Mein Wort zum Sonntag: Ein Jesuit als Papst - kann das gutgehen?

Das gab es noch nie! Der neue Papst ist kein Europäer. Und: Zum ersten ersten Mal in der langen Geschichte der katholischen Kirche nimmt ein Jesuit auf dem Stuhl Petri Platz. Nicht alle Beobachter erfüllt das mit Freude. Und so muss die Frage erlaubt sein: Was kann man von von dem Neuen wohl erwarten?

Innerhalb der Kirche stellten die Jesuiten immer etwas Besonderes dar, jedenfalls von außen betrachtet. Der 1534 von Ignatius von Loyola gegründete Orden stellte neben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam eine vierte Gehorsams-Regel auf, nämlich den absoluten Gehorsam dem Papst gegenüber. Die Jesuiten - ursprünglich ein Schimpfname - wurden dadurch zur besonderen geistlichen Armee des katholischen Oberhaupts. Dadurch hatten sie mehr Macht als andere, und die nutzten sie auch. Aber wie?

Befürworter sagen: äußerst positiv. Gegner sagen: äußerst negativ. Jedenfalls kam kein Orden so in Verruf wie dieser. Verschwörungstheorien machten sich früh breit, der Orden wurde, trotz seiner Nützlichkeit für die jeweiligen Herrscher, der Reihe nach in vielen europäischen Ländern verboten, und seine Mitglieder mussten das Land verlassen. So geschehen in Portugal (1759), in Frankreich (1764), im Gründungsland Spanien (1767), im Vatikan (1773, 1814 wieder zugelassen), in Deutschland (1872), in der Schweiz (1848). Das Engagement des Ordens, für Bildung und soziale Gerechtigkeit, scheint die Mächtigen der Welt erschreckt zu haben, trotz der unbestrittenen "Verdienste" etwa bei der Gegenreformation, also der Vertreibung der Protestanten und der "Wiederbesiedlung" des Lands mit Katholiken. Da waren die Jesuiten recht erfolgreich, besonders in Polen und Österreich.

Gegen den Zeitgeist

Neben dem absoluten Gehorsam war Bildung den Jesuiten enorm wichtig. Sie gründeten Schulen und Universitäten und beschäftigten sich auch mit Fragen der Philosophie und Wissenschaft (besonders mit Astronomie, lange Zeit ein heikles Thema). Wegen ihrer direkten Unterstellung unter den Papst brauchten sie die Inquisition nicht zu fürchten, und so gab es gerade in diesem Orden die lebhaftesten Diskussionen.

Zwei überragende Fälle jesuitischen Denkens und Handelns wollen wir hervorheben: Friedrich Spee (1591-1635), ein Priester, der auch Hexen die Beichte abnahm, kam durch seine Tätigkeit und sein Mitleid (damals etwa Außergewöhnliches) zu der Erkenntnis: Es gibt keine Hexen, nur Folterer. In der Schrift: "Cautio Criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse" (1631) formulierte seine immer noch gültige Kritik am Hexenwahn, eine Ungeheuerlichkeit in einer Zeit, wo der Sadismus der Herrschenden rücksichtslos in allen Bereichen gepflegt, kultiviert und religiös gerechtfertigt wurde. Spees Orden schützte ihn, doch der mitleidsvolle Priester starb später in seinem aufopferungsvollen Kampf gegen die Pest.

Teilhard de Chardin (1881-1955) beschäftigte sich mit dem für die Kirche (und nicht nur für sie) heiklen Thema der Evolution. In seinem Werk "Der Mensch im Kosmos", einer Art kosmischer Evolutionstheorie, vertrat er die Ansicht, der Mensch entwickle sich höher, hin zu einem "Punkt Omega". Damit widersprach der Autor nicht direkt christlicher Lehre, wohl aber den gängigen kirchlichen Denkvorstellungen. Denn der Mensch ist von Natur aus schon vollkommen und braucht nicht erst eine Darwinsche Evolution. De Chardins Schriften blieben verboten; erst nach seinem Tod wurde er berühmt.

Schließlich zeichneten sich die Jesuiten durch ein gigantisches soziologisches Experiment aus, dessen Ziele und Auswirklungen kontrovers beurteilt werden, wie so vieles bei diesem Orden. In Paraguay bestand von 1610 bis 1767 ein Jesuitenstaat, in welchem die Jesuiten unter den Ureinwohnern ein christliches Sozialsystem eingeführt hatten. Auf diese Art konnten die Indianer unabhängig von den spanischen und portugiesischen Kolonialherren und in relativer Sicherheit leben.

Fazit: In einem Artikel in Telepolis sagt der Autor Rüdiger Suchsland über den neuen Papst:

Die Jesuiten sind der weltlichste, der sozial engagierteste, der diesseitigste Orden der katholischen Kirche. Sie stehen, gerade in Lateinamerika, einer Theologie der Befreiung am nächsten. Es kann auch kein Fehler sein, wenn einer neben Theologie auch Philosophie studiert hat, und wenn er dann in seiner Heimat als "Kardinal der Armen" bekannt ist.

PS. Der neue Papst tanzt Tango! Mehr dazu hier:
http://www.ndtv.com/article/world/po...over-342643

2 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Seine Einfachheit beeindruckt mich. Gebt Ihm eine Chance!
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wize.life-Nutzer
Ein toller Artikel, der sehr zum Nachdenken anregt und ein interessantes Licht auf den neuen Papst wirft. Vielleicht gelingt ihm ja ein erster Schnitt durch die dogmatisch-doktrinären Fesseln hin und zurück zu einer Kirche, wie sie im Ursprung gemeint war.
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