Haarige Experimente: Wie Bärte, Perücken und Koteletten uns verändern

Schon mal aufgefallen? Die Haare des Menschen verändern auch bei nur leichten Detailverschiebungen den optischen Eindruck grundlegend. Irgendwie ist unsere Wahrnehmung auf die Körperhaare gerichtet. Wehe, wenn sie fehlen, wehe, zuviel davon stehen im Gesicht und auf dem Kopf herum. Oder sonstwo. Außerdem ist keiner mit seinem Haar zufrieden. Oder?

Die Psychologie weiß ja zu jedem Thema Entscheidendes zu berichten: Haare und Frisuren, so der Fachmann, signalisieren der Welt, zu welcher sozialen Gruppierung man gehört: Der wild gefärbte lila Schopf zeigt, dass vom Träger Unkonventionelles erwartet werden kann, die betuchte, ältere Dame trägt blonden Pagenkopf, der männliche Protz Bart und! Koteletten. Der/die Person mit der Perücke möchte ihr Aussehen verfälschen und idealisieren- oder ganz inkognito bleiben.(Dabei spreche ich jetzt nicht von gesundheitlichen Problemen oder der Krebstherapie)

Massive Veränderungen möglich
Fakt ist, nur kleine Nuancen an den Haaren werden von der Umwelt sofort wahrgenommen, weil sie das Gesamterscheinungsbild des Menschen grundlegend verändern.

Das ist auch der Grund, warum kaum jemand mit seiner Haarpracht, seiner Frisur oder der Haarkonsistenz zufrieden ist: Zu dünn, zu dick, gekräuselt oder zu glatt, zu blond, zu schwarz, zu grau, zu viel, zu wenig. Das Friseurhandwerk kann ein Lied davon singen, wie viele Kunden unglücklich mit ihren Köpfen sind. Da muss schon viel Gezwirbel, Spray, Festiger her, um – wenigstens für einige Tage- die Illusion zu leben, dass es „doch irgendwie geht“. Spätestens nah der ersten Wäsche nach dem Friseurbesuch schaut man in den Spiegel und ist auf dem Boden der Tatsachen zurück.

Bärte und Koteletten, Perücken
Die Haarmode beim Mann unterlag und unterliegt massiven Veränderungen.
Während im 19. Jahrhundert noch Sir Conan Doyle in seinen „Sherlock Holmes-Geschichten anerkennend von seinen „clean shaved“- Klienten spricht, macht der „Kaiser-Wilhelm-Bart“ im frühen 20. Jahrhundert als Ausdruck einer respektablen Männerpersönlichkeit Karriere. Der „Drei-Tage-Bart“ erreichte in jüngster Zeit Anerkennung als „sexiest-man-alive“- Existenzform, während Frauen in den 60-70er Jahren die Glatze als höchste, erotische Haarform propagierten. Bei den Frauen der 80er galt, mindestens in den USA, „the big hair, also die wilde, langhaarige, dichte Mähne zur Berühmtheit, während zu anderen Zeiten der Bubi-und Pagenkopf den Vorzug erhielten.
Perücken, eine Erfindung des 17. Jahrhunderts, verführten etwa in Frankreich, dazu, den Stil und das Aussehen des gesellschaftlichen Auftritts am Hofe aneinander anzugleichen, quasi als Bestandteil der Kleiderordnung. Dass sie darüber hinaus das ungewaschene und auch durchaus riechende Kopfhaar zu verdecken ermöglichten, war eine Maßnahme der Hygiene (Läuse).

Lang ist gleich frei
Langes Haupthaar war durch alle Kulturen hindurch als Körperschmuck auch ein Zeichen für Freiheit, in der griechischen Mythologie trugen vor allen Dingen die unbändigen Krieger die Haare ungeschnitten. Bei den Römern allerdings galten die unrasierten Langhaarigen als Barbaren. Der afrikanische Kontinent widmete dem Haar Methoden der Flechtung, Afro-Look und kunstvolle Schraubungen mit eingeflochtenem Zierrat prägten hier die Frisuren aufgrund der natürlichen Kräuselung, die wiederum in Europa zugunsten des glatten Haares abgelehnt wurde. Bis heute gelten ungebundene, lange Haare bei Männern als besonderes Zeichen des Unangepasstseins, während umgekehrt bei Frauen der extreme Kurzhaarschnitt als Zeichen von Aufgeklärtheit, Rollenverweigerung und Avantgarde gilt.

Glänzend gesund
Der geflochtene Zopf galt den Asiaten als Zierde für einflussreiche Priester oder Anführer, war also etwas Besonderes. Rastalocken oder die geflochtenen Zöpfe der orthodoxen Juden definierten ihren Träger als zugehörig zu einer bestimmten kulturellen Gruppe. In Europa trat der geflochtene Zopf vor allen Dingen bei Frauen auf, war er glänzend und dick, galt seine Trägerin als gesund und war dementsprechend als Partnerin heiß begehrt (s. das Märchen „Rapunzel“). Die orientalischen Völker definieren das lange Haupthaar als „Schleier der Frau“.

Unendliche Vielfalt
Man sieht: Haare verändern den Menschen, ihre vielfältigen Ausdruckformen sind Zeichen sich verändernder Kulturen. Ob wir wollen oder nicht, unser Haarschnitt signalisiert kulturelle Positionen. Die Geschichte des Haares wird unendlich fortgeschrieben werden, denn es hat doch eine (beruhigende) Eigenschaft: Es wächst immer wieder nach.

Nachtrag Haarausfall
Es gibt - nicht wenige- Menschen, bei denen generelle Erkrankungen, angeborene genetische Disposition oder die Krebstherapie einen Haarausfall verursachen. Hier hilft: Angst überwinden! Kopfhaut massieren, gesunde, bewusste Ernährung, der Wirkstoff Minoxidil hat Ergebnisse gezeitigt. In jedem Fall: nicht laufen lassen, aktiv werden. Es geht um die Aktivierung und die Nährstoffversorgung/ Durchblutung der Haarwurzeln, denn das Haar selbst ist totes Keratin. In der Phytotherapie ist die Langzeitwirkung von Brennessel-Haarwasser bekannt, die Homöopathie bringt Bärlapp D6 ins Spiel, die Medizin das Vitmin B5 (= Panthotensäure), mit dem übrigens die meisten frei verkäuflichen Präparate bestückt sind. Das alles sollte man mit Hautarzt und Heilpraktiker besprechen. Nicht zuletzt sind extreme psychologische Belastungszustände als Ursache identifiziert und sollten so schnell wie möglich beendet werden, falls das geht.

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