Lauritz liest: „Unterm Rad“ oder „Was taugt das deutsche Schulsystem?“
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Lauritz liest: „Unterm Rad“ oder „Was taugt das deutsche Schulsystem?“

Hochbegabtenklassen, PISA-Studien und Eliteförderung. Sie meinen, das sind Phänomene des neuen Jahrtausends? Weit gefehlt. Schon 1906 setzte sich Hermann Hesse in seiner Erzählung „Unterm Rad“ mit dem Thema „Eliteförderung“ auseinander – und kam zu einer traurigen Erkenntnis.

In meinem Psychologie-Studium lerne ich viel über das Thema „Intelligenz“. Egal, ob in der Forschung oder bei der Personalauswahl, Intelligenztests sind in diesen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Und auch in den Schulalltag haben derartige Prüfungen schon Einzug gehalten. Kinder mit hohen IQ-Werten werden in Hochbegabtenklassen gesteckt, wo sie eine spezielle Förderung erhalten. Alle anderen Kinder kommen in die „normalen“ Klassen.

Doch wird man mit einem Blatt Papier, auf dem die Schüler ein paar Kreuze setzen und Figuren zu Ende zeichnen müssen, den Fähigkeiten der Kinder wirklich gerecht? Und außerdem: Ist es wirklich sinnvoll, schon so früh eine Trennung herbeizuführen zwischen den (scheinbar) leistungsstarken Kindern und den (scheinbar) Leistungsschwächeren?

Das Dilemma der Dichter und Denker

Auch Hans Giebenrath aus Hermann Hesses Erzählung „Unterm Rad“ geht es nicht anders. Seine Schulleistungen sind die besten im ganzen Dorf. Logisch, dass sowohl sein Vater als auch der Schulleiter ihn weiter fördern wollen. Also wird er von seinen Mitschülern ferngehalten und erhält Einzelunterricht vom Direktor. Doch eigentlich will Hans nichts weiter, als ein normaler Junge zu sein, der angelt und Holzfiguren bastelt.

Dieser Wunsch wird ihm allerdings nicht erfüllt – er wird von seinem Vater auf eine strenge Klosterschule geschickt, um ihn zum Pastor auszubilden. Zunächst fügt sich Hans, er arbeitet wie gewohnt gewissenhaft und erzielt gute Noten. Doch seine Disziplin und Gehorsam bröckeln langsam, als er sich mit seinem Mitschüler Hermann anfreundet. Der macht sich wenig aus den Regeln der Klosterschule und ermöglicht Hans durch seine rebellische Art eine neue Sicht auf ein Leben abseits von tagelangem Lernen.

Zwischen den beiden entwickelt sich bald eine tiefe Freundschaft. Als Hermann eines Tages wegen eines Fluchtversuchs von der Schule fliegt, ist Hans tief erschüttert. Das Kollegium beschuldigt Hans, von den Ausbruchsplänen gewusst zu haben. Die Verdächtigungen und der zunehmende Leistungsdruck gehen soweit, dass Hans schließlich zusammenbricht und zur Kur in die Heimat geschickt wird.

Doch der junge Mann ist gebrochen. Zu hoch waren die Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, zu sehr schmerzt ihn der Verlust seines Freundes – Hans erholt sich nicht mehr. Rastlos und desillusioniert spielt er mit Suizidgedanken; ob sein Ertrinken am Ende des Buches eine Umsetzung dieser Gedanken oder ein Unfall war, bleibt offen.

Eine sinnvolle Trennung?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass gerade durch diese Einteilung in „gescheite“ Kinder und „weniger gescheite“ Kinder oft eine riesige Kluft zwischen den Schülern entsteht, die bis hin zur Isolation führen kann: Hochbegabte, das sind die uncoolen Streber. Dass die häufig von allen Seiten enormen Leistungsdruck verspüren, kümmert die wenigsten.

