Geschichten aus der Praxis: Ist Gesundheit noch rentabel? Und wenn ja: Für wen?

Mediziner, denen Profit über das Wohl der Menschen geht. Kliniken, die Patienten zu oft operieren und "blutig" entlassen, um wirtschaftlich gut da zu stehen. Derartige Berichte häufen sich gerade. Und meine Patienten fragen immer öfter, ob die Medizin nur noch an Zahlen ausgerichtet ist. Was soll man darauf antworten, ohne zynisch zu werden?

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Es stimmt. Das deutsche Gesundheitswesen hat sich in den vergangenen zehn Jahren massiv verändert. Wie ich finde, nicht immer zu seinem besten.

Beispiel Nummer eins: Die Krankenhäuser

In den Kliniken wurde das Abrechnungssystem vollständig reformiert. Wo Behandlungen früher nach festen Tagessätzen vergütet wurden, erfolgt die Bezahlung der Kliniken heute nach sogenannten Fallpauschalen. Will heißen: Je nach Diagnose, Eingriff und möglichen Nebenerkrankungen des Patienten erhält die Klinik eine Pauschalvergütung, egal wie lange der Patient im Krankenhaus bleibt. Das hat den Vorteil, dass das früher praktizierte lange Liegen sich nicht mehr lohnt und Kliniken ihre Finanzen nicht einfach damit aufbessern können, dass sie Patienten als "Hotelgäste" behalten - auf Kosten der Versicherung. Die Schattenseite des neuen Systems: Es schafft den genau entgegengesetzten Anreiz, nämlich Patienten möglichst früh zu entlassen. Und es regt dazu an, möglichst viele Patienten zu behandeln.

Beides führt mitunter zu nicht ganz nachvollziehbaren Ergebnissen. Allerdings darf der Allgemeinzustand des Patienten nicht unberücksichtigt bleiben - und wird es in aller Regel auch nicht.

Trotzdem: Gerade ältere Patienten leiden unter dieser Neuregelung. Denn wo die alleinstehende ältere Dame mit dem gebrochenen Außenknöchel früher wenigstens so lange in der Klinik behalten wurde, bis sie sich sicher an Krücken bewegen konnte, muss sie heute in der Regel direkt im Anschluss an die Versorgung, spätestens aber nach wenigen Tagen nach Hause geschickt werden- und sich dort selbst um Hilfe bemühe, die sie in den folgenden sechs Wochen im Liegegips dringend benötigen wird.

Unmenschlich? Ich würde es anders formulieren. Denn hier hier wird eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft offenbar. Früher, zu Zeiten der Großfamilie, wären solche Schwierigkeiten gar nicht erst aufgetreten. Aber die steigende Zahl älterer alleinstehender Menschen führt zu eben diesen Konstellationen, in denen Hilfe von außerhalb der Familie nötig wäre - aber schwer zu finanzieren ist. Und auch wenn es hart klingt: Ein Liegegips als solcher ist wirklich kein Grund, einen Patienten im Krankenhaus zu betreuen- technisch ist dies zuhause gut möglich. Wenn jemand dafür zur Verfügung steht.

Beispiel Nummer zwei: Ambulante Operationen und deren Schattenseiten

Erst vergangene Woche hatte ich eine Patientin, die sich einer Kniegelenkspiegelung unterziehen musste. Und die ganz verzweifelt war, als sie erfuhr, dass sie nicht, wie bei einer ähnlichen OP vor zwölf Jahren, eine Woche im Krankenhaus bleiben darf. Der Grund: Der Eingriff wird inzwischen ambulant durchgeführt. Für zahlreiche andere Operationen wie etwa den klassischen Leistenbruch, Krampfadern-OPs oder die Entfernung von Schrauben nach Knochenbrüchen gilt das gleiche. All diese Eingriffe sind, so will es das Gesetz, ambulant durchzuführen, wenn nicht schwerwiegende Gründe dagegen sprechen. Doch was ist schwerwiegend? Dass ein Patient noch Schmerzen hat, dass er mit Krücken nicht zurecht kommt oder im vierten Stock ohne Aufzug wohnt, genügt den Kassen, also den Zahlmeistern, jedenfalls nicht. Will heißen: Wenn eine Klinik solch einen solchen Patienten stationär behandelt, also im Krankenhaus behält, bis er halbwegs wiederhergestellt ist, bleibt sie fast immer auf den Kosten sitzen. Die Kassen zahlen die erbrachten Leistungen einfach nicht, weil sie in ihren Augen nicht notwendig waren.

Beispiel drei: Blutige Entlassung, schmerzhafte Reha

Ein bisschen anders gelagert sind Fälle, bei denen Patienten größere Eingriffe, etwa Hüft- oder Knieprothesen erhalten. Auch hier hat sich die Aufenthaltsdauer in der Operationsklinik im Vergleich zu früher etwas verkürzt- die Patienten werden vorzeitig in Reha geschickt. Nicht immer zu ihrem Vorteil. Denn mit noch kaum verheilten Wunden, erheblichen Schmerzen und fehlender Belastbarkeit sind die Möglichkeiten der Rehakliniken nachhaltig eingeschränkt. Mit dem Erfolg, dass der (an sich mögliche) Rehaerfolg in vielen Fällen nicht voll erreicht werden kann.

Etwas Aufmunterndes zum Schluss

Ist also das ganze Gesundheitswesen nur noch eine einzige Mangelverwaltung? Die Antwort auf diese Frage lautet - trotz aller Probleme: Nein.

