Telemedizin boomt: Immer mehr nutzen Arzt-Sprechstunde am Bildschirm

Was lange Zeit irgendwie verpönt war, erfreut sich gerade wegen des Coronavirus immer größerer Beliebtheit. Die Telemedizin ist bei uns zu Hause angekommen. Via Video-Anruf schildern Patienten ihren Ärzten ihre Leiden. Auch Krankschreibungen und Rezepte werden so ausgestellt. Doch die Telemedizin hat auch Nachteile.

Telemedizin: Sprechstunde mit dem Arzt via Video immer beliebter
Telemedizin: Sprechstunde mit dem Arzt via Video immer beliebterFoto-Quelle: imago images / Jochen Tack

„Wie hoch ist das Fieber“, fragt die Ärztin auf dem Computerbildschirm. „38 heute Morgen“, antwortet die Mutter. „Und er hat Schnupfen.“ „Hustet er auch?“, will die Ärztin wissen. „Nein“, sagt die Mutter und streichelt ihrem Sohn über den Kopf. Gestern habe der Achtjährige aber über Kopfweh geklagt. Das sei aber jetzt weg.

Die Ärztin gibt denn auch Entwarnung. Das sehe nach einem harmlosen Infekt aus, beruhigt sie. „Achten Sie darauf, dass Ihr Sohn viel trinkt. Und melden Sie sich bitte sofort, sollte das Fieber steigen.“ Damit ist die Videosprechstunde zu Ende. Die Mutter ist froh, dass sie in Zeiten von Corona mit ihrem kranken Kind nicht in ein Wartezimmer musste. Und die Ärztin ist froh, weil sie durch den Online-Service das Ansteckungsrisiko in ihrer Praxis senken kann.

Telemedizin-Angebote steigen enorm "dank" Corona

Es ist die Stunde der Telemedizin. Während es in anderen Ländern wie Schweden seit Jahren völlig normal ist, den Arzt in Videosprechstunden zu konsultieren, hatten in Deutschland digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen bislang keinen großen Erfolg. Die Kombination aus strengen Auflagen, skeptischen Ärzten, Verbänden und Patienten machten es digitalen Angeboten hierzulande schwer.

Noch 2018 verwies die Bertelsmann-Stiftung in einer Erhebung zur elektronischen Gesundheitsversorgung Deutschland auf den vorletzten Platz in Europa. Die Corona-Pandemie hat diese Situation bereits jetzt grundlegend geändert.

Auch Krankschreibungen gibt es via Videoanruf

Während viele Branchen unter dem Stillstand leiden, erlebt die Telemedizin einen regelrechten Boom. Die gesetzlichen Vorgaben wurden gelockert, und die Anbieter telemedizinischer Dienste freuen sich über rasante Zuwachsraten. „Seit Bekanntwerden des ersten Corona-Falls in Deutschland ist die Zahl unserer Behandlungen um etwa 250 Prozent gestiegen“, sagt Katharina Jünger, Mitgründerin der Plattform Teleclinic, gegenüber wize.life. Der Dienst aus München verbindet Patienten bundesweit mit einem Arzt aus einem der angebotenen Fachbereiche. Das Gespräch findet entweder per Video- oder Telefonanruf statt. Auch Rezepte oder Krankschreibungen können ausgestellt werden.

Gleiches ermöglicht auch der schwedische Anbieter Kry, einem Vorreiter in Sachen Videosprechstunde, der seinen Zweitsitz in Berlin hat. Auch hier sind in den vergangenen Wochen die Nutzerzahlen in die Höhe geschnellt. „Die Zahl der Videotermine in Deutschland ist von Februar auf März um mehr als 350 Prozent gestiegen“, sagt Daniel Schneider, General Manager von Kry, im Interview mit wize.life. „Die Zunahme bei Sprechstunden zu viralen Infektionen lag sogar bei 580 Prozent.“

"Wir erleben gerade eine Zeitenwende"

Auch die Zahl der Anbieter von Videodiensten für Ärzte und Patienten nimmt seit der Pandemie zu. Mehr als 20 Unternehmen haben sich derzeit bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung registriert, vor einem Monat sei es noch etwa die Hälfte gewesen, heißt es dort. Weitere Anbieter lassen sich für den deutschen Markt gerade zertifizieren.