Ihre Meinung ist gefragt. Was denken Sie über den Fall Hans Giebenraths - und das Bildungssystem in Deutschland? Brauchen Schüler den Wettbewerb, um zu wachsen - oder baut eine zu frühe Selektion zu großen Leistungsdruck auf? Welche Erfahrungen - gute wie schlechte - haben Sie auf der Schule gemacht? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

7 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Fortsetzung:So wäre auch der Streber-Effekt ausgeschlossen. Werden sie jedoch getrennt hochgepuscht, kann leicht das Gefühl der Überheblichkeit wachsen.
Der Ungerechtigkeit der angemessenen Schulbildung aufgrund unterschiedlicher sozialer Stellung könnte entgegengewirkt werden, wenn alle Kinder pflichtmäßig früher eingeschult würden, wobei der Übergang vom Spielerischen zum Schulischen weniger abrupt und fließender gestaltet werden könnte.Denn die Kinder sozial schwacher Familien, die nicht in (teuren!) Kindergärten waren, sid schon bei Schulbeginn deutlich im Nachteil.
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wize.life-Nutzer
Der frühe Wechsel von der Grundschule auf's Gymnasium bringt, meiner Meinung nach, mehr Nachteile als Vorteile mit sich. Die soziale Struktur der Klassengemeinschaft zerfällt in einer Zeit, in der die
Schüler sich dessen gerade bewußt geworden sind. Ich kann mich erinnern, daß ich die 50 Pfennig Aufnahmegebühr für's Gymnasium, die mir meine Mutter mitgegeben hatte, nicht einzahlen wollte, weil meine Klassenfreundin dann nicht mehr mit mir zusammen gewesen wäre. In anderen Ländern (z.B. Italien) sind alle Kinder acht Jahre zusammen in der gleichen Klasse, danach erst trennen sich ihre Wege. In diesem Alter sind dann auch Neigungen besser zu erkennen, der junge Mensch selbst hat schon mehr Ahnung, was er selber will oder nicht und die sozialen Unterschiede können sich in dieser Zeit eher ein wenig angleichen.
Hochbegabte getrennt von den anderen zu fördern halte ich nicht für so gut. Sie könnten ihr größeres Potential sozial sinnvoll einsetzen und den Schwächeren helfen.
wize.life-Nutzer
Ich möchte mich deiner Meinung anschließen.Die Kinder sollten bis zur 8.Klasse zusammen sein.Zu meiner Schulzeit war es so.1961-71.Wir waren ein klasse Team,haben viel Blödsinn gemacht und auch viel erlebt.Bis heute freut man sich,wenn man einen ehemaligen Klassenkameraden trifft.
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wize.life-Nutzer
Die Trennung der Kinder nach der Grundschule im Alter von 10 Jahren erfolgt zu früh. Viele "Spätentwickler" werden dadurch in ihrem weiteren Bildungsweg ausgegrenzt. Leider sind die Schüler der Hauptschule heutzutage bereits frühzeitig als Versager abgestempelt. Mit dem Hauptschulabschluss stehen nur wenige Berufe zur Auswahl, sollten diese Kids überhaupt die Chance bekommen einen Beruf erlernen zu können.

Viele Berufe wie z.B. einfache kaufmännische Tätigkeiten, setzen heute Abitur oder Fachabitur voraus. Mit der Mittleren Reife kann man gerade noch im Handwerk oder in der Industrie einen Ausbildungsplatz ergattern.

Kinder aus vermögendem Elternhaus werden sowieso meist auf Privatschulen geschickt, wo sich eine neue ELITE bildet, die dort Seilschaften für den Rest des Lebens knüpfen wird.

Werden die Kinder von Haus aus nicht gefördert, bleiben die meisten auf der Strecke. Die soziale Herkunft ist entscheidend über den beruflichen Werdegang.
wize.life-Nutzer
So ist es und wir brauchen die Heloten für einige Tätigkeiten und mit Soma sind sie glücklich. Und wir können uns dem Glasperlenspiel widmen.
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wize.life-Nutzer
wir leben in einer Fun-Gesellschaft und unsere Kinder wollen auch nur fun auf dem niveau von Raab und Barth etc. so müssen wir uns damit vertraut machen: es gibt welche, die noch lesen und neugierig sind und mit Glasperlen spielen und die anderen sind zufrieden mit Brot und spiele; d.h. mit Reisen nach Bali und dem neuesten ipod.
wize.life-Nutzer
Lieber Udo, wahrscheinlich geht es in dem Text um Bildung und nicht nur um Fun. Mein Bruder fliegt auch nach Bali, weil er meint dort mehr zu finden als an der Nordsee.
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