Tiny House: Mit einer Terrasse wird's gleich noch viel schöner
Tiny House: Mit einer Terrasse wird's gleich noch viel schönerFoto-Quelle: Atelier Seitz
Auf Rädern in die Zukunft – Tiny House ganz groß

In der Corona-Krise hat sich ein traditioneller Messebauer aus Oberbayern als Start-up neu erfunden. Statt den Betrieb in der Pandemie-Flaute herunterzufahren, gaben die Team-Worker des Atelier Seitz erst recht Gas. Ihr fahrbares Tiny House ist nicht nur ein echter Hingucker geworden, sondern gleichzeitig Symbol des Aufbruchs. Ein Hausbesuch.

Wie viel Platz braucht ein erfülltes Leben? 200 Quadratmeter, 100 oder tun es vielleicht auch weniger? Viel weniger? Die Architekten und Designer des Atelier Seitz aus Niederneuching im Landkreis Erding veranschlagten rund 20 Quadratmeter für ihre Idee vom Wohnglück. Ihr Tiny House auf Rädern sollte aber nicht nur Platz sparen, sondern auch Komfort bieten. Doch wie geht das zusammen?

Es sind Bilder von Freiheit, Abgeschiedenheit und Abenteuer, die beim Stichwort Tiny House das Kopfkino befeuern. Irgendwo an den Rand der Zivilisation sein Häuschen hinfahren, abkoppeln und das Leben fortan inmitten wilder Natur genießen. Am besten mit einem See vor der Tür und Berge hinter der Terrasse. Klein, aber fein sollte es sein. Modern und minimalistisch. Ein Hauch von Camping-Feeling, aber bitte alltagstauglich.

Leben im Kleinen: Gefühl von Freiheit und möglichst wenig Ballast
Leben im Kleinen: Gefühl von Freiheit und möglichst wenig BallastFoto-Quelle: Atelier Seitz

An einem sonnig-kalten Vormittag im März steckt Alfons Burgmair, Geschäftsführer des auf Messebau spezialisierten Atelier Seitz, den Schlüssel ins Schloss und sperrt auf. Der Tiny-House-Prototyp parkt auf dem weitläufigen Firmengelände mit mehreren Produktions- und Lagerhallen sowie Kreativ-Zentrale. „Hereinspaziert“, sagt der gelernte Schreinermeister. Der erste Eindruck: Groß!

Erstaunlich großzügig

Die Fensterfronten und das asymmetrische Sheddach machen den Wohnraum hell. Küche, Esstisch, Schränke und Sitzmöglichkeiten sind exakt platziert. Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Wohn- zum Schlafzimmer umbauen. Auch im Bad mit Dusche, Waschbecken und Toilette kommt keine Platzangst auf. Der Prototyp steht auf einem Spezial-Anhänger von Vlemmix. Er ist 8,40 Meter lang, 2,55 Meter breit und 3,92 Meter hoch. Ein cooles Heim.

Das Tiny House steht auf einem Anhänger
Das Tiny House steht auf einem AnhängerFoto-Quelle: Atelier Seitz

„Die Idee entstand im Frühjahr 2020 und war eigentlich aus der Not heraus geboren“, berichtet Burgmair. „Nachdem Corona bedingt eine Messe nach der anderen abgesagt wurde, haben wir uns mit unseren Mitarbeitern zusammengesetzt und gefragt: Was können wir tun?“ Das Unternehmen sollte eine Zukunft haben und nicht nur auf eine stolze Geschichte zurückblicken.

Aufbruch in die Zukunft

Gegründet würde das Atelier Seitz 1962 von Hans Seitz in der Münchner Au. Einer der ersten Aufträge war ein Messestand für die Auto Union AG. Auch Bühnendekorationen für große Theater wie das Schauspielhaus Hamburg oder Set-Design für Filmproduktionen baute der kleine Betrieb und wuchs im Laufe der Jahrzehnte zu einem vielfach ausgezeichneten Mittelständler mit 70 Mitarbeitern. Heute ist das Atelier Seitz Spezialist für die Gestaltung und Realisierung dreidimensionaler Markenkommunikation. Kreativ in der Planung, präzise in der Umsetzung – so lautet der eigene Anspruch.