„Wir erleben gerade eine Zeitenwende“, sagt Teleclinic-Chefin Katharina Jünger. „Ich arbeite seit fünf Jahren darauf hin, dass die regulatorischen Anpassungen des Gesundheitssystems an neue, digitale Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung vorgenommen werden. Es gab sehr viele Vorbehalte. Jetzt ändert sich die öffentliche Wahrnehmung in Sekundenschnelle.“

Psychotherapie online

Die Pandemie macht vieles möglich: Die Begrenzung für Ärzte in Deutschland, die bisher nur jeden fünften Patienten ausschließlich per Video behandeln und auch von den Leistungen insgesamt nur 20 Prozent Videosprechstunden abrechnen durften, wurde von KBV und GKV-Spitzenverband für das zweite Quartal aufgehoben. Eine Verlängerung werde Ende Mai überprüft. Gleiches gilt für die Psychotherapeuten. Weil viele Menschen angesichts der Krise therapeutische Hilfe brauchen, wurde zudem erlaubt, dass in „begründeten Einzelfällen“ eine Therapie auch ohne das bisher vorgeschriebene analoge Erstgespräch aufgenommen werden kann. Vor dem Hintergrund, dass Ärzte in Deutschland überhaupt erst seit 2018 Diagnosen per Videoanruf stellen dürfen, ist diese Entwicklung geradezu rasant.

Es passt ins Bild, dass die Anbieter gerade daran arbeiten, ihr Angebot auch für Kassenpatienten attraktiv zu machen. Bisher können sich nur Privatpatienten die Kosten für eine Videosprechstunde erstatten lassen. Diese liegen bei Kry werktags um die 31 Euro, Sonntag bei 44 Euro. Eine Krankmeldung kostet zusätzlich 5,36 Euro. Seit Anfang des Jahres macht es aber eine neue Gesetzeslage möglich, die Angebote auch auf Kassenpatienten auszuweiten. Kry will noch im zweiten Quartal dieses Jahres erstattungsfähig für alle Versicherten sein, Teleclinic hat Mitte Mai anvisiert.

Video schützt vor Ansteckung

An Unterstützung von offizieller Seite mangelt es den Anbieter derzeit zumindest nicht. „Die Videosprechstunde kann die Verbreitung des Virus verlangsamen und schützt andere Patienten und das medizinische Personal vor einem unnötigen Infektionsrisiko“, erklärte der Health Innovation Hub, der digitale Think Tank des Bundesgesundheitsministeriums. Auf seiner Webseite hat der HIH eine Liste mit Anbietern zusammengestellt. Viele stellen ihren Service in der jetzigen Situation für einen bestimmten Zeitraum kostenfrei zur Verfügung.

Im Zuge der Corona-Krise baut auch die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf ihr telemedizinisches Angebot aus. Seit Anfang April bieten dort 40 Ärzte aus den Fachbereichen Infektiologie, Rheumatologie, Flüchtlinsambulanz und Psychotherapie eine telemedizinische Versorgung an. Bis Ende des Monats sollen weitere Fachbereiche folgen.

Telemedizin und ihre Grenzen

Doch in die Euphorie mischen sich auch skeptische Stimmen, die zwar die Chancen der Telemedizin anerkennen, aber auch ihre Grenzen sehen. Für Nachkontrollen könnten Ärzte auf Distanz sein, sagt der Chef der Kassenärzte, Andreas Gassen. Für eine richtige Untersuchung müssten sie den Patienten aber in der Praxis haben. „Sie müssen ihn anfassen, untersuchen und müssen ihn wirklich vor Ort haben.“ „Die Telemedizin ersetzt nicht das übliche Arzt-Patienten-Verhältnis“, sagt auch Frank Reuther, Landesvorsitzende der Ärzte-Gewerkschaft Baden-Württemberg.

