Lauritz liest: „Isabelle“ oder „Liebe auf den ersten Blick“
Lauritz liest: „Isabelle“ oder „Liebe auf den ersten Blick“Foto-Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Love_Liebe.JPG
Lauritz liest: „Isabelle“ oder „Liebe auf den ersten Blick“

Sich in eine Person verlieben, die man noch nie gesehen hat. Die man nur aus Erzählungen oder von Bildern kennt. Geht das? Ja, das geht!, lautet die Antwort, folgt man der Geschichte von André Gides Roman „Isabelle“. Denn Gérard verliebt sich in Isabelle, ohne sie jemals gesehen zu haben. Was dieses Buch so lesenswert macht? Dass man sich im Handeln des Protagonisten immer wieder selbst entdecken kann...

Dating-Plattformen im Internet boomen. Ich frage mich dabei immer: ist das wirklich möglich; kann man sich in eine Person verlieben, die man gar nicht kennt? Die man vielleicht noch nie gesehen hat, und wenn, dann nur auf Bildern? Klar, das Prinzip dieser Seiten ist ein anderes: man schreibt sich Nachrichten, tauscht eventuell ein paar Bilder aus und dann trifft man sich – verlieben tut man sich erst hinterher.

Doch es ist auch nicht von der Hand zu weisen: wenn man sich das Profil einer interessanten Person ansieht, entwickelt man immer auch schon Vorstellungen. Haben wir ähnliche Hobbies? Würden wir uns gut verstehen? Könnten wir uns theoretisch tatsächlich ineinander verlieben?

Rettung aus der Langeweile

Zugegeben: zur Zeit des Literaturnobelpreisträgers André Gide und seiner kurzen Erzählung „Isabelle“ gab es noch kein Online-Dating. Aber dem Protagonisten Gérard Lacase aus dieser Erzählung, die 1911 erschien, passiert genau das: er verliebt sich in eine Frau, der er noch nie begegnet ist. Er kennt sie zwar nicht von einer Webseite wie beim Online-Dating, sondern sieht sie lediglich einmal auf einer kleinen Miniaturmalerei – doch das reicht schon, um sei Herz für sie höher schlagen zu lassen.

Von vorne: Gérard Lacase ist Doktorand und schreibt seine Dissertation über einen französischen Bischof. Sein Lehrer verspricht ihm, im Schloss Quartfourche einige wichtige Dokumente für seine Arbeit zu finden. Also reist der junge Sorbonne-Student zu dem abgelegenen Landgut, wo er von den Haltern Monsieur und Madame Floche sehr gastfreundlich empfangen wird.

Seine Recherchen schließt er schnell ab und schon bald langweilt sich Gérard auf dem weitläufigen, ruhigen Schloss – er ist das turbulente Paris gewohnt. Trotz überaus höflicher Gastgeber und interessanten Gesprächen mit der Belegschaft des Hauses, allen voran dem Abbé und dessen Schüler Kasimir, geht Gérards Langeweile bald soweit, dass er mit einem inszenierten Brief sogar einen Notfall vorspielt, wegen dem er unverzüglich nach Paris zurückkehren muss.

Doch kurz vor der Abreise zeigt Kasimir Gérard das Bild seiner Mutter, Isabelle, die, wie er sagt, momentan unterwegs ist und von Zeit zu Zeit das Schloss besucht. Der junge Student ist sofort hingerissen von der Schönheit der jungen Frau und beschließt, doch länger zu bleiben – in der Hoffnung sie bald zu Gesicht zu bekommen. Er stellt Nachforschungen über Isabelle an, findet sogar einen alten Brief von ihr und malt sich die kühnsten Szenarien aus, wie ein Treffen mit ihr ablaufen könnte. Kurz: er hat sich Hals über Kopf in die Unbekannte verliebt.

Verliebt in eine Vorstellung?

Wie der Roman ausgeht, will ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Es sei nur so viel gesagt: mit der Person Isabelles hängt ein altes Familiengeheimnis zusammen, das am Ende gelüftet wird.

Doch was mich darüber hinaus viel mehr interessiert: denken Sie, dass es wirklich möglich ist, sich in jemanden zu verlieben, den man nie zu Gesicht bekommen hat? Oder verliebt man sich dann nur in eine bloße Vorstellung?

Diese Fragen schießen mir jedes Mal in den Kopf, wenn ich das Buch wieder zur Hand nehme.

4 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Kann ich mir absolut nicht vorstellen
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wize.life-Nutzer
Ist mir noch nie passiert, kann ich mir aber vorstellen, besonders wenn die sich verliebende Person mit einer regen Phantasie und Vorstellungsvermögen ausgestattet ist.
Das Foto oder Bildnis eines Menschen spricht einen ja auch auf eine gewisse Weise an, die nicht zu unterschätzen ist. Ich denke, daß es nicht nur mir so geht: Man klickt eine Person an, sieht sich das Foto in Großformat an, um ein möglichst genaues Bild zu haben, und in Sekundenschnelle bildet sich im Kopf ein ziemlich komplexes Mosaik. Das muß nicht in allen Einzelheiten den realistischen Tatsachen entsprechen, aber es ist eine "grobe Einschätzung".
Ein Gesicht kann so viel ausdrücken und erahnen lassen, sodaß ich mir gut vorstellen kann, sich auch möglicherweise verlieben zu können, zumal Verlieben ja nicht heißen mu0, daß man zusammenpasst oder füreinander geschaffen ist.
wize.life-Nutzer
das finde ich natürlich sehr schön ,ist aber denke ich ,die Ausnahme
wize.life-Nutzer
Kann ich gut verstehen, Inga, denn eine Person ist mehr, als nur ihr augenblickliches Erscheinungsbild.

Zu Angelika: Ich denke, dass man bei jeder Verliebtheit anfangs Gefahr läuft, seine Wunschvorstellungen und Erwartungen auf die Zielperson zu projezieren. Das ist auch nicht unbedingt von Nachteil, wenn man im Verlauf der weiteren Entwicklung bereit ist, auch ohne rosarote Brille zu sehen. Wobei man mit Erwartungen beim Anderen auch oft etwas bewirken kann.
Dazu ein paar kleine Gedanken von mir:

Hoch hinauf, in die Nähe der Götter
hatte ich dich gestellt.
Jetzt bin ich bereit, dich unter die
Normal-Sterblichen einzureihen,
mit der Hoffnung jedoch,
ein Hauch des Glanzes möge an dir
haften geblieben sein.

(Renate Massari)
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.