Lauritz liest: „Stiller“ oder „Wer bin ich wirklich?“

Das eigene Leben völlig umkrempeln. Ein anderer, vielleicht besserer Mensch zu werden. Warum ist die Umsetzung dieses Traums so unglaublich schwierig? Überraschend aktuelle Antworten auf diese Frage fand ich in einem Literaturklassiker der 1950-er Jahre...

Wer kennt das nicht? Aus einer Laune heraus gibt man sich gegenüber Freunden, Bekannten oder Kollegen einmal völlig anders als „normal“. Man wird laut, wo man sonst still geblieben wäre; hält sich heraus, wo man sonst eingegriffen hätte. „Du bist heute gar nicht du selbst“ – heißt es dann oft. Doch was ist daran eigentlich so schlimm?

Den meisten Leuten fällt es offenbar schwer, mit unerwartetem Verhalten von Personen, die sie eigentlich gut zu kennen glauben, klarzukommen. Auch ich habe eine ähnliche Erfahrung gemacht. Mit meinem Umzug in eine neue Stadt zum Beginn meines Studiums erfolgte gewissermaßen auch ein Umzug, eine Umgestaltung der Rolle, die ich innerhalb meines neuen Freundeskreises einnehme. Unbewusst, da ich mir nicht konkret vornahm, mein Leben vollkommen umzukrempeln, aber es ist trotzdem nicht von der Hand zu weisen: Meine alten Freunde sehen und kennen mich anders als meine neuen Studienfreunde.

Wenn ich nach einer längeren Zeit im Kreise der Einen wieder die Anderen treffe, merke ich oft, wie unterschiedlich viele Verhaltensweisen der beiden Freundeskreise sind. Dieses Wandeln zwischen den Welten ist nicht immer ganz einfach. Andererseits: Wie oft erhält man schon die Möglichkeit, sein Leben nochmals neu zu justieren, sozusagen eine persönliche tabula rasa zu vollziehen?

Ein radikaler Versuch

Und wie geht es Stiller, dem Protagonisten im gleichnamigen Roman von Max Frisch? Auch er hat in seinem Leben eine feste Rolle eingenommen. Seine Freunde kennen ihn als einen weichen, leicht verletzbaren Menschen. Die Ehe mit seiner Frau Julika liegt in den Brüchen, weil Stiller wenig auf die Reihe kriegt. Der Status quo scheint unverrückbar. Doch Stiller will sich damit nicht mehr abfinden, er will sich nicht weiter anpassen, sondern ausbrechen – und zwar im wörtlichen Sinne. Also haut er ab. Als er nach Jahren wieder zurückkehrt in seine Heimat Zürich – und hier setzt die Handlung des Romans ein – wählt er einen radikaleren Schritt als die meisten Menschen, um sein altes Leben von sich zu werfen. Er erfindet sich neu, er gibt sich als jemand anderes aus, als ein gewisser James Larkin. Darin sieht er die einzige Möglichkeit, auch sein Leben neu zu erfinden, ja neu zu spielen. Mit denselben Darstellern zwar, an denen er sehr hängt, seiner Ex-Frau Julika, seinem Freund Rolf und dessen Ehefrau Sybille, aber mit einem gänzlich umgeschriebenen Drehbuch. Soweit sein Plan. Doch die Realität sieht anders aus.

Beharrlich weigern sich Julika, Rolf und Sybille, Stiller alias James Larkin als einen Menschen zu sehen, der sich verändert hat, vielmehr drängen sie ihn dazu, endlich zuzugeben, wer er wirklich ist. Obwohl Larkin immer wieder beteuert, er sei nicht „ihr Stiller“, also nicht der Stiller, den sie zu kennen glauben, verkennen sie sein Vorgehen als Hirngespinst. Irrtümlich denken sie, er wolle sie mit seiner neuen Identität an der Nase herumführen und übersehen so die eigentliche Absicht dahinter: ein neues, besseres Leben zu beginnen.
Das Ende des Liedes ist, dass Stiller gerichtlich zu seiner alten Identität verurteilt wird und so gleichzeitig auch wieder in seine alte Rolle geschoben wird. Das Experiment ist gescheitert.

Die Lupe der Gewohnheit

Aber warum musste Stillers Versuch, ein Leben ohne Klischees und vorgefertigten Rollenbildern zu führen, fehlschlagen? Können wir uns ändern – oder sehen wir an unseren Mitmenschen nach einer Weile nur noch das, was wir sehen wollen?

3 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Hallo Lauritz,
ich habe hierzu eine interessante Metapher gelesen:

Wenn wir eine Zeitmaschine hätten…. schreibt I.M. Simon
Das wäre nicht schlecht. Wir könnten einfach in die entsprechende Zeit zurückreisen und Problemereignisse ungeschehen machen oder so verändern, dass etwas Gutes daraus entstehen könnte. Wir könnten einen ganzen Lebenslauf damit verändern. Klingt gut, ist aber nicht möglich?
Nein, natürlich nicht. Oder doch?

Der Gedanke daran hat doch etwas verführerisches, nicht wahr?
wize.life-Nutzer
Hallo Herbert,

entschuldige die späte Antwort! Was Du ansprichst, diese Idee, die zieht sich durch das ganze Werk von Max Frisch. Er hat übrigens noch ein Buch geschrieben, in dem es um so was ähnliches wie eine Zeitmaschine geht, nämlich das Drama "Biografie: Ein Spiel". Was sich darin zeigt: Die Figuren in diesem Stück haben eine solche Maschine, trotzdem schaffen sie es nicht, ihr Leben zu ihrer Zufriedenheit zu verändern, weil sie es immer noch besser machen wolle und immer weiter in der Zeit zurück reisen. Am Ende scheitert alles. Vielleicht würde uns selbst so eine Maschine nichts bringen, weil wir dann immer perfektionistischer werden. Was denkst Du?
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wize.life-Nutzer
Danke für diesen interessanten Beitrag, Lauritz.
Ich habe "Stiller" als Schülerin gelesen und ich fand das Buch damals schon gut. Durch deine Beschreibung bekommt man richtig Lust, das Buch nochmal in die Hand zu nehmen, um zu sehen, wie es heute auf mich wirkt.
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