Patientenschützer und Sozialverbände sehen das ähnlich und betonen zugleich die Bedeutung der persönlichen ärztlichen Zuwendung für viele Patienten. Diese sei wesentlicher Teil des Heilungsprozesses. Die Telemedizin dürfe nicht dazu führen, dass die Ärzte noch weniger Hausbesuche machten. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisiert, dass die Behandlung per Internet für die meisten älteren Patienten nicht zu Verbesserungen führen werde. Stattdessen drohten sie durch die Telemedizin nun noch mehr abgehängt zu werden. „Viele von ihnen sind gar nicht in der Lage, mit digitalen Geräten umzugehen“, warnt er.

Wird der Videocall mit dem Arzt zur Selbstverständlichkeit?

Wie nachhaltig der momentane Run auf die Videosprechstunden ist, bleibt abzuwarten. Die Anbieter entsprechender Systeme geben sich – berufsbedingt – optimistisch. „Ich bin sicher: Ende dieses Jahres werden Patienten so selbstverständlich von einem Gespräch per Videocall sprechen wie vorher von einem Praxisbesuch“, sagt Katharina Jünger von Teleclinic. „Sie werden von den Inhalten der Konsultation berichten, nicht davon, wo sie stattgefunden hat.“

Das Uni-Klinikum in Hamburg dagegen, das sein telemedizinisches Angebot gerade stark ausweitet, hat offen gelassen, ob dieses Angebot auch nach Corona aufrecht erhalten wird. Darüber wolle man zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.