Wir klagen – im europäischen Vergleich – auf reichlich hohem Niveau. Vielen unserer Nachbarländer sind die kurzen Krankenhausaufenthalte seit langem Gang und Gäbe. Und eine anschließende Reha, gar stationär in einer Rehaklinik – sind dort eine Rarität. So bekam eine gute Bekannte von mir in Holland vor vier Jahren eine neue Hüfte. Sie war zu diesem Zeitpunkt 70 Jahre alt, ihr Mann zehn Jahre älter und schwer herzkrank. Nach sechs Tagen erfolgte die Entlassung aus der Klinik mit dem Rat, das Bein noch für sechs Wochen an Krücken zu entlasten und anschließend gegebenenfalls Physiotherapie zu machen. Dies wäre bei uns undenkbar. Meine holländische Bekannte hat sich nichts dabei gedacht. Hat das als völlig normal hingenommen.

Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die Verweildauern in unseren Krankenhäusern auch nicht so enorm gesunken, wie häufig propagiert wird. Durchschnittlich zwei bis drei Tage kürzer bleiben Patienten etwa nach Hüft- oder Kniegelenkersatz in der Akutklinik- damit sind wir im europäischen und weltweiten Vergleich immer noch bei den Langliegern. Und werden es wohl auch bleiben. Denn trotz aller Kritik: Unser Gesundheitssystem ist weit menschlicher als viele andere. In England etwa würde einem Patienten in fortgeschrittenem Alter ein neues Knie gar nicht mehr finanziert- damit entfällt auch das Problem der anschließenden Rehabilitation. Auch eine pragmatische Lösung- die für mich nicht akzeptabel ist.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich kommende Woche noch eingehender mit der aktuellen Kritik an deutschen Operationszahlen auseinandersetzen- und vielleicht ein paar Aspekte anführen, die nicht rein wirtschaftlicher Natur sind. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen schönen Feiertag und : Bleiben Sie gesund!

Lust auf mehr "Geschichten aus der Praxis"? Alle Kolumnen finden Sie hier.

14 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Wenn Studenten den Beruf eines Arztes nur mehr des Geldes wegen ergreifen, dann ist diese Entwicklung bedenklich. Arzt zu sein hat etwas mit Berufung und Behandlung zu tun. Empfinden Sie bei Ihrem Arzt, daß er aus Berufung handelt? Behandelt er Sie, oder hat er bereits verlernt -oder nie gelernt, den Patienten anzugreifen?
Das Gesundheitsbudget platzt aus allen Nähten, bald werden 10% des BIP nicht mehr reichen. Das subjektive Gesundheitsgefühl, nach Klassifikation der WHO ist aber eher gesunken. Menschen werden oder sind bereits multimorbid und befinden sich in einem ständig subjektiv wahrnehmbaren Krankheitszustand. Weniger wäre oft mehr.
Schwierige orthopädische Operationen durchzuführen, ohne bereits vor dem Zeitpunkt der Operation für die Frühmobilisierung und Nachsorge Anschlußtermine fixiert zu haben, halte ich für grob fahrlässig und werden dadurch zudem enorm hohe Kosten verursacht, ohne signifikante und bleibende Verbesserung des Gesundheitszustandes.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ich habe mich ein Jahrzehnt mit dieser Problematik befaßt. Dem heutigen Gesundheitssystem ist nicht zu trauen. Wenn man dieses System anspricht, dann ist immer nur der intramurale Bereich gemeint. Vielmehr gibt es aber vorgelagerte Versorgungseinrichtungen welche völlig versagt haben. Kennen Sie noch einen guten Hausarzt, der die Familie kennt und auch betreut, bereit ist Hausbesuche zu machen, Diagnosen ohne großes Anwerfen der Gerätemedizin erstellen kann? Ich kenne keinen. Es wird nur mehr nach dem Ausschlußverfahren gearbeitet, befundet und rundum an mehr oder weniger befreundete Ärzte weiter überwiesen, man will ja kollegial sein. Befunde über Befunde, wo bleibt die Therapie. Und selbst wenn zur Therapie geschritten wird, fächerübergreifende Kolloquien finden viel zu selten statt. Ärzte therapieren zwar dann, der Internist mit Medikamenten, der Chirurg will operieren, der Rötgenologe will unbedingt bestrahlen, die Maschinen und Anlagen sind auszulasten und rentierlich zu hal ten.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Sicher wäre vielen Patienten ihr Leid erspart, wenn die Schulmedizin den Status einer Wissenschaft erringen könnte. Es gibt zwar schon diese Medizin, doch die ZUNFT der Schulmediziner hat ihre Verbreitung bisher erfolgreich verhindert.

AZK II - "Germanische Neue Medizin®" - Harald Baumann
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Jeder der eine hochqualifizierte Leistung anbiett, muß auch entsprechend entlohnt werden, überhaubt wo diese Leistungen ein hohes Risoko beinhalten. Das ist in der Medizin leider nicht so..............!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Gesundheit ist für die Patienten unheimlich wichtig und für die Ärzte ein Verlustgeschäft. Wie soll so eine Deinstleitun dann funktionieren?
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ja das stimmt schon was Holland angeht, eine gute Nachbehandlung in der "Reha "gibt es nicht,wenigstens noch nie gehoert oder erfahren. Wohne seit 1960 in Holland.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Sehr guter Beitrag - danke
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ich kenne die Lage der Patienten, und die der Krankenhäuser, meine Tochter ist sed 24 Jahren Krankenschwester, auch die haben ganz schön zu tragen an der Lage.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Wir haben doch ein hervorragendes Gesundheitssystem in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Länder in der EU. Der Patient sollte auch mitdenken und mitarbeiten, nur so sind auch weniger kompetente Mediziner, wie ich es erfahren habe, heraus zu filtern.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Tschuldigung: es heißt: Fortsetzung!!!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.