Handelt es sich bei Lootboxen um Glücksspiel? In England wird eine Gleichste ...
Handelt es sich bei Lootboxen um Glücksspiel? In England wird eine Gleichstellung überlegt.Foto-Quelle: StartupStockPhotos via pixabay.com
England sagt Lootboxen und Online Glückspiel den Kampf an

Schneller, höher, weiter – die rasante Gaming-Industrie knackt Jahr für Jahr ihren eigenen Highscore. Allein dieses Jahr deuten Prognosen auf einen Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro hin – damit lässt die Games-Branche sowohl die komplette Film- als auch Musikindustrie spielend hinter sich zurück.

Schneller, höher, weiter – die rasante Gaming-Industrie knackt Jahr für Jahr ihren eigenen Highscore. Allein dieses Jahr deuten Prognosen auf einen Umsatz von mehr als 150 Millionen Euro hin – damit lässt die Games-Branche sowohl die komplette Film- als auch Musikindustrie spielend hinter sich zurück.

Wurde früher ein Spiel auf einer Cartridge (Kassette), DVD oder Blu-Ray erworben und damit Geld verdient, reicht dies im Online-Zeitalter nicht mehr aus. Es dominieren eiskalte Algorithmen und perfide durchdachte Mechaniken, um im neumodischen Spielealltag mehr Umsatz durch Mikrotransaktionen zu generieren. Immer subtilere und genau berechnende Mechanismen in den Spielen locken den Usern das Geld aus den Taschen. Ein kontrovers diskutierter Trend sogenannter „Lootboxen“ erhitzt zurzeit die Gemüter von Gerichten, Anwälten, Pädagogen und Erziehungsberechtigten in England.

Wozu spielen: Erfolg - Autonomie – Zugehörigkeit


Diese drei soziologischen Grundbedürfnisse veranlassen die Menschheit pro Woche mehr als 4,5 Milliarden Stunden spielend vor den Bildschirmen zu verharren. Jenseits der klassischen Konsolen und dem guten alten PC wird auch auf Smartphone, Tablet oder Smart-TV gezockt, bis die Kassen klingeln.
Gründe zum Spielen gibt es viele: Erfolg, Überlegenheit, den eigenen Status in weltweiten Ranglisten zur Schau stellen, das Sammeln von seltenen Gegenständen (Unique Items), das (Er)leben eines virtuellen Alter-Egos, Flucht vor Realität oder vielleicht nur Spaß an der Freude – jeder individuelle Gamer lebt seine eigenen Motive. Mit Marketing und Psychologie werden neue Wege erschlossen, die Bedürfnishaltung der Spieler zu analysieren, um den Verkauf verschiedener Zusatzleistungen im Spiel zu beschleunigen. Besonders eine beliebte Methode für Spielebetreiber zusätzliche Einnahmen zu generieren, liegt seit geraumer Zeit im globalen Kreuzfeuer: Lootboxen.

Ist das Öffnen von Lootboxen Glücksspiel?


In mehr als 14 britischen Suchtkliniken werden jährlich Tausende Spielsüchtige aller Art therapiert. Vermehrt finden diese von jüngeren Menschen Zulauf. Unkontrolliert wurden Unsummen an Geldern unter anderem für Lootboxen in Online-Games ausgegeben. Je nach Spiel können Kisten oder Kartenpackungen mit zufälligen Belohnungen gefunden oder erspielt werden.

Die Wahrscheinlichkeit, seltene Spiel-Gegenstände zu finden, unterliegt einem vordefinierten Zufallsprinzip und ist somit sehr gering. Nur durch den zusätzlichen Einsatz von Echtgeld ist es dauerhaft möglich, einen Teil der „Most-Wanted“ Items „freizuspielen“. Wer z. B. beim lizenzierten FIFA-Spiel eines namhaften Herstellers den Topspieler seines Lieblingsfußballteams in der Mannschaft haben möchte, muss jede Menge Geld in diese Lootboxen investieren. Eine Garantie, die ersehnte Spielfigur, Ausrüstung oder kosmetische Verschönerungen auf diesem Weg zu erlangen, gibt es nicht. Deshalb wird in England und vielen anderen Staaten öffentlich diskutiert, ob es sich in diesem Fall nicht um klassisches Glücksspiel handelt. Rund um „das Aufreißen von virtuellen Kartenpackungen“ ist auf YouTube sogar eine Art von Kult entstanden. Das „virtuelle Unboxing“ von großen Kontingenten wird vor allem von vielen jüngeren Zuschauern im Live-Stream auf Youtube mit Euphorie und Beifall mitverfolgt.

Das Öffnen dieser Lootboxen verspricht den großen Kick. Adrenalin und Dopamin geraten außer Kontrolle: Experten warnen bei Aktionen wie diesen vor der gleichen Suchtgefahr und Risiken wie beim klassischen Glücksspiel. Mehr als 2,4 Millionen Menschen in England gelten hinsichtlich Glücksspielproblemen als „gefährdet“ – während weniger als 3 % der Betroffenen eine Therapie oder Hilfe dafür in Anspruch nehmen.

Folgen für die Glücksspielszene in England


Die aktuellen Online Glücksspiel Beschränkungen in England für klassische Casino-Spiele sind ohnehin besonders hart. Durch die sehr öffentlichkeitswirksame Diskussion über Lootboxen muss generell mit drastischeren Maßnahmen gerechnet werden. Bereits ab Oktober 2021 treten neue Verordnungen der britischen Glücksspielkommission (UKGC) in Kraft: Die absichtliche Beschleunigung von Spielmechanismen bei Video-Slots ist künftig untersagt. Das gilt ebenso für die Darstellung von Verlusten als Gewinn. Weitere Restriktionen gelten für audiovisuelle Effekte, welche Gewinnchancen suggerieren. Der maximale Gewinneinsatz wurde pro Spielrunde auf 1 britisches Pfund reguliert – das Umgehen dieses Limits durch gleichzeitiges Spielen auf verschiedenen Slots ist ebenfalls ausgesetzt.

Zukunft der Lootboxen in England ungewiss


Aktuell gelten besagte Lootboxen in England (noch) nicht als Glücksspiel, da es sich um rein virtuelle Güter handelt. Diese haben keinen realen Wert und können beim Anbieter nicht gegen Echtgeld zurückgetauscht werden. Nutzungsbedingungen diverser Spieleschmieden weisen ausschließlich darauf hin, dass der Umtausch über Umwege (Verkauf von ganzen Accounts, Ingame-Tausch) nicht erlaubt ist. Dennoch setzen sich viele Spieler über diese Hürde hinweg. Fakt ist, dass in absehbarer Zeit mit Folgen und schärferen Regeln hinsichtlich Jugendschutzes und der Bewerbung von Lootboxen zu rechnen ist.

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