20 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Ich finde das nicht verkehrt mit der Telemedizin denn wen man nichts besonderes hat wie Erkältung oder Ohrenschmerzen . an sonntes kann der Arzt ja einen zu sich bestellen oder macht dann Hausbesuche bei älteren Menschen.
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wize.life-Nutzer
Ich find das auch gut ----- leider hat mein Hausarzt noch nicht die digitale Einrichtung dazu --- obwohl er noch ein jüngerer Mann ist
da bin ich wesentlich weiter ... mit meinen 76
wize.life-Nutzer
Kann ich mir nicht vorstellen, Horst. Jeder Arzt ist doch vernetzt, muss er schon alleine für seine Abrechnung mit den Krankenkassen. Ich denke mal, er möchte diesen Service - aus welchen Gründen auch immer - nicht anbieten.
wize.life-Nutzer
PC gibts zwar --- aber alles andere nicht
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wize.life-Nutzer
Kann man einen Herzschrittmacher über Videosprechstunde
und ein EKG auch über Videosprechstunde kontrollieren ?
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wize.life-Nutzer
grundsätzlich finde ich das gut!
Mich würde aber sehr interessieren, wie das dann mit der Krankenkassenkarte geregelt wird???
Bisher muss man ja einmal im Quartal die Karte in der Praxis einlesen lassen.
Gibt es da eine Regelung? Weiß das jemand?
wize.life-Nutzer
Die Ärzte haben ein mobiles Lesegerät für die Karten dabei, also jedenfalls bei uns hier in Frankreich.
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wize.life-Nutzer
"Sie müssen ihn anfassen, untersuchen und müssen ihn wirklich vor Ort haben.“ „Die Telemedizin ersetzt nicht das übliche Arzt-Patienten-Patienten-Verhältnis“,
So sehe ich das auch
wize.life-Nutzer
Ersetzt es sicherlich nicht, ergänzt es aber wunderbar. Bei uns wird derzeit per Videokonferenz und/oder Hausbesuch behandelt. Rezepte werden einfach ausgedruckt. Wir sind sehr zufrieden mit dieser Lösung.
wize.life-Nutzer
Das ist etwas für Menschen die sich einbilden krank zu sein und genau weil sie dies tun eigentlich auch schon krank sind. Hausbesuch???Videokonferenz??? Etwas für Menschen die glauben krank zu sein. Hört man dann eventuell erst damit auf wenn es diesbezüglich die ersten Toten gibt?
Meine Frau hat sich verdammt unwohl gefühlt. Also den Notarzt kommen lassen. Blutdruck und Puls zu hoch. Gibt sich wieder. Ist es in 1 - 2 Tagen nicht vorbei dann doch mal zum Hausarzt gehen. Ist sie mit Hilfe des Sohns und seinem Auto dann gleich noch am selben Tag. Glück gehabt. Es war genau der Tag an dem sie bis 18:00 Uhr auf hatte. Und von da an ging es verdammt schnell. Tatü-Tata, Helios Klinikum, Untersuchung, OP und um kurz vor 22 Uhr hat sie mich angerufen.
Herzinfarkt 2 Stands eingebaut. War höchste Eisenbahn. In 1 - 2 Tagen wäre sie auf dem Friedhof gewesen. So war sie nach 2 Tagen wieder zu hause und anschließend 6 Wochen in der Rehaklinik. Und wie will man das per Videokonferenz hätte bewerkstelligen wollen? Da wäre es auch zu spät gewesen. Also in meinen Augen ist das ganze Quatsch. Sagt auch unsere Hausärztin. Ganz nebenbei mal hinzugefügt eine ehemalige Klassenkameradin von mir, mit der ich von der 1. bis zur 8. Klasse in einer Klasse war. Was wenn der Patient vor dem PC umfällt? Das geht so alles garnicht wirklich. Da fehlen dann wertvolle Minuten Bis da wer in der Wohnung ist, kann man Tot sein wenn man alleine in der Wohnung ist. Und immer und immer wieder gibt es Menschen die auf die Dauer solch einen auf unrealistischen scheiß hereinfallen. Es wird erst geglaubt das es nicht wirklich funktioniert wenn die ersten Menschen an dieser Methode sterben.
wize.life-Nutzer
Willy, es geht bei uns um chronische, nicht um akute Erkrankungen! Bitte nicht immer alles aburteilen, wenn man die Einzelheiten nicht kennt.
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wize.life-Nutzer
Wie ist das dann als Privat-Patient?
wize.life-Nutzer
Die bekommen den Ton dann in 7 Kanalton. Der Kassenpatient nur in Mono.
wize.life-Nutzer
Über einen güldenen Kopfhörer von einem Arzt mit Krawatte und güldenen Knöpfen am weißen Mantel? Das würde mich dann schon beruhigen.
Und für das Volk überlegen sich die Krankenkassen bestimmt was Passendes = Billiges.
Überlegungen gibt es ja z.B. schon zum Thema Kosten im letzten Lebensjahr, die, oh Wunder, oft überproportional hoch sind. Wenn man die besser in den Griff bekäme ...
wize.life-Nutzer
Steht doch schon alles fest.
Privatpatient Bild in 8 k und Kassenpatient in SD. Damit man den Arzt, falls etwas schief geht, als Kassenpatient auch ja nicht wieder erkennt.
wize.life-Nutzer
D.h. zum sozialverträglichen Früh-Ableben gibt's dann für das Volk nur was Verpixeltes? Also noch VOR dem teuren letzten Lebensjahr, das ja dann eigentlich das Jahr NACH dem Ableben wäre?
wize.life-Nutzer
Ich sehe du denkst mit.
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wize.life-Nutzer
Das sollte man dazu auch erwähnen:
https://www.n-tv.de/panorama/Keine-t...paign=ntvde
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wize.life-Nutzer
ich glaube, daß sich, auf Grund der Erfahrungen, die gemacht wurden, in diesem Bereich einiges ändern wird.
wize.life-Nutzer
Sehe ich auch so.Von meinem Hausarzt weiss ich,dass es ,besonders ältere Patienten betreffend,leider oft der Fall ist wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt zu gehen ,um Mal wieder ausgiebig über alle möglichen
Mini Beschwerden reden zu können.Weil,entweder der Partner oder bei Alleinstehenden die Bekannten ,nach dem zehnten Mal ,wenn jemand nur jammert über die immer gleichen
Maläste,das einfach nicht mehr hören möchten.Aber....so sehen es leider manche : " Der Arzt
MUSS mir zuhören..."
Und das zwei Mal die Woche.
Fachärzte erleben das weniger,da der Hausarzt die Diagnose stellen muss,um an einen bestimmten Facharzt überweisen zu können.Und....Hausärzte verdienen oft nur einen Teil dessen,was Fachärzte verdienen.Ich glaube,dass gerade die Hausärzte das sehr begrüßen würden.
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