Uhr an portugiesischem Bahnhof
Uhr an portugiesischem BahnhofFoto-Quelle: Tiago Fernandes
Lauritz liest: "Uhr ohne Zeiger" - vom Warten auf den Tod

"Uhr ohne Zeiger" von Carson McCullers

Die Diagnose: Leukämie. Die Einschätzung des Arztes: noch etwa ein Jahr zu leben. J. T. Malone aus dem im Diogenes Verlag erschienenen Roman 'Uhr ohne Zeiger' wird gesagt, dass er bald sterben wird. Für ihn stellt sich im Buch (deutsch von Elisabeth Schnack) die Frage, wie es in den wenigen verbleibenden Monaten weitergehen soll. Und mir zeigt es, wie schwer die Auseinandersetzung mit dieser Frage sein kann …

Man stelle sich folgendes Szenario vor: der Arzt sagt einem, man sei unheilbar krank und habe nur noch wenige Monate zu leben. Als Fakt, als Tatsache, die nicht zu verrücken ist. Wie würde man wohl reagieren? Mit Unglauben, Verzweiflung, Wut? In einem Beratungsseminar in meinem Psychologie-Studium haben wir diese Szene einmal durchgespielt. Und es war erstaunlich, wie diese inszenierte Situation echte Emotionen hervorrufen konnte. Manche waren resigniert, andere tobten aus Zorn und wieder andere verstummten vollkommen.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers hat sich in ihrem letzten Roman "Uhr ohne Zeiger" mit dieser Thematik befasst. Sie war selbst zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung, 1961, schon schwer krank und die Auseinandersetzung mit dem Sterben war ihre tagtägliche Begleitung.
Erst Unglaube, dann Trotz und schließlich Einsicht. Wie die meisten ihrer Erzählungen spielt auch "Uhr ohne Zeiger“ in einem US-amerikanischen Südstaaten-Städtchen. Der Apotheker Malone ist ein angesehener Bürger im Ort. Weil er sich seit einigen Wochen unwohl fühlt, entschließt er sich letztendlich doch, einen Arzt aufzusuchen. Dieser eröffnet Malone nach einigen Tests ganz lapidar, er habe Blutkrebs und nur noch ein gutes Jahr Lebenserwartung. Der Apotheker, gerade mal Anfang 40, macht die meisten Phasen eines Traumatisierten durch. Zunächst zeigt er Ablehnung gegenüber der Diagnose. Er hält sein Kränkeln für ein harmloses Frühlingsfieber und führt seinen Alltag wie gewohnt fort. Dabei holt er sich immer wieder Rat von einem befreundeten und in die Jahre gekommenen Richter. Auf diese Weise wird nebenbei die Geschichte um den pensionierten Juristen und seinen weltoffenen Enkel Jester erzählt. Die beiden sind grundverschieden: der Alte politisch reaktionär und rassistisch, der Junge scheu, aber offenherzig. Beide pflegen Beziehungen zum dem schwarzen Jungen Sherman, der später auf tragische Weise Dreh- und Angelpunkt in einer geheimen Familiengeschichte sein wird. Doch all das kümmert Malone gar nicht mehr. Als er den Unglauben überwunden hat, folgt eine Phase bitteren Trotzes. Er ist empört über diejenigen, die ihn überleben werden und fällt in ein tiefes Loch. Dadurch kapselt er sich ab von seiner Frau, die er schon lange nicht mehr liebt und isoliert sich stark von der Öffentlichkeit. Lediglich vom örtlichen Priester erhofft er sich Zuspruch, aber auch der kann ihm nicht helfen. Als er schon deutlich geschwächt ist, beschließt der Pharmazeut nochmal, etwas zu unternehmen und will eine Reise antreten. Doch die Krankheit, von der er mittlerweile ziemlich gezeichnet ist, fesselt ihn ans Bett. Kurz vor seinem Tod erstarkt die Liebe zu seiner Frau noch einmal erneut, die sich in Malones letzten Tagen rührend um ihn kümmert.

Eine Uhr ohne Zeiger

Die Metapher 'Uhr ohne Zeiger' ist naheliegend: der kranke Malone blickt ständig auf eine Uhr, als wolle er die verbleibende Zeit ablesen, doch die Uhr hat keine Zeiger und kann ihm so den Zeitpunkt des Todes nicht verraten. Und um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht – wäre ich in einer ähnlichen Lage – ob ich die Zeit, die mir noch zu leben bleibt, überhaupt wissen wollte.

Malones Situation macht hilflos und betroffen. Würden Sie Ihr Leben noch einmal völlig umkrempeln, auf Reisen gehen und versuchen, jede Sekunde in vollen Zügen zu genießen? Oder würden Sie wie er, Ihren Alltag wie gewohnt weiterführen?

1 Kommentar

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wize.life-Nutzer
ich glaube ich würde so weiterleben wie jetzt,(natürlich nicht genau so) ich habe auch nicht das Gefühl das ich was versäumt habe und es dann unbedingt nachholen muss.
Ich würde lieber an Krebs erkranken, und wissen ich hab nur noch 6 Monate zu leben, als plötzlich tot umzufallen. Das habe ich mit meiner Schwester erlebt, die noch 7 Monate nach der Diagnose leben dürfte und unzähligen Patienten auf der Krebsstation. Sicher, es tut schrecklich weh wenn man weiß das es ein Abschied für immer sein wird von den allerliebsten auf dieser Welt, aber Knall auf Fall für immer weg sein? möchte ich nicht und ist auch für die Liebsten schrecklich.
Vor 5 Jahren hatte ich einen lange einen Selbstmordversuch geplant, der mir wider Erwarten nicht geglückt ist, und ich hab die Reaktionen heftig miterlebt. Mir war damals nicht klar wie viel Schmerz ich hinterlassen hätte, trotz aller Briefe die ich vorher geschrieben hatte .Es hat lange gedauert bis sie mir wieder vertrauen konnten.
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