„Wir hätten natürlich auch den Kopf in den Sand stecken und hoffen können, dass plötzlich etwas passiert und die Messen wieder öffnen dürfen“, sagt Co-Geschäftsführer Michael Kapper. „Aber das war nicht unser Ansatz. Wir wollten aktiv werden.“ Dafür initiierten die Unternehmenslenker einen hausinternen Ideenwettbewerb, aus dem insgesamt 36 Ideen hervorgingen. Nach einer Marktanalyse blieben drei davon übrig: ein Kinderbett, ein Spielhaus und eben das Tiny House.

Tiny Life - big living

Im Juli starteten dann die einzelnen Projektteams aus Architekten, Designern und Konstrukteuren. „Auch unser Gründer Hans Seitz hat sich davon mitreißen lassen und ist von den Ideen begeistert“, erklärt Kapper. „Er freut sich natürlich auch, dass es weitergeht.“ Keine Selbstverständlichkeit in pandemiegeplagten Zeiten wie diesen und auch Ausdruck von Unternehmergeist im besten Sinn des Wortes.

Seit dem 23. März können Kunden das schicke Mini-Haus nun unter dem Label „Tiny Life“ bestellen. „Wir setzen Kundenwünschen keine Grenzen“, betont Alfons Burgmair. Und fügt an: „Wenn sie sich denn zwischen sechs und neun Meter Länge und bis zu vier Meter Höhe bewegen.“ Diese Maße hängen zum einen von den Vorgaben des fahrbaren Untersatzes ab. Zum anderen aber auch von der Straßenverkehrsordnung, welche ein Maximalgewicht von 3,5 Tonnen vorgibt. Soll es größer werden, kann das Team von Tiny Life den Wohntraum der Kunden auch als Modulhaus, ohne fahrbaren Untersatz, realisieren.

Küche, Ess- und Schlafzimmer mit ausreichend Stauraum
Küche, Ess- und Schlafzimmer mit ausreichend StauraumFoto-Quelle: Atelier Seitz

Die Preise starten bei 39.000 Euro für das kleinste Modell mit etwas über 13 Quadratmeter Nutzfläche. Beim Premium-Modell mit 18,5 Quadratmeter und Vollausstattung kommt man auf rund 100.000 Euro. Fußbodenheizung und Bad ist in allen Modellen serienmäßig, Küche und Mobiliar werden auf Wunsch gefertigt. Wer will, kann sich sein neues Heim auch liefern lassen. „Abstellen, anschließen, lächeln“, verspricht Kapper. „Bei uns gibt es das volle Programm.“ Co-Geschäftsführer Burgmair ergänzt: „Und zwar in höchster Qualität aus einer Hand.“

Die Tiny-Life-Macher mit den Geschäftsführern Michael Kapper (rechts oben) u ...
Die Tiny-Life-Macher mit den Geschäftsführern Michael Kapper (rechts oben) und Alfons Burgmair (zweiter von links, Mitte)Foto-Quelle: Atelier Seitz

Nur wohin damit, wenn’s fertig ist? In Deutschland kann man sein Mini-Haus nicht einfach in den Garten stellen. Soll es dauerhaft an einem Ort bewohnt sein, müssen Bauordnung und Bebauungsplan eingehalten und eine Baugenehmigung eingeholt werden. Das Grundstück muss zudem erschlossen sein. Noch gibt es kein vereinfachtes Baurecht für Tiny Häuser.

Wohnform mit großem Potenzial

Alfons Burgmair sieht trotzdem jede Menge Potenzial: Private Tiny-House-Siedlungen zum Beispiel, die derzeit meist auf private Initiative entstünden. Aber auch Kommunen, die Mini-Häuser zur Zwischennutzung auf freien Flächen aufstellen und sie dann, wenn später etwa ein Kindergarten oder Seniorenheim gebaut wird, ganz einfach wieder wegfahren könnten. Oder das Tiny House als Wochenendhäuschen. Möglich wäre zudem eine Nutzung auf dem Campingplatz mit Dauerstellplatz. Das Tiny House „on wheels“ sei zwar transportabel, aber nicht zum permanenten Reisen gedacht. „Was aber ginge, wäre im Sommer am Meer, im Winter in den Bergen“, schlägt Burgmair vor.

