"Das erstarrte Leben" Erinnerungen in einer  Bibliothek
"Das erstarrte Leben" Erinnerungen in einer BibliothekFoto-Quelle: Copyright die Autorin
"Das erstarrte Leben" Erinnerungen in einer Bibliothek

Bibliotheken sind für mich Orte der Begegnung, des Gespräches, der Stille, Erinnerung.

An einem sonnigen Vormittag nahm ich meine geliehenen Bücher, um sie in der Bibliothek abzugeben. Manchmal zögere ich, weil es Bücher gibt, die mich sehr nachdenklich machen.
Sabine Bodes Buch „Die vergessene Generation“ lies mich nicht los. Am liebsten hätte ich es behalten.

In der Bibliothek war es ruhig. Hier und dort ältere Leute. Sie gaben ihre Bücher ab und verstauten neu gefundene in ihren Taschen oder Rucksäcken. Manchmal kommt es zu einem Schwätzchen, auch mit der Bibliothekarin.

Eine ehemalige Kollegin

kam mir entgegen, eine, resolute, herbe Krankenschwester, die zupacken konnte. Nun ist sie Rentnerin.
Ich mochte ihre Entschiedenheit mit der sie die Dinge anging. Auf der Station konnte man sich auf sie verlassen. Das machte sie aus. Die Schwerkranken erhielten ihre besondere Aufmerksamkeit, man liebte sie!

Wenn sie uns jedoch

vom gemeinsamen Frühstück aufscheuchte, weil wir jungen Schwestern ausführlich über die Männerwelt schwärmten, verdrehte auch ich die Augen und fand sie ziemlich Männerresistent. Kichernd nahmen wir unsere Arbeit wieder auf. Irgendwie wirkte sie ehrgeizig, steif und erstarrt.

Das strahlte sie auch mit nun fast 80 Jahren noch immer aus, wach, entschieden aber verhärtet.
Selbst eine Verkuppelung war nicht erfolgreich. So lebte sie allein weiter.

Begeistert erzählte ich ihr von dem Buch
,
das mich nicht loslassen wollte. Ich erzählte ihr wie wichtig das für die Mitarbeiter in den Pflegeeinrichtungen sei. Es öffnet den Blick für das Verborgene, Vergessene. Hellwach hörte sie zu, lieh es sich aus.

Wochen später begegneten
wir uns wieder. Wir setzten uns in eine kleine Ecke und sie erzählte mir wie sehr sie das Buch berührt hatte. Anders als sonst kamen die Sätze weicher über ihre schmalen Lippen.

Sie erzählte mir aus ihrem Leben, ein Erlebnis, über das sie noch nie gesprochen hatte.

Noch nicht einmal als Frau erblüht, wurde sie von 3 Männer in Uniform verfolgt. Junge Soldaten, die sie und ihre Familie aus der Heimat vertrieben.

Ihre Stimme wurde leiser.
Ihr Gesicht durchzog eine schamhafte Röte, als sie weiter erzählte. Die Männer forderten von ihr sexuel bedient zu werden.
Für einen Moment sah ich das junge Mädchen, weiche, zerbrechliche Züge, die eine schöne junge Frau ankündeten.

Mit letzter Kraft riss sie sich los,
rannte um ihr Leben. Dennoch wurde sie eingeholt. Intuitiv ließ sie sich fallen, stellte sich tot. Die Männer ließen sie liegen.
Wie bei einem Sonnenuntergang wich das zarte Rot aus ihrem Gesicht. Sie war wieder die unnahbare, erstarrte Krankenschwester.

„Jetzt muss ich aber los“, sagte sie mit fester Stimme, lächelte, ging zur Tür.
Betroffen, schaute ich mich um, auf die älteren Leute, die ihre Bücher tauschten. Wie viel ungelebtes Leben verbarg sich wohl hinter den Gesichtern voller Falten, den schmalen Mündern, den gebeugten Rücken, die auch in mir Ablehnung hervorrufen, mir Angst machen einmal so Älter zu werden.

Sie werden verbiestert, starrköpfig, für dement erklärt, weil sie niemanden an sich herankommen lassen. Vielleicht aber haben sie nur Angst diesmal nicht mehr entkommen zu können.
Doch in ihren Herzen herrscht große Einsamkeit.
© Margarete Noack

4 Kommentare

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wize.life-Nutzer
(Erinnerung in einer Bibliothek)
DAS ERSTARRTE LEBEN
Danke, liebe Margarethe, für diese Einstellung,
kein schönes - aber ein wichtiges Thema
für den Rückblick vieler Personen, die
unendlich verschlossen ihr Leben gelebt haben.
Ich habe DIE VERGESSENE GENERATION 2005
gelesen, es ist ein notwendiges Buch für alle.
Leid und Elend des 2.Weltkrieges blieben
in den Menschen eingesperrt, es war zu
schmerzhaft, sich daran zu erinnern, wie
Du so richtig schreibst, und es störte den
Neubeginn.
Es hat fast ein halbes Jahrhundert gedauert,
bis diese tief verborgenen Kriegserlebnisse
hervorgeholt werden konnten
wize.life-Nutzer
Ja Bele und inzwischen gibt noch einige kluge Bücher zum Thema. Zum Beispiel:
Kindheiten im Zweiten Weltkrieg und ihre Folgen (Psyche und Gesellschaft) Taschenbuch – 1. August 2012
von Hartmut Radebold

Ich wünschte, dass solche Bücher in der Ausbildung vom Pflegepersonal ein muss sind.
ich erinnere mich wie ein Bewohner sich bei jedem Flugzeug im Bett duckte und schrie.
Damals kannte ich solche Bücher auch nicht. Allerdings fanden wir ihn nur seltsam, aber nicht für dement.
wize.life-Nutzer
Recht hast Du, viele Dinge müßten in der
Ausbildung eine Rolle spielen.
Aber vieles ist damals gar nicht ans
Tageslicht gekommen, weil
die Betroffenen geschwiegen haben.
Danke für die Emmpfehlung
wize.life-Nutzer
Gerne,
nur damals sind wir anders mit den Menschen umgegangen, liebevoller - sie waren halt ein bisschen komisch.
So haben wir oft über unsere Kollegin auch gedacht.
Doch wir sahen auch den ganzen Menschen, ihre guten Seiten.
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