Deine Argumente, kosmische und chemische Evolution, beziehen sich auch auf Wirkungen. Man kann über Wirkungen bis in Ewigkeit diskutieren. Damit ist die erste Ursache nicht geklärt. Oder kommen wir ohne Kausalität aus? Astrophysiker Hawkins lässt subatomare Teilchen ja auch aus dem Nichts entstehen.
Deshalb bleibe ich bei meinem „Augenzeugenbericht“ – wie Bernhard meint – und bei der Schöpfung.
wize.life-Nutzer
Günter,
über die "ewige Diskussion zur ersten Ursache" denken wir ja gleichgesinnt - dazu habe ich bereits in dem "aktuellen Beispiel" (oben) geschrieben.
Die 'Schöpfung' ist aber schon der Prozess, und nicht die Ursache. Auch die Wortwahl dafür ist eigentlich nebensächlich, Du nennst es Schöpfung, bei mir heißt es Urknall ...
Über die dahinter (oder davor) liegende Ursache vermögen wir beide keine zutreffende Aussage zu formulieren!

("Wond'ring Aloud ..." - Ian Anderson, 'Jethro Tull')
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Ich hab' auch eine Option, Bernhard ...
--->
wize.life-Nutzer
Tschüss
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Einige Kommentatoren haben sich hier leider 'verabschiedet', wodurch auch deren Kommentare 'mitgegangen' sind ...
So steht jetzt hier Einiges beziehungslos im Strang
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