Großzügiges Bad mit Dusche
Großzügiges Bad mit DuscheFoto-Quelle: Atelier Seitz

Was unterscheidet eigentlich ein Tiny House von einem Wohnwagen? Räder haben sie ja beide unter dem Fußboden. Michael Kapper lacht, war er doch selbst schon mal mehrere Monate mit einem Wohnwagen unterwegs. Der große Unterschied besteht für ihn neben der totalen und eingeschränkten Mobilität in den verwendeten Materialen. Und auch das Lebensgefühl sei ein ganz anders. „Wohnwagen ist campen, Tiny House ist echtes wohnen“, fasst Kapper zusammen. „Das Tiny House besitzt eine andere Wertigkeit. Es ist aus natürlichen Materialien gebaut und auch gedämmt. Außerdem gibt es ganz offensichtliche Unterschiede im Design.“

Schlafplatz mit Aussicht
Schlafplatz mit AussichtFoto-Quelle: Atelier Seitz

Das flexible Konzept habe viele Anwendungsmöglichkeiten, erklärt Michael Kapper. Es richte sich vor allem aber an die wachsende Gruppe der berufstätigen Singles, die kompakt und trotzdem komfortabel und nachhaltig leben wollten. „Aber beispielsweise auch an jung gebliebene Ältere, die ihren Lebensstil, nun da die Kinder aus dem Haus sind, aufs Wesentliche reduzieren wollen.“ Stichwort: Downsizing. Minimalismus. Individualismus. „Für Familien mit Kindern wird es auf Dauer eher nicht funktionieren“, sagt Alfons Burgmair zum Ende des Hausbesuchs in Niederneuching fast ein wenig entschuldigend. Jeder, der selbst Kinder hat, weiß warum.

Am besten aber Sie machen sich selbst ein Bild vom Tiny Life.

88 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Das ist wirklich eine Alternative zum hektischen, teilweise auch stressigem Großstadtleben. Aber erst einmal ein Grundstück in guter Lage zu finden...das ist doch das Hauptproblem. Die Anschaffung eines großen Hundes wäre dort meine
erste Aktion.
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wize.life-Nutzer
Auch für uns, genau das Richtige. Probleme beginnen mit der Suche nach dem richtigen Grundstück.
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wize.life-Nutzer
das wär genau etwas für mich..
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wize.life-Nutzer
Und wo darf damit in Deutschland auf Dauer parken?
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wize.life-Nutzer
Die Idee ist fast primitiv - positiv gemeint!!!
Auf die Frage - was braucht ein Mensch? ist es bestimmt eine "mögliche Antwort"
es fehlt aber wie bei allem Lösungsvorschlägen die Antwort auf:
Wenn das alle machen?
Wenn diese romantischen Fotoplätze nicht mehr frei sind oder das 20 bis 50-fache des Häuschens kosten?
Ähnlich der Entwicklung von Auto oder Handy oder auch der Schallplatte sehe ich sehr wenig Nutzen für die Gesellschaft, eher den Nutzen für einige wenige auf sehr begrenzte Zeit.
Und leider kommt unsere Politik eher mit Hemmschuhen als mit Hilfswerkzeugen um die Ecke. Und der Trend zum Wohnwagen oder Wohnmobil ist schon absehbar nicht mehr mit ausreichend Stellplatzen zu beliefern.
Die Grünen möchten gerne nur noch mehr-Familienhäuser bauen, um Bodenversiegelung zu begrenzen---
passt so einiges nicht ganz zusammen...
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wize.life-Nutzer
Nur etwas jünger und das wäre mein neues Zuhause 👍🥰
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wize.life-Nutzer
Warum nicht ich finde die kleinen rollenden Häuschen toll. Die Frage was braucht man zum Glücklichsein ist berechtigt.
Nicht wirklich viel und Raum ist in der kleinen Hütte.
Man meint vielleicht dass man alles was um einen herum ist braucht und dass man nicht darauf verzichten kann.
Dabei gibt es sicherlich Dinge von denen man sich trennen kann weil man sie nicht mehr braucht. Vor allem vieles was auf den Speicher oder in den Keller verfrachtet wird.
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wize.life-Nutzer
da bin ich lieber mit meinem Gespann "Santa & Wilki" auf Reise. Bin da wesentlich beweglicher
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wize.life-Nutzer
Toll. Das Homeoffice richtet man sich dann in der Dusche ein?
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wize.life-Nutzer
ich habe mir was ähnliches gebaut zum abschalten...
wize.life-Nutzer
ist wohl nur fürs WE
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